31.07.2021

DER VORNAME (2012)

Als während eines gemütlichen Beisammenseins unter Freunden jemand mitteilt, dass er sein bislang ungeborenes Kind Adolph nennen wird, bekommt die harmonische Runde Risse, und jeder wird nach und nach mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert...

Der stumme Unterschied...

Mag die titelgebende Diskussion um den Namen Adolph auch nur der Auslöser innerhalb eines Kammerspiels sein, das sich irgendwann von diesem entfernt, so ist doch gerade diese erste Phase das Hoch eines hervorragend gespielten Filmes. Interessant und amüsant gezeichnete Charaktere führen ein reflektiertes und pointensicheres Wortgefecht. Pro und contra begeistern gleichermaßen, stets orientiert an den Eigenschaften der jeweiligen Figur. Da darf man fast schon enttäuscht sein, den wahren Grund dieser Diskussion irgendwann zu erfahren, der dem Zuschauer zunächst einen Perspektivwechsel innerhalb der gleich bleibenden Situation ermöglicht und schließlich einen überraschenden Übergang losgelöst von diesem Streitpunkt schafft. Mit jeder neu aufgeworfenen Wahrheit, die bislang schweigend geduldet oder ignoriert wurde, wird aus der bislang vorhandenen Harmonie in gern gelebter Streitkultur ein Entlarven des eigentlichen Charakters eines jeden und damit die Offenbarung wie wenig liberal das Denken der sich für unglaublich liberal haltenden Menschen tatsächlich ist. So kommt "Le Prénom" (Originaltitel) dem ein Jahr zuvor gedrehten "Der Gott des Gemetzels" thematisch sehr nah, der das zivilisierende Gewandt im Streit unter sich Fremden allmählich entblätterte. Hier geschieht ähnliches unter Freunden und Verwandten. 

So sehr diverse Typen Mensch auch vorgeführt werden und so sehr der Off-Kommentar auch schelmisch einen auf typisch französische Komödie macht, so authentisch wirkt doch hier letztendlich alles. Die Glaubwürdigkeit der hier gelebten Freundschaften ist ebenso spürbar, wie jene der heruntergeschluckten Wahrheiten, die nun ans Tageslicht geraten. Egal wie laut "Der Vorname" dabei wird, er wird nie reißerisch, nie rein des Hochschaukelns wegen stets eine Spur extremer ausfallend in immer unbehaglich werdender Gemeinsamkeit. Er bleibt gekonnt reflektiert und seinen Figuren stets treu und kommt dabei selbst in entlarvenden Momenten nie moralisch oder Partei ergreifend daher. Er versteht seine Figuren sowohl im intellektuellen Sinne, als auch im emotionalen. Fruchtend auf dem sich natürlich anfühlenden Miteinander untereinander entsteht eine sich ebenso echt anfühlende Eigendynamik, in welcher aus amüsant verspielten Streit verletzender wird, ohne dass sich dieser unangenehme Prozess aufhalten lässt. Im Gegensatz zu Polanskis Vergleichsfilm muss sich "Der Vorname" nichts beweisen, so unverkrampft wie er mit starken Dialogen unglaubliche Gefühle bei den Protagonisten und dem Publikum freizusetzen versteht. 

Somit würde man einem sehenswerten Werk beiwohnen, wenn die Tragikomödie nicht irgendwann umschwenken würde zu einem Gefühlsdilemma, das zwar ebenfalls die mangelnde Bereitschaft des Akzeptierens alternativen Denkens und Lebens unter Liberalen offenbart, dies diesmal jedoch auf persönlicherer, körperlicher Ebene, und somit nicht rein dem Stolz und der Arroganz geschult wie zuvor. Mit dieser Fehlentscheidung, die den Rest des Films zentrales Thema bleibt, verläuft sich alles zuvor gekonnt Fixiertes im Sand, "Der Vorname" verliert seine Zielsicherheit und wird fahrig und willkürlich und verliert damit enorm an Biss. Mag sich dieser Schwachpunkt auch erst etwa zur zweiten Hälfte des letzten Drittels auftun, er schadet dem Ergebnis immens, was man bei so viel bislang dargebotener Professionalität kaum glauben kann. Sechs Jahre später folgte anbei konsequenter Weise, passend zum Aufhänger, eine deutsche Neuverfilmung gleichen Titels.  OFDb

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