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Mittwoch, 10. Juni 2015

SICK BOY (2012 Tim T. Cunningham)


Eine kürzlich mal wieder aus einem Job gefeuerte Frau übernimmt in Vertretung für eine Freundin einen Babysitter-Job. Den zu betreuenden Jungen darf sie nicht sehen. Laut der Mutter darf sie ihm sich nicht einmal unten in seinem verriegelten Zimmer nähern. Der Junge sei ansteckend krank. In dieser ungewöhnlichen Situation fühlt sich die Babysittern nachts allein mit dem Kind im Haus nicht gerade wohl...


Der Anfang vom Ende...

Ein wenig erinnert der Aufhänger des zweiten Films von Regisseur Tim T. Cunningham („Xtracurricular“) an den Aufhänger des Gruselfilmes „Landhaus der toten Seelen“, in welchem ein Ehepaar ein Haus im Urlaub nutzen durfte, wenn sie sich um eine alte Dame kümmern würden, die sie nie zu Gesicht bekommen. In beiden Werken wird diese Ausgangslage jedoch völlig unterschiedlich genutzt. Der nicht zu sehende Junge soll Spielball diverser Überlegungen beim Zuschauer werden. Wird die Babysitterin zur Mitbeteiligten eines Verbrechens gegen ein Kind, oder soll „Sick Boy“ von einem unheimlichen, gefährlichen Jungen handeln? Psycho-Thriller oder übernatürlicher Horror?

Etwas weniger kostengünstig umgesetzt, und „Sick Boy“ könnte mit dieser zentralen Frage tatsächlich funktionieren. Leider steht ihm seine zu billige Optik im Weg um eine packende Grund-Atmosphäre zu liefern, auf welcher sich dann die ruhige Umsetzung entfalten kann. Im Deutschton sieht die Sache noch schlimmer aus, da muss man durch eine schrecklich billige Synchronisation durch und viel Geduld und Konzentration aufbringen dem Film eine gerechte Chance zu geben, ohne genervt von den schlecht betonten Stimmen auszuschalten. Denn generell lohnt sich eigentlich ein Blick auf „Sick Boy“, schafft er doch zumindest etwas halbwegs interessantes aus den Missständen der Produktion herauszuholen.

Zwar gelingt Cunningham keine atmosphärisch dichte Grundlage wie Ti West in „The House of the Devil“, aber theoretisch macht er einiges richtig, wenn er die Stille nutzt anstatt ständig Hintergrundmusik laufen zu lassen, und wenn er sich auf die zentrale Figur konzentriert, ohne dieser all zu viel Hokuspokus um die Ohren fliegen zu lassen. Die Grundsituation ist Rechtfertigung für Protagonist und Zuschauer genug um misstrauig zu sein. Ist alles weitere das Hineinsteigern in eine ungewöhnliche Situation, die vielleicht so simpel ist wie sie von der Mutter dargestellt wird? Wird die Babysitterin angelogen, weil eine Misshandlung des Kindes vorliegt, z.B. aufgrund einer perversen Neigung eines kranken Verstandes? Oder ist der Junge ein gefährlicher Dämon, Psychopath oder Zombie? In einem Horrorfilm ist jede dieser Versionen möglich, und das Rätsel darum was nun ist hält einen bei der Stange, selbst dann wenn sich „Sick Boy“ manchmal etwas zu sehr in die Länge zieht.

Vielleicht wird manch einem zwischendurch gar langweilig, so langsam wie Cunningham auf der Klaviatur spielt. Und auch wenn das alles weniger gekonnt, ja geradezu nur halbprofessionell von statten geht wie in Ti Wests hochgeachteten Film, so darf man im Vergleich doch sagen, dass die Geduld des Zuschauers am Ende in „Sick Boy“ doch zumindest mehr belohnt wird als in dem etwas zu mageren Finale von „The House of the Devil“. Verraten sei nichts, nur dass eine der oben genannten Fälle die Auflösung ist, der Film aber ab einem gewissen Punkt stoppt mit welchem andere Geschichtenerzähler ihre Werke erst hätten beginnen lassen.

Es bleibt also Geschmackssache ob man die Vorgeschichte eines Horrorfilmes als Hauptgeschichte annehmen kann, und dann noch in solch unprofessioneller Umsetzung. Ähnlich wie bei „The Farm“ habe ich jedoch Respekt vor dem Projekt, welches mit einfachen Mitteln anders ansetzt als andere billig zusammengeschusterte Filme. Beide bauen sie auf Ruhe auf, anstatt auf große Paukenschläge und Eimer voll Blut. Beide wollen mehr, scheitern aber an den Bedingungen ihrer Entstehung, ohne mit etwas wahrlich punkten zu können wie mancher Pioniersfilm aus den 60er und 70er Jahren, denen es produktionstechnisch nicht besser ging. Wir leben halt in den Zeiten von Digitalkameras mit lebloser Optik. Mit einer solchen bekommt man keine atmosphärischen Bilder eingefangen wie mit der Technik besagter vergangener Jahrzehnte. Aber zumindest schafft es „Sick Boy“ einen für die Geschichte zu interessieren, kurzfristig spannend zu werden und mit einem sympathisch inszenierten Finale positiver in Erinnerung zu bleiben als manch anderes schnell heruntergekurbeltes Werk. Der Film ist alles andere als eine Empfehlung, aber einen Blick wert für geduldige Zuschauer, die sich von Billigoptik und Billigton nicht so leicht zurückschrecken lassen.


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