Mittwoch, 7. November 2012

DER SINN DES LEBENS FÜR 9,99 $ ($ 9.99 2009 Tatia Rosenthal)


In einem städtischen Mietshaus hat jeder Bewohner mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen. Ein gelangweilter Rentner sucht die Unterhaltung zu einem trügerischen Engel. Ein Vater macht sich Sorgen um seinen jugendlichen Sohn, da dieser keine Fortschritte bei der Jobsuche macht, der wiederum sucht verzweifelt seinen Platz im Leben. Sein Bruder sucht sein Glück in der Liebesbeziehung zu einem Model, ein anderer junger Mann lebt aktuell in Trennung mit seiner Verlobten und sucht sein Glück bei Rauschmitteln. Ein kleiner Junge spart tapfer sein Geld für ein Fußball-Spielzeug welches ihm sein konservativer Vater nicht kaufen will...


Eine Art Antwort...

Erzählt wird die fast alltägliche Suche nach dem Sinn des Lebens, ob nun bewusst suchend oder nicht, über den Mikrokosmos Mietshaus, in welchem jeder für sich lebt und doch kleine Einflüsse auf den anderen hat. Ebenso wie seine Figuren bleibt Geschichtenerzählerin Tatia Rosenthal, für die der Streifen ihr Regie-Debut darstellt, nah an der Realität haften. Zwar wird hin und wieder mit der Engelsgeschichte der phantastische Bereich gestreift und die Geschichte um das Supermodel und jene um den Kiffer gleiten hin und wieder in Comic-artige Momente ab, aber eigentlich ist "Der Sinn des Lebens für 9,99 $" doch recht lebensnah erzählt.

Mit dramatischen Themen im Zentrum mag er aufgrund seiner Animationsrichtung, der Knetanimation, vordergründig ein wenig an "Mary And Max" erinnern, sind doch beide Filme an ein erwachsenes Publikum orientiert, von dem man erwartet mitzudenken. Aber bereits der Animationsstil macht deutlich, dass Rosenthals Werk doch recht andere Wege beschreiten möchte. Optisch übertrieben oder gar lustig sind die Figuren nicht mehr modelliert. Kein Wunder, "$ 9.99" (Originaltitel) ist ein Drama, welches den Humor fast komplett zu Hause lässt, und das soll sich auch in den Figuren wiederspiegeln. Klar, was passiert geschieht augenzwinkernd, und wie im wahren Leben gibt es hin und wieder Lustigkeiten zu erleben, aber hauptsächlich geht es um ernste Themen, ebenfalls so wie das Leben nun einmal gestrickt ist.

Die im deutschen Titel suggerierte Frage um den Sinn des Lebens steht tatsächlich im Mittelpunkt des Streifens, jedoch sicherlich nicht so wie es der Zuschauer erwarten würde. Zunächst orientiert sich der Titel an ein Buch, welches ein junger Mann für sich und seinen depressiv werdenden Vater bestellt. Dieses hilft angeblich bei der Suche nach dem Sinn des Lebens zum Preis von 9,99 $ und ist dabei selbstverständlich so viel hohle Hilfe wie so viele Produkte aus der Lebensberatung.

Dem noch leicht beeinflussbaren jungen Mann der es gekauft hat vermittelt es eine neue Welt, lebt dieser doch in einem monoton ablaufenden Haushalt in welchem man nur über das Alltägliche redet. Nun erlebt er eine Welt des Nachdenkens über den eigenen Tellerrand hinaus. Der Vater hält nicht viel von solchen Büchern, jedoch nicht aus dem tatsächlichem Grund warum ein solches Produkt anzuzweifeln ist, sondern einfach weil er seinen Sohn für einen Phantasten hält, was die Hauptursache in seinen Augen dafür darstellt, dass der keinen Job findet. Zumal es der Herr Papa war, der seinem Sohn aufgrund der Arbeitslosigkeit mal wieder 10 Dollar leihen musste, und der nun mit ansehen muss für was der Sohn das Geld verplemperte, das in diesem Haushalt ohnehin knapp ausgefallen ist. Mehr noch als mit ansehen, Sohnemann will freilich Papa bekehren, völlig euphorisch in einer neuen Welt der Wahrnehmung lebend und naiv hoffend Daddy damit anstecken zu können.

Was das ganze nun wirklich mit dem Sinn des Lebens zu tun hat offenbart sich dem aufmerksamen Zuschauer erst gegen Ende, wenn jede Geschichte ihr Ende gefunden hat und dabei jeder Erzählstrang, wohl das einzig nicht realitätsorientierte im Film, ein kleines Happy End erfährt. Ob nun bitterer Natur oder Hoffnung spendend, so führt jeder Erzählstrang zu einem individuellen positiven Ergebnis, ob man das Positive nun nachempfinden kann oder als das Gegenteilige für sich deuten würde. Hier macht der Film nun klar, dass es die Antwort auf den Sinn des Lebens nicht eindeutig für jeden Menschen gibt, sondern jeder seinen eigenen finden muss. Individualität wird damit nicht nur zum Motor der Lebendigkeit einer Gesellschaft erklärt, so wie es zuvor mit Blick auf den leistungsorientierten Alltag der modernen Gesellschaft still mahnend thematisiert wird, sondern gar zum elementaren Grundprinzip allen Lebens. Wie willst Du angepasst den Sinn des Lebens finden, wenn Du ein Individuum sein musst um es zu entdecken?

So pessimistisch "Der Sinn des Lebens für 9,99 $" auch erzählt sein mag, er gibt dem Zuschauer, sofern er dies für sich entdeckt, zumindest eine Antwort mit auf den Weg, so dass der etwas schlicht an der Realität orientiert wirkende Film philosophischer ausgefallen ist als es zunächst den Eindruck macht. Rosenthals Film ist ruhig erzählt, nimmt sich Zeit zur Entfaltung von Geschichte und Figuren und findet allein dadurch die Distanz zu den kommerziellen Produkten des Kinos. Filme machen wird als Kunstrichtung verstanden, hier kommt es auf das individuelle ebenso an wie in Figurenzeichnung und Botschaft, und das will man nicht von hohen Gewinnen wegblendend propagieren, das will man ehrlich erzählen auf die Gefahr hin mit einem solchen Werk finanziell zu scheitern.

Nur so kann der Film auch eine Ehrlichkeit ausstrahlen, die Großproduktionen wie "Robots" und Co fehlen, die angeblich ebenfalls aus Missständen hinaus helfen wollen. Zwar dürfte dem eigentlichen Zielpublikum des Streifens die Antwort des Filmes längst bekannt sein, aber man lässt sich trotzdem nur all zu gerne in die Wahrnehmung anderer "Menschen" entführen, um mitzuerleben worin diese ihr Glück finden werden, wissendlich dass dieses Glück, so wie im richtigen Leben, weder ewig halten wird noch über alles Schlechte im Alltag hinweg täuschen kann. Aber für den kurzen Moment bringt es eine Helligkeit hervor, welche die Dunkelheit überschatten darf. Ob nun jedem bewusst ist den Sinn des Lebens gefunden zu haben, darf angezweifelt werden, ist aber gerade deshalb wieder treffend realitätsnah thematisiert.


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