Sonntag, 18. November 2012

DEAD GIRL (2006 Karen Moncrieff)


Als die Leiche einer jungen Frau gefunden wird, beeinflusst dies das Leben von vier Frauen, die in irgendeiner Weise mit der Toten in Verbindung standen oder zumindest glaubten dies zu tun...


Lebende Tote, tote Lebendige...

Ich bin kein besonderer Freund von Episodenfilmen, und zum Sichten von "Dead Girl" hat mich ein guter Freund überredet. Trotz meiner Abneigung gegen besagte Art Film und obwohl mich die Geschichte nicht gereizt hat, bin ich froh ihn nun doch gesehen zu haben, wusste der Film mich doch trotz seiner oberflächlich simplen Geschichte noch einige Zeit nachdem der Fernseher aus war zu beschäftigen.

Wie erwähnt, die Geschichte selbst ist recht banal, aber der Schein trügt. Erzählt wird nach dem Fund einer Frauenleiche die Geschichte von fünf Frauen: jene, die sie gefunden hat, die Schwester, die Mutter, die Ehefrau des Mörders und die Tote selber. Die Geschichten dieser Personen verlaufen unabhängig voneinander. Und da sie keinen Einfluss untereinander besitzen und jede nur für sich steht, kommt ein gewisses Gefühl von Leere auf, eine Leere die mich von einer besseren Bewertung abhielt, wissentlich dass "Dead Girl" keineswegs unüberlegt erzählt ist.

Was die Einzelepisoden nicht verbindet, verbinden die Entdeckungen durch Analyse, so z.B. der sehr interessante Aspekt dass die vier Frauen aus einer Art Lethargie erwachen, ein Leben fern der Selbstständigkeit führend, immer beeinflusst durch andere Umstände. Wohingegen die Tote einst trotz der miesen Umstände in denen sie lebte ein lebendiges Wesen mit eigenem Willen war, stark genug zu kämpfen und wissend was sie möchte.

Der Tod von ihr verdreht nun das bisher Gelebte. Die Lebensfreudige stirbt, aber jene Frau welche die Leiche fand und bisher unter der Fuchtel ihrer dominanten und unterdrückenden Mutter lebte, entwickelt trotz mangelndem Selbstbewusstseins ein eigenständiges Leben. Die Mutter der Toten, welche den Tatsachen des Lebens nie gegenüber gestanden hat, muss dies nun tun und beginnt einen neuen Lebensabschnitt. Die Frau des Mörders muss hinter eine furchtbare Wahrheit kommen, die sie aber aus einer Teilnahmelosigkeit herauszieht und zu einer Handlung zwingt. Die Antidepressiva-schluckende Schwester wird aus der Lethargie des langen Wartens und aus der Quälerei der Ungewissheit herausgerissen, wenn auch nur für kurze Zeit, was sich ohne zu spoilern nicht näher vertiefen lässt.

Das angeblich Unzusammenhängende wird somit sehr wohl eins, und der Allerwelts-Titel "Dead Girl", den so einige Produktionen tragen, bekommt eine Doppeldeutigkeit, da er sich nicht nur auf das tote Mädchen bezieht, sondern auch auf die fast tot lebenden Frauen. Da mag man nun philosophieren können dass alles Vergangene etwas neues hervorbringt, Nebensächlichkeiten entscheidende Wendungen nach sich ziehen können sowie Gemütszustände und Charaktereigenschaften immer einem Wandel unterliegen und die Entwicklung eines Menschen nie nur mit der Kindheit endet.

Oberflächlich betrachtet mag "Dead Girl" nur ein Frauenfilm sein, fertiggestellt von einer Frau mit Frauen im Mittelpunkt und für ein Frauenpublikum gedreht. Das mag bei einem Teilpublikum zutreffen, nämlich jenem, welches sich lediglich auf die Tragik der Geschichte stürzt und sich vom Drama anstecken lässt oder eben nicht. Aber wer hinter die Kulissen schaut und sich näher mit dem Film befasst, der erkennt auch die Kraft und die Tiefe hinter dem Werk, das mehr bezweckt als das Publikum kurzfristig emotional zu berühren.

Freilich ist es ein Pluspunkt, dass "Dead Girl" auch dies schafft. Und auf dem Weg zum Ziel erleben wir immerhin fünf einzelne Geschichten, die alle zu interessieren wissen, ob sie nun mit banalerer Geschichte daher kommen oder mit ereignisreicherer. Gepackt ist der komplette Film von Regisseurin Karen Moncrieff in wundervoll fotografierte Bilder. Der Einsatz gelernter und begabter Schauspieler gehört ebenso zum Pluspunkt, weiß doch jede wichtige Figur den Zuschauer zu interessieren und in seinen Bann zu ziehen, eine Eigenschaft, die durch die oft alltäglichen Vorkommnisse im Film, nur gutes Schauspiel in dieser Intensivität verursachen kann.

Dass der Film sich in den ereignisreicheren Momenten nie einem reißerischen Gebiet zuwendet, spricht für den richtig gesetzten Schwerpunkt. Charaktere stehen an erster Stelle, die versteckte Geschichte an zweiter und die vordergründige Geschichte der einzelnen Episoden an dritter. Lediglich die vordergründige Geschichte im Gesamten interessierte die Verantwortlichen von "Dead Girl" nicht die Bohne, so dass trotz eines tief gehenden Filmes und anregender Einzelepisoden eine Leere für den Gesamteindruck entsteht. So lobenswert es auch ist eine Geschichte versteckt durchs Analytische erkannt zu erzählen, den nach außen hin oberflächlichen Zusammenhang sollte ein guter Episodenfilm trotzdem nicht vernachlässigen. "Dead Girl" tut dies leider und ist somit "nur" gelungen anstatt gut.


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