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Mittwoch, 22. April 2015

LEBENDIG GEFRESSEN (Mangiati vivi! 1980 Umberto Lenzi)


Sheila sucht ihre verschwundene Schwester. Diese ist Mitglied einer fragwürdigen Sekte geworden, und eine Spur zu dieser führt in den Dschungel Neu-Gunieas. Sheila engagiert den Abenteurer Mark um im Dschungel gemeinsam nach der Schwester zu suchen. In einem ausschließlich von Sektenmitgliedern neu gegründetem Dorf findet man sie. Hier hält der Anführer der Religionsgemeinschaft seine Mitglieder gefangen, und auch Mark und Sheila dürfen das Dorf nicht mehr verlassen. Eine Flucht scheint sinnlos, ist der Ort doch umgeben von diversen Kannibalenstämmen...


Die Ohrfeige ist das sexuelle Vorspiel des harten Mannes...

„Lebendig gefressen“ ist reißerisch, selbstverliebt und vor allen Dingen selbstgerecht erzählt. Es wimmelt nur so, typisch Italo-Film, von fragwürdigen Verhaltensweisen, und letztendlich ist die komplette Geschichte ein einziges Klischee, so als würde man der Phantasie eines uninformierten weißen Zivilisierten lauschen wie er sich den Dschungel und die Wilden vorstellt. Dass bei solch einem Rezept nur ein pulpiges Filmerlebnis bei herumkommen kann, steht außer Frage. Ebenso die Tatsache, dass man mental in einer völlig anderen Ecke parkt als der Ausnahme-Kannibalenfilm „Nackt und zerfleischt“.

Andererseits: so wirklich Kannibalenfilm will der von Umberto Lenzi geschriebene und inszenierte „Mangiati vivi!“ (Originaltitel) gar nicht sein. Hauptsächlich geht es um die Sekte, so dass viel eher eine Verwandschaft zu „The Cult on Todville“ und „Gnadenlose Verführung“ vorliegt und nur bedingt zu Lenzis „Die Rache der Kannibalen“ und den vielen anderen Italo-Beiträgen, in welchen Menschen im Dschungel von Wilden gefressen werden.

Letzten Endes ist es aber auch egal. Auch hier wird Mensch gefuttert, selten aber dafür auf brutalste Art. Und einem Psychopathen dabei zusehen wie er seine Sektenmitglieder unter Drogen setzt, um ein Terror-Regime zu betreiben, weiß in einer solch psychologisch plump gezeichneten Art wie hier ebenso zu unterhalten. Da weht unfreiwillige Komik unübersehbar mit, aber auch ein gewisser anderer Charme. Allein die Musik weiß den Streifen angenehm zu unterstützen, die Dschungel-Location ist ebenso wirksam, und der Einstieg in Form eines Kriminalfilmes besitzt ebenso seinen Reiz, und mag er rückblickend noch so unnötig gewesen sein.

Auf die komplette Laufzeit gesehen streckt sich das Geschehen für meinen Geschmack allerdings dann doch zu sehr. Und Fleisch futternde Kannibalen fand ich eigentlich noch nie unheimlich oder erschreckend, und mystisch wohl nicht einmal die Fans solcher Filme, die letzte Möglichkeit auf welche Art eine Bedrohung in einem Horrorfilm faszinieren könnte. Damit Kannibalen halbwegs bedrohlich wirken, müsste ein Film zumindest auf sie bezogen relitätsnah inszeniert sein. Aber Authentizität war ein Fremdwort in der kurzlebigen italienischen Kannibalenfilm-Welle des letzten Jahrhunderts - zum Glück will man da schon sagen, bei solch trashigem Ergebnis wie „Lebendig gefressen“,  auch wenn er nicht unterhaltsam genug ausgefallen ist um am Ende mit einem angenehmen Gefühl den Film zu verlassen.

Aber zumindest funktioniert der Unterhaltungswert eine recht lange Zeit. Unser Held misshandelt die Heldin mehr als es der Sektenführer je tat - freilich nur zum Schutz der guten Frau, gerne auch mal so fest, dass sie das Bewusstsein verliert, oder auch mal um direkt danach mit ihr zu pimpern (dann aber bei Bewusstsein). Herrlich wie veraltet sich „Dschungel der Kannibalen“ (Alternativtitel) in seiner Geschlechtertrennung guckt. Und misshandelt Mark mal zwischendurch nicht die zu Beschützende, dann darf er heldenhaft selbstverliebt allen Gefahren des Dschungels trotzen, obwohl er wie ein Elefant durch den Porzellanladen stampft. Am Ende ist man an seine aggressive Art derart gewöhnt, dass es verwundert dass er auf einem Baum, dort sitzend um sich vor Kannibalen zu verstecken, die ebenfalls dort abhängende Schlange nicht nach dem Verschwinden der Wilden massakriert, eines der wenigen Lebewesen des Dschungels das den Film überleben darf.

Wer selbst mit für einen Schundfilm wenig Erwartungen an „Lebendig gefressen“ herangeht kann eventuell noch nett unterhalten werden, erst recht wenn er ein Faible für Menschenfresser hat. Ich persönlich ziehe dieser Thematik den Zombiefilm, Spuk- und Vampirgeschichten oder einfach nur die Schandtaten eines Psychokillers vor, muss aber zugeben dass die Anfang der 80er Jahre noch immer vorherrschende 70er Jahre-Stimmung viel am Film zu retten weiß, zumal er sich so wunderbar europäisch guckt wie man es von Werken dieses Landes zu dieser Zeit gewöhnt ist - da kann die Vor- und Nachgeschichte noch so pseudohaft in Amerika spielen.


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