Dienstag, 9. Oktober 2012

ABOUT SCHMIDT (2002 Alexander Payne)


Nach dem Tod seiner Frau überdenkt ein Rentner sein Leben, das bisher von seiner Workaholic-Art gesteuert war und somit wenig Sozialkontakte aufweist...


Eine Krise wird zur Chance...

„About Schmidt“ ist für einen amerikanischen Film ein sehr ehrliches und nahe gehendes Drama. Jack Nicholson schaffte es erneut, eine Rolle zu ergattern, die seinem Alter gerecht wird. Es ist eine herausfordernde Rolle, da sich auch alteingesessene Schauspieler wie er in solche Figuren erst hineinspielen müssen. Tommy Lee Jones und Co spielen seit Jahrzehnten den selben Figurentyp, was sollen sie da falsch machen? Aber Nicholson ist mutig, steht zu seinen Jahren (fast ein Verbrechen in Hollywood) und altert somit in Würde und indem er in seinem Fach Neues dazulernt.

Der hier besprochene Film ist authentisch umgesetzt. Typische Klischees kann man hier suchen gehen. Alle Figuren haben ihre Ecken und Kanten. Manchmal werden Fehler eingesehen, andere werden gar nicht erst beachtet. Jede Person hat Einfluss auf die andere, so dass sich ein Ping Pong-Spiel der Charakterbildung ergibt. Da es sich meist um ältere Personen handelt, findet diese Veränderung verständlicher Weise nur im Kleinen statt. Aber um die zunächst groß scheinenden Dinge im Leben geht es in „About Schmidt“ ohnehin nicht. Und dass hier gezeigte Veränderungen nicht immer in die richtige Richtung laufen, ist schlichtweg vom Leben abgeguckt.

Schmidt ist Rentner, kurz darauf Witwer und sucht den Sinn in seinem Leben. Er unternimmt eine Reise durch seine Vergangenheit, setzt sich neue Ziele und erfährt dabei viel über sich und die ihm nahestehenden Menschen.

Schmidt selbst ist keine Sympathiefigur. Er ist ein stolzer Mann, so stolz, dass er selbst einen kleinen Jungen per Post mit Nichtigkeiten belügt (Meine Tochter bat mich bei den Hochzeitsvorbereitungen zu helfen, aber ich habe abgelehnt. Natürlich war es umgekehrt). Schmidt schiebt als Alibi seine tote Frau vor, um seiner Tochter mitzuteilen, dass er mit ihrem Verlobten nicht einverstanden ist. Der Mix aus sich die Welt schöner lügen und bewusst lügen ist für ihn längst Routine, sicherlich auch durch den ehemaligen Job im Versicherungsbereich.

Es wird ihm aber auch im Positiven von Nutzen, wenn er beispielsweise auf der Hochzeitsfeier seiner Tochter, um sie nicht erneut zu enttäuschen, das Blaue vom Himmel lügt, nur um sie glücklich zu sehen. Schmidt ist Egoist genug (oder vielleicht einfach nur Realist) sich deshalb noch lange nicht selbst zu freuen. Viel zu tief sitzt der Frust bei der Gattenwahl seiner Tochter. Die bald angeheiratete Familie sagt ihm auch nicht zu. Offen kann er mit seiner Tochter darüber nicht sprechen. Sie ist verbittert. Schmidt war ein Workaholic, kümmert sich erst um seine Tochter seit seine Gattin tot ist und ihn somit niemand mehr beachtet. Selbstsüchtig will er sich ihr Wochen vor der Hochzeit aufdrängen, was sie zu verhindern weiß, so dass Schmidt erst durch Zwang auf die Idee kommt eine Tour durch seine Vergangenheit zu machen. Auf diesem Weg erreicht er Einsicht und Frieden mit seiner Verflossenen und ihrem heimlichen Liebhaber. Er muss erkennen, dass er auch nicht der ideale Ehemann war. Das ist ein großer Schritt für einen Egoisten wie ihn.

Lediglich an den Schwiegersohn kann er sich trotz seiner Einkehr nicht gewöhnen. Verständlich, der Kerl ist ein oberflächlicher Typ, der mit Billigpsychologie, wie sie beispielsweise bei Versicherungsseminaren angewandt wird, glaubt Mitgefühl vorheucheln zu können. Er schlägt Schmidt in schwärzester Stunde ein Geschäft vor, das nur zum scheitern verurteilt sein kann. Er ist ein kleiner Bauer, uneinsichtig aber davon überzeugt ein großes Finanzgenie zu sein. Verständlich dass Schmidt mit einem solchen Partner die Sicherheit seiner Tochter bröckeln sieht. Sie fährt auf einen Abgrund zu und lässt sich, trotz höherem Intellekt als ihr Gatte, vom Vater nicht die Augen öffnen, rein aus Prinzip, da Daddy sie ewig enttäuschte.

Allerdings muss man auch einräumen, dass Schmidt nicht gerade viel Talent entwickelt hat, ihr den Partner mit guten Argumenten auszureden. Da steht ihm zu sehr das Menschliche im Weg, in erster Linie das Fehlen einer Erfahrung ehrlicher und persönlicher Kontakte. Die Ehe wurde von ihm nicht bewusst wahrgenommen, deren Qualität erkannte Schmidt erst nach dem Tod seiner Frau. Und der beste Freund war lediglich ein Arbeitskollege. So kann man sich denken, wie hohl die Kontakte in Schmidts Leben waren, wie leer seine Persönlichkeit ist und wie unerfahren er somit in zwischenmenschlichen Situationen ist. Wenn die Arbeit alles ist, was man im Leben hatte, dann steht man als Rentner auf verlorenem Posten. Der Film drückt dem Zuschauer Schmidts Hintergrund nicht auf, er lässt ihn solcherlei selbstständig entdecken.

Die Figuren hätten kaum besser besetzt werden können. Tocher, Ehefrau, Schwiegersohn, sie alle spielen ihre eher banalen Rollen gut. Kathy Bates, als die Mutter des Schwiegersohnes, liefert wie gehabt eine Glanzleistung ab und zeigt sich von ihrer mutigen Seite in einer Nacktszene, die sich deutlich von hollywoodtypischen Szenen dieser Art abhebt.

Allen voran muss man Nicholson loben. Er stiehlt jedem die Show. An der Art des Drehbuchs orientiert, spielt auch er ohne mimische Klischees. Wenn man in einer traurigen Szene sieht wie Schmidt weint, erscheint einem dies geradezu fremd, weil er nicht die typischen Zeichen der Filmtraurigkeit aufkommen lässt. Jeder Gesichtsmuskel scheint gewollt eingesetzt zu sein, um zu dieser ungewohnten Mimik zu werden.

Das ein oder andere dürfte Nicholson sicherlich aus seinem Leben übernommen haben. Immerhin ist er auch recht alt und dürfte wissen wie man sich fühlt, wenn einem dies bewusst wird. Vom Charakter einmal abgesehen trennt sich von ihm und seiner Rolle aber ein wichtiger Punkt: Schmidt hat nichts erreicht wofür er in Erinnerung bliebe. Von jung auf hatte er große Pläne und musste zum Schutz seiner Familie Kompromisse eingehen. Schmidts Charakter ist derart leer, dass er nicht einmal erkennt, was für tolle Dinge er im Leben vollbracht hat. Allein die Tatsache seine Familie behütet zu haben. Schmidt hatte so hohe Ziele, dass ihm nicht auffiel, dass das was er als Hindernis sah bereits das Ziel war. Alte Werte sind ihm fremd. Er wollte weit nach oben, so dass er das Wesentliche im Leben nicht zu schätzen lernte, streckenweise nicht einmal bemerkte. Wäre ihm diese traurige Einstellung aufgefallen, wäre sein Lebenswerk lohnender zu erwähnen. Dann wäre der Kontakt zur Tochter wahrscheinlich nicht so mies, dann hätte er seine Ehefrau näher kennen gelernt und richtige Freunde finden können. Es ist unglaublich, was diese simple Geschichte alles beinhaltet und wie unauffällig diese ganzen Tatsachen integriert werden.

Auch die Maskenbildner leisteten große Arbeit. Man verstand es Nicholson sowohl das Dämonische zu nehmen, als auch sein besonderes Etwas. Schmidt ist ein Allerweltstyp. Sein Kopf wirkt runder als der von Nicholson und die Frisur ist gewöhnlich, nah am lächerlichen. Die Zusammenarbeit von Maske und Nicholson führt zu einem interessanten Ergebnis. Nicholson lächelt gewöhnlich und lässt dabei genau jene Mimiken entstehen, die man von einem Mann wie Schmidt erwartet. Der Rentner hat nie viel gelacht, nie viel geweint, sein Gesicht wirkt bei diesen Prozeduren amateurhaft. Er ist ein Anfänger im Lachen und Weinen. Das zeigt eine enorme Wirkung, ganz besonders durch die hier verwendete Frisur.

Auch die Regie leistete gute Arbeit. Alexander Payne erreichte nach „Election“ erneut ein hohes Niveau. Um so erfreulicher, da beide Werke derart unterschiedlich sind, dass man sie nicht ernsthaft miteinander vergleichen könnte. Die Bücher zu beiden Filmen stammen auch von Payne. Das zu „About Schmidt“ ist jedoch eine Spur schwächer, denn ab und an wirkt die Geschichte zu episodenhaft.


Trailer,   OFDb

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