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Donnerstag, 22. August 2013

ALLES, WAS WIR GEBEN MUSSTEN (Never Let Me Go 2010 Mark Romanek)


Kathy, Ruth und Tommy sind nicht wie andere Kinder, und das wissen sie auch. Sie gehen in ein Internat für Klone, die später dafür da sind ihre Organe an echte Menschen zu spenden. Bis es so weit ist ensteht eine Liebelei zwischen Ruth und Tommy, die so lange anhält, bis Kathy sich von den beiden abseilt, um Betreuerin für Organspender zu werden...


Die Kunst und der Aufschub...

„Alles, was wir geben mussten“ kann man als das absolute Gegenstück von Michael Bays „Die Insel“ bezeichnen. Während dieses Werk laut war und von der Entdeckung eines Geheimnisses in der Zukunft handelte und dem Versuch dass die Klone ihr Schicksal verhindern wollen, ist Mark Romaneks Film ein ruhiges sentimentales Werk, welches in einer alternativen Vergangenheit spielt und in welcher die Klone sich ihres Zweckes bewusst sind und sich dem fügen. Sie sind von klein auf drauf eingestellt. Und das System funktioniert lückenhaft. In den 50er Jahren funktionierte erstmals das Verfahren der Organverpflanzung und wurde Standart. In den 60ern ist die Lebenserwartung bereits bei 100 Jahren angekommen. In den 70er Jahren wachsen die Helden der Geschichte im Internat auf, um in den 80er Jahren ihre kurzen Wege zu gehen, sich zu verlieren und irgendwann wiederzufinden.

So ereignislos das klingt, zumal die Klongeschichte eher unauffällig im Hintergrund spielt, während es vordergründig um das Beziehungs- und Gefühlsdreieck der drei Protagonisten geht, so sehr zieht der Film gerade daraus seine Stärke. Er beruht auf einem Roman des Japaners Kazuo Ishiguro, der eine  alternative Welt erschuf, die durch ihre Selbstverständlichkeit und der Befremdlichkeit bitterböse wirkt. Die Gesellschaft steht der Klonthematik völlig emotionslos gegenüber, und Ethik scheint es selbst dann nicht zu geben, wenn sich mancher Mensch, wie ein interessanter Aspekt der Auflösung eines im Film gestellten Rätsels zeigen wird, mit der Ethikfrage beschäftigt. Ganz im Gegenteil, diese Menschen wirken fast noch kühler als der Rest der Gesellschaft.

Da die Charaktere das wichtigste Gut neben der Grundidee sind, ist man ganz nah dran am Empfinden der drei Hauptfiguren, ganz besonders freilich an der Gefühlswelt der Identifikationsfigur Kathy, mit derer verpassten Chance man ebenso leben muss wie sie selbst. Der Film zeigt nebenbei auf wie Menschen, die alternativ leben, sich ganz von selbst eine alternative Realität basteln. Zum einen beschönigen/verdrängen sie die real auf sie zukommenden Probleme, wie es ein jeder wohl (ob bewusst oder unbewusst) tut, zum anderen wecken sie durch Gerüchte Hoffnungen ihr Schicksal verzögern zu können und malen sich den Sinn diverser Dinge aus ihrer Vergangenheit aus, den sie durch mangelnde Informationen nicht verstehen können. Ist man sich anfangs der Spekulation bewusst, so formt sich diese im Laufe der Zeit zu einem echten Glauben, und dem Zuschauer ist währenddessen durchaus bewusst, dass ein solches Denken, Fühlen und Glauben nur auf einen großen Crash hinauslaufen kann, der aber freilich ebenso sensibel angegangen wird wie der Rest des Films.

Zwar ist „Alles, was wir geben mussten“ in jeglicher theoretischer Art mehr als geglückt (Schauspieler, Regie, Drehbuch, Schnitt, ...), aber seine größte Stärke besitzt Romaneks Werk in der Mündigkeit, die er dem Zuschauer zugesteht. Nie stößt er einen zu weit auf die aufblitzenden Tiefen der Geschichte hin. Romanek lässt uns selbst entdecken, und neben den geradezu zwangsweise mit einer solchen Idee einherlaufenden Ansätzen von Gesellschaftskritik, philosophischen Gedanken und ethischen Grundsatzfragen, provoziert der Film doch eigentlich immer in den kurz aufgegriffenen Nebensächlichkeiten am effektivsten, beispielsweise wenn sich das groß gewordene Trio ganz nebenbei darüber austauscht was sie über ihre ehemalige Schule gehört haben, und dass einer von ihnen gehört habe, dass die jetzigen „Schüler“ nur noch Produkte in einer Art Legebatterie wären. Ausgesprochen, weitergesprochen!

In dieser Welt ist das normal, und der Klon will sich auch gar nicht zu sehr mit einer solchen Thematik befassen, muss er sich dann doch wieder ganz bewusst seinem Schicksal stellen. Es gibt einen Unterschied zwischen dem theoretischen Wissen und dem Wissen im Bewusstsein. Toll wie der Film sich der kompletten Psychologie seiner Idee bewusst ist und uns damit immer wieder den Spiegel vorhält, einen Spiegel den man auch auf andere Dinge im Leben ableiten kann.

So wirken die isoliert aufgewachsenen Kinder, wenn sie erstmals in die Stadt fahren, von der sie nur aus der Theorie wissen wie man sich dort verhält, wie Sektenmitglieder. Auch die Auflösung des im Film gestellten Rätsels wirft einen großen Schatten auf das Thema Religion, wäre die Kaltblütigkeit der Ethikforscher doch nie so immens, wenn gewisse Thesen, die Weltreligionen als Wahrheit verkaufen, nicht die Gehirne der Menschen seit langer Zeit manipuliert hätten. Im Prinzip zeigt die Auflösung, dass auch der nicht geklonte Mensch längst in einer sich vorgelogenen Realität lebt, die mal als Spekulation angefangen hat. Das läuft freilich alles sehr versteckt ab und muss vom Zuschauer entdeckt werden. Aber diese Themengebiete sind vorhanden und aus gutem Grund nicht direkt angesprochen. Das von mir gewählte Beispiel ist hierbei nur ein Teil eines großen Gedankenpuzzles, das in den hinteren Reihen des Films abläuft.

Dementsprechend wertvoll ist „Never Let Me Go“ (Originaltitel) ausgefallen, der es somit schafft auf drei Ebenen zu funktionieren. Der emotionale Teil der Hauptgeschichte lebt trotz (?) der Naivität der drei Hauptfiguren und geht dem Zuschauer sehr zu Herzen. Die Thematik des Klonens wird auf vielschichtige Art durch die zurückhaltende Erzählstruktur aus verschiedensten Richtungen beleuchtet, und das nicht nur in ihrer, sondern auch in unserer Ethikfrage. Und auf dritter Ebene funktionieren die unterschwelligen Aussagen losgelöst vom angegangenen Thema, um sich diversen Vergleichen in unserer Welt stellen zu können, damit wir diese kritisch und mündig hinterfragen können. In diesem Bereich ist Romaneks Werk eine Art Räuberleiter für den Zuschauer, manchmal nur in kurz angeklungenen Sätzen oder anderweitigen Nebensächlichkeiten und in diesem Punkt somit vergleichbar mit dem Film „Delphinsommer“.

„Alles, was wir geben mussten“ ist großes Gefühlskino mit Intellekt, zeigt dass das eine das andere nicht ausgrenzt sondern stützt und geht mit der Frage nach der menschlichen Natur nicht gerade zimperlich um. Hier wird nicht indoktriniert, manipuliert und frisiert, hier stellt man sich knallhart einer Wahrheit, losgelöst von Kultur und Zeit, da in einer Alternativwelt angesiedelt. Romaneks Werk ist eine der ganz wertvollen Filmempfehlungen, was mit Blick auf seinen missglückten „One Hour Photo“ verwundern darf. Der scheiterte seinerzeit an einer fehlerhaften Psychologie und somit genau an dem, was am hier besprochenen Werk gerade der größte Pluspunkt ist.

1 Kommentar:

  1. Ich kann dir nur zustimmen. Mir hat der Film auch sehr gut gefallen.

    Meine Kritik ist übrigens hier zu finden: https://filmkompass.wordpress.com/2013/08/17/never-let-me-go-2010/

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