NECROPHILE KISS - DER TODESKUSS (Kissed 1996 Lynne Stopkewich)


Seit ihrer Kindheit ist Sandra auf einer wundersamen emotionalen Ebene mit dem Tod verbunden. Als junge Erwachsene organisiert sie sich eine Stelle in einem Bestattungsunternehmen und öffnet sich dort ihrer nekrophilen Neigung. Der Medizinstudent Matt ist an der jungen Frau interessiert, und als er von ihrer ungewöhnliche Neigung erfährt, fasziniert ihn dieses Thema. Er versucht Sandra zu verstehen, stößt dabei aber an seine Grenzen...


Tote Individuen...

Während das Thema der Nekrophilie meist in Horrorfilmen wie "Nekromantik" und "Necrophile Passion" auftaucht und reißerisch angegangen wird, geht "Necrophile Kiss" einen ganz anderen Weg. Als sensibles Drama ohne Effekthascherei inszeniert geht er das schwer nachvollziehbare Thema empathisch auf der emotionalen Ebene an und greift in seiner Erzählung auf einen raffinierten Trick zurück. Er bringt uns von Kindheit an die Figur der Sandra nahe, lässt uns Teil ihrer Welt werden, in welcher sie ihre Nekrophilie weder verdammt, noch dämonisiert, sondern als hohe emotionale Anteilnahme an den Leichnamen versteht, so dass ihre Neigung nach einer Zeit der Eingewöhnung für die Geschichte zu etwas solch Selbstverständlichem wird, wie für Sandra selbst. Hier wird nicht nach einer Störung gesucht, hier wird nicht hinterfragt wie es so weit kommen konnte. Letztendlich ist genau das Gegenteil der Fall, und hierfür benötigt die Geschichte die Figur des Matt.

Dieser junge Mann ist in Sandra verliebt und erfährt überraschend früh von ihrer grenzüberschreitender Neigung, was ihn jedoch keinesfalls abschreckt, sondern zu faszinieren beginnt. Zunächst studiert er Sandra, um sie zu verstehen, was dieser so gar nicht gefällt, also offenbart sie ihm den spirituellen Einblick, der ihr ihre Nekrophilie beschert. Anstatt verstört über die Neigung Sandras zu sein, verstört Matt das Ausgegrenztsein. Er kann nicht nachvollziehen was in seiner Herzensdame vorgeht, er will ebenso wie sie Grenzen überschreiten, um das Verständnis einer Sache zu erlangen, die Sandra mit keinem Außenstehenden teilen will. Er will erleben und nachfühlen was Sandra erlebt und fühlt, doch kann sie ihm dies nicht begreifbar machen, so dass Matts Irrweg der verstörende Faktor des Streifens wird und nicht der nekrophile Aufhänger, der im Originaltitel und dem Alternativtitel der deutschen Erstveröffentlichung, "Kissed", nicht erwähnt wird.

Nun verharmlost der Streifen Nekrophile nicht. Sandra wirkt durchaus weggedriftet, ganz klar bei Verstand ist sie nie, dabei wirkend wie Extremesoteriker, die mit Engeln und Kobolden reden, sich in ihrer Blase also vollkommen wohl fühlen und nichts Schlimmes in ihrem Tun und ihrer Neigung bemerken wollen. Sie hält sich für unglaublich empathisch, und sieht kein Verbrechen oder eine Störung in ihrem Tun. Der Film selbst betrachtet diesen Punkt neutral, er bleibt unausgesprochen. Selbst das geistige Entrücken Sandras, das in seiner subtilen Art nur gestreift wird, kann Interpretationssache bleiben, so sehr erwartet der Streifen das eigene Einordnen des Gezeigten beim Zuschauer. Um derartige Punkte geht es in "Kissed - Todeskuss" (Alternativtitel) in der Hauptsache auch nicht. Wir lernen einen Film lang Sandra fast zu verstehen, bzw. ihre Neigung zu akzeptieren, ähnlich wie die Tierliebhaber es in der Sodomie-Doku "Zoo" versuchen. Wir erhaschen einen Blick hinter den Vorhang, ohne durch Hausmütterchen-Psychologie manipuliert zu werden. Und völlig überraschend erleben wir den wirklich dramatischen Aspekt der Geschichte durch die Perspektive Matts und seinem Verrennen in eine Thematik, die er nicht begreift - allein schon deshalb nicht, weil in Sandras Welt die Leichen keine Konkurrenz zu Matt sind, in Matts Welt aber sehr wohl.

Wäre nicht das ungewöhnliche Thema Zentrum, umgesetzt in einer faszinierend offenen Selbstverständlichkeit, man könnte "Necrophile Kiss - Der Todeskuss" vorwerfen sich etwas zu viel dem gängigen Dramenschema empathischer Genrebeiträge anzubiedern. So ist für das Stammpublikum derartiger Filme, die ihre Aussagen den Zuschauer selbst entdecken lassen, der Ausgang der Geschichte lange klar, bevor er geschieht, so als gäbe es kaum einen anderen Ausweg eine solche Geschichte beenden zu können. Dass sie jedoch gerade zu diesem Thema reizvoll erscheint, liegt auf der Hand. Und so kann man dem Film aus einem weiteren Grund nicht bös sein, den üblichen Weg zu gehen. Und dank der überzeugenden Leistung der passend besetzten, oder zumindest passend zurecht gemachten, Molly Parker in der Rolle der Sandra, gelingt es dem Film tatsächlich uns ihren Blickwinkel zu öffnen. Zwischen Widerwärtigkeit, Faszination und Mitempfinden pendeln wir als Betrachter ihrer Erlebnisse hin und her, erfahren irgendwann eine Art Gewöhnung der nicht provokativ eingefangenen, ungesetzlichen Neigung und können uns auf dieser Basis gekonnt auf das Drama Matts konzentrieren, freilich ohne völlig losgelöst von der widernatürlichen Grenzerfahrung zu sein, die wir über Sandra passiv erleben.

Der Film fordert geradezu eine Empathie des Zuschauers, ohne welche der Film nicht wirklich funktionieren kann. Aber meiner Meinung nach wird einem der Weg zu dieser Basis in der ersten langen Phase des Films recht einfach gemacht, eben weil die innere Wohlfühlatmosphäre Sandras, an der wir teilnehmen, das Thema weit weniger abartig erscheinen lässt. Dass Film stets geruchs- und geschmacksfrei ist, kommt dabei ebenso zu Hilfe, wie das Ausblenden körperlicher und geistiger Gesundheitsproblemen von Nekrophilen, sowie manch andere ausgeblendete Teilbereiche, die uns aus der Träumersicht Sandras hinein in ein Realitätsempfinden hätten reißen können. Die Verantwortlichen des Filmes wissen dass sie dies für die gesetzten Ziele des Streifens nicht verwenden müssen. Diese Aufgabe müssen andere Werke zu diesem Thema angehen. Das anvisierte Ziel von "Necrophile Kiss" ist hingegen gekonnt erfüllt worden, Hut ab, wenn auch sicher nicht für jeden zugänglich zu sichten.


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Trailer,   OFDb

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