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Donnerstag, 22. Oktober 2015

DER SCHREI DER EULE (Cry of the Owl 2009 Jamie Thraves)


Der in Scheidung lebende Robert Forrester hat im Wald ein Haus entdeckt, in dem eine hübsche Frau lebt. Des öfteren fährt er dort hin um sie heimlich zu beobachten. Als er eines Tages erwischt wird, wird er widererwartend von der Frau eingeladen. Ihr Name ist Jenny, und sie mag Robert von Anfang an. Man lernt sich kennen, man trifft sich wieder, und so langsam verliebt sich Jenny in den Stalker. Sie trennt sich seinetwegen von ihrem Freund, und der sucht eines Abends die Konfrontation mit Robert. Es kommt zu einer Schlägerei nah am Fluss, und von diesem Tag an ist Jennys Ex wie vom Erdboden verschwunden. Robert gerät unter Mordverdacht...


Er wollte doch nur seine Ruhe...

Die Charakterzeichnung von Robert ist einzigartig zu nennen, geradezu ungewöhnlich für einen Film dieser Art, und das verleiht „Der Schrei der Eule“, dessen literarische Vorlage schon mehrfach verfilmt wurde, einen individuellen Charakter. Der Zuschauer ist immer nah an den Empfindungen und Geschehnissen rund um Robert dran. Man baut eine persönliche Beziehung zu ihm auf. Man beginnt ihn zu verstehen, selbst wenn er Dinge tut die sonderbar erscheinen. Das Stalken gehört dazu, hat aber einen ganz anderen Grund als das Wort stalken eigentlich impliziert. Robert sucht lediglich das Wohlfühlen, welches er in seinem durch den Job und die Scheidung gestressten Alltag so vermisst. Und er findet es im Gemütszustand der Frau die er beobachtet.

Mehr will Robert nicht. Und deswegen werden die Geschehnisse rein zum Selbstläufer, wenn sich die ebenfalls depressiv scheinende Jenny in ihn verliebt. Er selbst möchte keine Beziehung so kurz nach der Scheidung, er lässt sich dennoch auf eine Liebschaft ein. Daraufhin kocht die Eifersucht in Jennys sitzengelassenem Ex. Der ist nach einer Prügelei plötzlich verschwunden. Eigentlich glaubt der Zuschauer an Roberts Unschuld, ist die Tür des Misstrauens doch nur einen Spalt auf durch ein Auslassen der Geschehnisse, nachdem Robert dem Vermissten gar das Leben gerettet hat. Aufgrund dieses Spalts dauert es auch einige Zeit zu begreifen worum es in „Der Schrei der Eule“ wirklich geht.

Mancher Thriller-Fan mag da enttäuscht werden, wenn es schließlich nicht um ein „oder war er es doch?“ geht. „Cry of the Owl“ (Originaltitel) ist viel mehr Psycho-Drama als Thriller. Es geht um das Gefühlsleben Roberts, das sich aufgrund immer extremer werdender Umstände immer mehr verändert. Unschuldig erlebt er die Isolation. Freunde entpuppen sich als erschreckte Mitläufer. Einzig Jenny hält zu ihm, so dass er sie bei sich hält, obwohl er keine Beziehung mit ihr möchte. Verständlich, keiner möchte alleine sein. Immer wieder wenn Robert Hilfe oder Verständnis entgegen gebracht wird, passiert etwas neues das den von Robert gewünschten Zustand wieder zunichte macht. Der Mann bleibt verdächtig. Er ist Opfer eines Intrigenspiels.

Und genau in diesem Punkt besitzt Thraves „Der Schrei der Eule“ seinen Schwachpunkt. Wenn es zur Auflösung kommt werden die Beweggründe des Täters nicht weiter verfolgt. Zwar erfährt man wer Robert böse mitspielt, ein tieferes Warum bleibt der Film einem aber ebenso schuldig wie die Frage nach dem Grund und der Art der Zusammenkunft zweier Verschworener. „Der Schrei der Eule“ erscheint trotz seiner dichten Erzählung plötzlich so gehaltlos, als habe er außerhalb Roberts Psyche nichts weiteres erzählen wollen. Aber was nutzt die genaue Betrachtung auf die inneren Vorgänge Roberts, wenn das Drumherum am Ende keine befriedigende Antwort liefert?

Schon zuvor bemerkt man wie willkürlich Nebenstränge radikal beendet werden, ohne dass man einen Grund für diese Art Schlussstrich erfährt. Die Auflösung sorgt schließlich dafür, dass genau diese Momente als das erkannt werden was sie sind: als einzig des reißerischen Effekts wegen eingebaute Konstrukte. Sie sollten dem Zuschauer lediglich unerwartete Wendungen bescheren ohne sich richtig ins Gesamtbild einzufügen. Auch hier besteht also vieles nur aus heißer Luft. Und da darf man schon enttäuscht sein.

Dank der Nähe zu den Charakteren bleibt „Der Schrei der Eule“ trotzdem ein sehenswerter Film, zumal er in großartige Bilder getaucht ist und talentierte Schauspieler zu bieten hat, von denen Julia Stiles mit ihrer individuellen Ausstrahlung ein besonderer Pluspunkt ist, würde man einem klassischen Hollywood-Püppchen die Rolle doch gar nicht abkaufen. Stiles verkörpert rein optisch bereits alles was zur Figur der Jenny dazu gehört. Sie wirkt sinnlich, anziehend, tiefsinnig und individuell. Sie ist eine Frau in die man sich nur all zu gern verlieben würde, Trümpfe die auch „10 Dinge, die ich an Dir hasse“ und die fünfte Staffel „Dexter“ an ihr zu nutzen wussten, Trümpfe die aber nicht darüber hinweg täuschen dürfen, dass Stiles zudem eine begabte Schauspielerin ist.

Paddy Considine kannte ich bislang nur aus „Hot Fuzz“ und (mehr noch) aus „The World‘s End“. Dort fiel er mir trotz guter Leistungen nur bedingt auf. Nun im „Schrei der Eule“ kommt man aufgrund dessen, dass er Zentrum des Films ist, nicht umhin zu bemerken wie großartig sein Spiel ist. Seine Leistung ist ähnlich sensibel zu nennen wie das Drehbuch, so dass die Kombination aus beidem den hauptsächlichen Sehwert ausmacht, den Stiles Zutun zusätzlich verzuckert.

Thraves Film hätte so viel mehr werden können, wenn er den Zuschauer am Ende nicht mit vielen offenen Fragen im Regen stehen lassen würde. Dann könnte man sich auch wesentlich mehr am hoffnungslosen Schlussbild erfreuen, welches einen Ort an dem einst ein glückliches Gesicht stand gegen ein absolut hoffnungsloses austauscht, das keine Möglichkeit auf ein Happy End besitzt. Schön ist auch der Kniff, dass der Zuschauer nun Roberts ehemalige Rolle als Stalker einnimmt. Hitchcock wäre sicherlich stolz auf Thraves gewesen.

Aber diese so geglückte Szene würde auch nur dann so intensiv beim Zuschauer nachhaltig wirken, wenn man nicht zuvor mit einem verpufften Nichts allein zurückgelassen worden wäre. Klar, nicht alles im Leben ist erklärbar. Es besteht hauptsächlich aus Zufällen. Aber die Beweggründe des Täters, ein näheres Beleuchten seiner Psyche und die seines Mittäters hätten einen Teil der Leere füllen können, so dass man die restliche Leere als absichtlich unbeantwortet als Zuschauer dankend angenommen hätte, um sich selbst Gedanken zu machen.


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