Sonntag, 8. Juni 2014

[REC]³ - GÉNESIS (2012 Paco Plaza)


Auf der Hochzeit von Clara und Coldo geht eine Zombieepidemie los. Die beiden Verliebten verlieren sich und suchen einander...


Zombio und Necrulia...

Bereits in „[Rec]²“ wusste Regisseur Paco Plaza, damals noch mit Kollege Jaume Balagueró, die Zuschauer zu überraschen, indem die Geschichte gegen derer Erwartung ausfiel und einen Schlenker in eine für einen Zombiefilm ungewohnte Richtung machte. Nun passiert dies ein zweites Mal und sorry, aber meiner Meinung nach hat Plaza sich da gewaltig überhoben und verschätzt, denn mit „[Rec]“ hat das nun nicht mehr viel gemein, und trotz religiösem Hintergrund auch nicht wirklich mit dessen Fortsetzung. Mag es da auch stille Verweise auf die Vorgänger geben, „[Rec]³“ fühlt sich nicht wie ein Teil der Reihe an.

Dabei stört es mich noch nicht einmal, dass nach kurzer Einführung das Found Footage-Verfahren über Bord geworfen wurde. Dem unterschätzten „Blair Witch 2“ hatte das schließlich auch nicht geschadet. Und Plaza nutzt den Wechsel zur klassischen Erzählung um zu zeigen wie sehr er es versteht sie optisch zu nutzen, Bilder geradezu zu zelebrieren, etwas was das Fake-Doku-Getue der Vorgänger nicht auf diese Art zugelassen hat. Es ist toll zu sehen was da für Bilder eingefangen werden! Den Höhepunkt bildet hierbei eine Szene im strömenden Regen, die sich geradezu ästhetisch guckt und reines Futter fürs Auge ist. Auch hübsch fotografiert ist eine Szene in welcher das Paar sich an von einer Predigt abgelenkten Zombies vorbei arbeitet, oder jene Momente, in welchen Clara als morbide Braut mit Kettensäge durch unterirdische Gänge schreitet. Erotik trifft auf Blut und Dreck, provozierende Bilder, süßlich hart.

Auch der Einstieg ins Geschehen, das Treiben der Gäste vor der großen Hochzeit, gehört noch zu den positiven Punkten von „[Rec]³ - Génesis“, herrscht hier doch eine gewisse natürliche Lustigkeit, die dem Film in seinem späteren Ablauf fehlt. Nicht dass der Rest einen augenzwinkernder Grundton vermissen lässt, ganz im Gegenteil, aber er wirkt teilweise Fehl am Platz und in bedeutenden Momenten, wie dem Esoterik-Kitsch rund um die Romanze herum, fehlt er komplett. Mit diesem Makel kann man die Helden, denen es ohnehin an Sympathie fehlt, nicht ernst nehmen. Und mit ihnen ihre Liebe nicht, so dass der etwas in den dramatischen Bereich abrutschende Schluss nicht zu berühren weiß, zumindest nicht so intensiv wie ein „Zombie Honeymoon“ oder gar ein „Eden Lake“ bei dem die seelische Verbundenheit des Pärchens beim Publikum für ein intensiveres Mitleiden und Identifizieren sorgte.

Es ist jedoch nicht nur die fehlende Sympathie der Protagonisten, die „[Rec]³“ trotz interessanter Ansätze scheitern lässt. Wie erwähnt schaut er sich nicht wie ein echter Teil der Reihe, was bereits damit beginnt, dass wir hier statt rennender Infizierter schleichende haben, angelehnt an den Zombies Romeros beginnend mit „Die Nacht der lebenden Toten“. Man kann doch nicht an der Grundlage herumbasteln, wenn man eine Fortsetzung, bzw. eine parallel stattfindende Geschichte zu den Geschehnissen aus Teil 1 erzählen will. Immerhin sollen die Monster die gleiche Art Bedrohung sein wie in den Vorgängern, doch an ihrem Wesen wurde unpassender und unnötiger Weise herumgebastelt.

Tiefer gehend zeigt sich das auch im religiösen Aspekt der Geschichte. Waren die Kreaturen aus „[Rec]²“ nur mit intensivem Zureden und mit Hilfe von Kreuzen kurzfristig zu stoppen, so reicht hier eine olle, ruhig vorgetragene Predigt, die über Lautsprecher ertönt, und schon werden Zombies langfristig außer Gefecht gesetzt, auf der Stelle stehend, wenn auch für gute Optik sorgend und keinerlei Gefahr mehr versprühend. Dass die Stimme des predigenden Pfarrers irgendwann aussetzt, wenn der Film sich akustisch auf etwas anderes konzentriert und die Infizierten trotzdem nicht wieder weiter wüten, ist nur einer von sehr vielen Denkfehlern im fertigen Werk, die ein unbefriedigendes Gefühl zurück lassen.

Den meisten Schaden richtet jedoch die unausgegorene Orientierung des Streifens an. Marco vom Filmforum Bremen hat es sehr gut erkannt: „Dabei baut Paco Plaza seinen Film beinahe wie einen Episodenfilm auf, der alle Seiten des Horror-Genres beleuchtet. (...) Es scheint also durchaus das Konzept des Regisseurs Paco Plaza zu sein, dem Publikum vier unterschiedliche Ansätze zu geben, wie man einen Zombiefilm in Szene setzten kann: Realistisch, komisch, heldenhaft oder tragisch.“ Das ist absolut richtig, in der Theorie auch sicher ein interessantes Experiment, in der Praxis meiner Meinung nach aber auch komplett gescheitert, da das kein Ganzes bewirkt, nicht miteinander kompatibel ist und auch als eigenständiges Werk, die beiden „[Rec]“-Teile einmal ignoriert, nicht zu überzeugen weiß. Dann hätte Paco die Episoden deutlicher hervorheben müssen, so wie es in dem Science Fiction-Film „The Signal“ bei ähnlichem Anliegen angegangen wurde. Hier wurde quasi das selbe Experiment durchgezogen mit weniger Geld und besserem Ergebnis.

Bezogen auf die Vorgänger macht das den Eindruck von „[Rec]³“ sogar noch unangenehmer. Der Titel ist eine Täuschung in doppelter Hinsicht und damit Zuschauerverarsche, erst recht für ein Publikum, das sich mehr Hintergründe zu den neuen Erkenntnissen aus „[Rec]²“ erhofft. So bleibt dem Streifen am Ende nur eine tolle Einführung, eine wirklich großartige Optik und eine sympathische, wenn zu „[Rec]“ auch völlig unpassende, Szene einer blutigen Braut mit ihrer Kettensäge. Es sind die kleinen Ideen wie diese, die kurz Charme aufblitzen lassen, der an anderer Stelle fehlt, so wie beispielsweise die tolle Idee eines SpongeJohn, der sich wegen rechtlicher Gründe nicht SpongeBob nennen durfte und den Film über in seinem Kostüm verbringt, weil er darunter nackt ist. Auch dass ein Spitzel der GEMA beim Töten eines Infizierten sein wahres fragwürdiges Ich offenbaren darf, ist ein Gag der gerade den YouTube-geplagten Deutschen schmecken dürfte.

An Ideen mangelt es nicht. Aber es mangelt am nötigen Feingefühl das ganze so umzusetzen, dass es sich wie ein Film mit rotem Faden schaut. Immerhin will Plaza trotz aller Experimente einen Unterhaltungsfilm abliefern. Sein Werk ist kein abstraktes Stück anstrengende Kunst. Aber ein Häppchen hiervon und ein Häppchen davon ergeben einfach keine Einheit. Und das Gefühl als Zuschauer von einer Extreme in die nächste geschuppst zu werden, von einem Genre-Schwerpunkt zum nächsten, dabei die Perspektive wechselnd mit je anderen Helden im Vordergrund, ist keine interessante Achterbahnfahrt für den Zuschauer geworden wie man vermuten könnte. Hierfür hätte das Publikum Orientierungspunkte gesetzt bekommen müssen, um wenigstens etwas an der Hand gehalten zu werden. Ohne diese Stütze wirkt alles zu uninspiriert wild durcheinander gewürfelt, was den Zuschauer letztendlich zu sehr vom Geschehen distanziert anstatt ihn herauszufordern.

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