Sonntag, 21. Oktober 2012

30 DAYS OF NIGHT (2007 David Slade)


30 Tage lang wird in Darrow, einer Stadt in Alaska, die Sonne nicht scheinen. Das ist für die Einwohner nichts ungewöhnliches. In diesem Jahr kommt sie jedoch der Horror besuchen: Vampire nutzen die monatlange Nacht für eine Blutorgie...


Kampf der Russenmafia!

So hätte ich diesen Streifen genannt, denn genauso wirkte der Clan Vampire auf mich, der hier der sehr guten Idee nachgeht, Alaska unsicher zu machen, in der Zeit, in der 30 Tage lang die Sonne nicht aufgehen wird.

„30 Days Of Night“ ist die Verfilmung eines Comics. Ich kenne es nicht, vermute aber mal anhand der Bilder, die dem Filmfreund hier vorgesetzt werden, dass in der Verfilmung einiges optisch von der Printmedie übernommen wurde. In diesem Bereich gibt es nämlich nur wenig zu klagen. Im Gegenteil, zunächst ist man fasziniert von den Bildern, die einem vorgesetzt werden. Der Farbton stimmt, die Fotografie ist hervorragend, die Computeranimation drängt sich als solche nicht auf, die Location ist stimmig. Das sorgt für eine gute Grundatmosphäre, stimmt zu Beginn in den Film ein und erhöht die Erwartungshaltung.

Gerade die Fotografie ist der Punkt, der es am wenigsten verdient hat, in Actionszenen durch unnötiges und nerviges Geruckel vergewaltigt zu werden. Aber genau dies passiert. Da zuckt die Kamera und man fragt sich, aufgrund der restlichen Optik: warum? Wie kann man nur so blöde sein und sein (bis hier hin nur bildlich betrachtetes) Werk derart zerstören? Kehrt Ruhe ein, so sind auch wieder die schönen Bilder zu bestaunen, der Optimismus des Zuschauers kehrt jedoch nicht mehr zurück. Nach der ersten Ruckelszene ist klar, dass das filmische Erdbeben nun in jeder Szene wiederkehren wird, in der die Post abgeht. Und da wir uns in einer Großproduktion des modernen Unterhaltungskinos befinden, wird es davon noch genug geben.

Bleiben einem immerhin noch die schönen ruhigen Bilder. Und einen Film muss das Ruckel-Manko auch nicht komplett kaputt machen, das sieht man ja auch an Genrevertretern wie „28 Weeks Later“. Bleiben wir noch kurz bei der Optik: Die Vampire sehen toll aus. Ihre spitzen Zähne wirken monströs, ihre Bewegungen sind schnell, ihr Outfit ist gelungen. Wie oben erwähnt wirken sie aber einfach wie eine olle böse Russenmafia. Manchmal sind sie etwas zu krampfhaft auf cool getrimmt und ewig hängen sie im Grüppchen zusammen. Es kommt selten vor, dass ein Vampir auch einmal alleine einer blutigen Tätigkeit nachgeht.

Das verwundert gerade in einer der finalen Szenen. Um jemanden zu retten, legt sich der Held mit den Vampiren an. Die zu rettende Person hat sich versteckt, er soll die Blutsauger ablenken, damit sie flüchten kann. Wenn der Held nun vor der Gruppe Vampire steht ruft er der Hilfsbedürftigen zu, sie solle nun laufen. Eigentlich vermutet man nun, dass dieser völlig unnötige und besonders dumme Fehler bestraft wird. Aber nein! Keiner der Vampire schnappt sich die Frau, lieber bleiben alle beisammen und starren auf den menschlichen Störenfried. Der Fehler der Hauptperson wird damit zum Fehler des Drehbuchautors, und der hat es wirklich drauf.

Es ist zwar schön zu sehen, dass der Autor auch Figuren das Filmende erleben lässt, die man als spätere Opfer angesehen hat, umgekehrt ist anhand der restlichen Figuren dennoch schnell klar, wer wann ungefähr ins Gras... pardon... in den Schnee beißen darf. Und soviel ist klar, unsere unsympathische Heldin wird es nicht sein.

Da haben wir wieder eine dieser Hauptrollen, die sich völlig widerlich und egoistisch verhält, vom Autor aber scheinbar gar nicht so gedacht ist, sondern als Sympathiefigur eingebracht wird. Damit kann sie Blondi aus „Dawn Of The Dead“ fröhlich die Hand reichen.

Der Charakter Hartnetts ist da schon etwas angenehmer, aber auch nur im Vergleich. Auch sein Verhalten ist recht fragwürdig, auch auf die gegebene Grundsituation gesehen. Zudem ist der an sich sonst äußerlich so individuell wirkende Hartnett von der Maske ziemlich gewöhnlich zurecht gemacht worden. Das ist sicherlich so gewollt, je später der Film und je weiter der Bart, desto mehr verwandelt sich Hartnett allerdings in einen Tom Cruise-Klon. Ist schon lustig: Die einen werden Vampire, der Held wird Cruise. Hmmm... zu wem soll man bei dieser Auswahl halten?

Aus der Idee 30 Tage lang von Vampiren belagert zu werden, wurde recht wenig gemacht. Man hat das Gefühl, dass das ganze Geschehen ebenso unter normalen Bedingungen hätte stattfinden können. Glaubwürdig ist das ganze auch nicht umgesetzt. Angeblich soll der Zuschauer akzeptieren, dass in der Mittelphase keiner der Vampire tagelang auf die Idee kommt, noch mal ins Polizeipräsidium reinzuschnuppern, wo sich unsere Überlebenden verstecken. Die Vampire werden als intelligent dargestellt. Und wenn es tagelang nichts zu futtern gibt, und man Überlebende vermutet, dann stöbert man nach dem Imbiss auch da nach, wo man Tage zuvor bereits gesucht hat.

Auf der Seite der Menschen geht es nicht weniger unlogisch zur Sache. Die Gruppe ist eigentlich viel zu laut um nicht entdeckt zu werden, ihr Alltag im Versteck wird ausgeblendet, nie erfährt man Kleinigkeiten, die das Gesamtwerk erzähltechnisch etwas dichter hätte wirken lassen. Gerade in der ersten Phase, in der man sich auf einem Dachboden versteckt, stellen sich doch fragen wie: Lebt man im Fäkalgestank oder geht man aufs richtige Klo? Traut sich dies jeder? Geht man in Grüppchen? Mit diesem Thema hätte man nicht nur besagte Zusatzatmosphäre geschaffen, man hätte auch spannende Momente damit herausarbeiten können. Meist steht in diesem Streifen aber sowieso die Action im Mittelpunkt, Spannung kommt nur selten auf, meist trumpfen höchstens die Schocks, die paar wenigen, die es gibt.

Bleiben wir bei der Unlogik auf Menschenseite: Ziemlich zu Beginn geht die Gruppe ihre Vorteile durch. Das stärkt das Selbstbewusstsein, das lindert im geringen Maße die Angst. Man fragt sich aber unweigerlich, warum diese Stärken aufgezählt werden, wenn später nicht eine davon gezeigt wird. Man beschließt beim nächsten Schneesturm das Versteck zu verlassen, um ein besseres aufzusuchen. Der Schneesturm lässt auf sich warten (gute Idee) und wenn es so weit ist, schlendern unsere Leute los. Nun soll man erstens glauben, den Vampiren würde der olle Sturm etwas ausmachen (ein Grenzbereich zwischen unglaubwürdig und möglich) und zweitens laufen unsere Helden als Gesamtgruppe los, womit man auch besser zu sehen ist. Und noch besser: Sie laufen die Hauptstraße entlang. Dabei hieß es noch bei der Aufzählung der Vorteile, man kenne den Ort mit all seinen kleinen Winkeln ach wie gut. Die Hauptstraße hätte auch jeder unwissende Tourist nehmen können. Warum unsere Helden auf ihrer „unauffälligen“ Wanderung nicht noch laut „Das Wandern ist des Müllers Lust“ gesungen haben weiß nur der Drehbuchautor.

Es gibt genügend solcher Szenen und Ärgernisse, die das Gesamtbild von „30 Days Of Night“ gnadenlos ins negative abrutschen lassen. Zum Glück wird der Film durch einige positive Aspekte nicht zu digitalem Schrott, sondern immerhin noch zu Routine. Toll zu nennen wären, neben den bisher genannten Punkten, kleine Storyideen, wie jene, dass der Schneesturm zu schnell zu Ende geht. Gut ist auch, dass man Kinder nicht verschonte, im Gegenteil, man lässt sie auch als Vampire auf die Menschheit los. Und eine der besten Ideen, und wegen seiner comictypischen Poesie sicherlich direkt von der Vorlage übernommen, ist die Schluss-Szene bei Sonnenaufgang.

Man merkt aber bereits anhand dieser Aufzählung dass diese positiven Punkte nicht reichen, um den Film ins Gute kippen zu lassen. Auf der Negativseite befinden sich immerhin so gravierende, da die Geschichte tragende, Ärgernisse, wie die Frage, warum der Held der Geschichte glaubt, er müsse im finalen Schritt die Seiten wechseln, um seine Liebste zu retten. Die Szene erinnerte mich an die Idiotie eines „Fantastic Four“, in der Mr. Steinmann glaubte, kurz nachdem er wieder ein Mensch ist, er könne die Gruppe nur als Steinmann retten, woraufhin er sich wieder zum Steinmann machen lässt. Was für einen Tunnelblick muss man in beiden Fällen besitzen, um zu glauben diese Schritte wären notwendig gewesen? Klar ist die Verwandlung in den Gegner in diesem Vampirfilm ein interessanter Gedanke (wenn auch kein neuer), aber er hätte aus anderen Gründen stattfinden müssen.

Blut gibt es übrigens genug zu sehen. Es ist nur irgendwie faszinierend, dass einem trotz der hohen Verschwendung des Lebenssaftes, das Horrorwerk an sich noch relativ harmlos vorkommt. Klar, die FSK 18 ist gerechtfertigt, aber eigentlich sieht man nur schnelle Vampire, Blutgespritze und die verwundeten Opfer. Die Bisse selber sieht man kaum, wenn dann zu schnell. Das wirkt etwas steril, etwas zu sauber, ein typisches Manko unserer modernen Hochglanz-Kinowelt.

Natürlich gibt es auch Ausnahmeszene, wie der wirklich sehr brutale Moment, in der die Kamera gnadenlos bei einer Enthauptung draufhält. Voyeuristische Bluttaten wirken jedoch nur dann, wenn auch andere Horrorelemente trumpfen. Solche Abscheulichkeiten alleine für sich erscheinen nur aufgesetzt, so als wolle man mit plumpen Methoden das Werk noch etwas aufwerten. Punkten werden solche Szenen sicherlich nur bei jenen, die von öden Provokationen wie „Saw“ und dem „Texas Chainsaw Massacre“-Prequel begeistert waren. Den echten Horrorfan lassen solche sinnlosen Gewaltszenen, wenn sie in keiner Verbindung mit anderen Genreelementen stehen, nur müde gähnen.

So ist das nun mit diesem „30 Days Of Night“. Die gute Grundidee, Vampire auf das düstere Alaska loszulassen, wurde durch zu wenig passender Elemente und zu großer Zeitsprünge kaum ausgenutzt. Die atmosphärische Optik wird immer wieder von Nervgeruckel zerstört, gerade in Szenen, in denen man gerne genauere Details gesichtet hätte, und die guten Storyideen gehen Hand in Hand mit inhaltlichen Idiotien und der Unsympathie der Protagonisten. Der Film ist zwar guckbar und macht szenenweise auch richtig Spaß, im gesamten hinterlässt er aber ein flaues Gefühl im Magen.

Trotz des vielversprechenden Plots ist er nur Magerkost für Horrorfans, wenn auch flott und actionreich umgesetzt. Über Langeweile braucht sich hier niemand beklagen, dafür aber über soziale Fragwürdigkeiten, das ewige Abrutschen in gewohnte Erzählroutine, nicht nachvollziehbare, da völlig unlogische, Verhaltensweisen und dem nervigen Soapgeschwätz, welches die Geschichte nicht einen Deu vorwärts bringt.


Trailer,   OFDb

Kommentare:

  1. Ach wie wohltuend endlich mal was zu hören / lesen was der eigenen Meinung entspricht ! Bisher hab' ich mir immer nur anhören müssen, was für ein "Meisterwerk" dieser Schund doch ist. Sicher, die Idee ansich ist gar nicht mal so schlecht. Nur die Umsetzung durch das selten dämliche Drehbuch macht das Ganze locker wieder wett. Schade eigentlich, aber hat nicht sollen sein !

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Bei meiner Erstsichtung hätte ich auch nie mit einem derart mauen Streifen gerechnet. Man sollte meinen, dass die Grundlage der Story ein Selbstläufer ist. So kann man sich irren. :)

      Löschen