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Sonntag, 1. November 2015

TETSUO - THE IRON MAN (Tetsuo 1989 Shin'ya Tsukamoto)


Ein Mann mutiert zu einem grotesken Metallmenschen und muss sich nach dieser Metamorphose gegen einen weiteren Metallmenschen zur Wehr setzen...


Reden ist Blech...

... vielleicht wird deswegen in diesem surrealen Trip aus wild aneinander gereihter Schwarz/weiß-Bilder kaum geredet, die uns Regisseur Tsukamoto, der auch die beiden Fortsetzungen des Streifens und die beiden „Nightmare Detective“-Teile inszeniert hat, ohne Vorwarnung vor die Nase setzt. Man wird mitten hinein geschuppst in ein wirres Szenario, von dem man nicht weiß in wie weit hier Zeiten sowie Traum- und Realitätsebenen durcheinander gewürfelt werden in einem künstlerisch wertvollen Bildgewitter, welches sicherlich Vorbild für den nicht minder sehenswerten „Pi“ war.

Die Handlung ist simpel, grotesk und radikal, auch in ihrer Gewaltdarstellung, die so manches Mal einiges vom Zuschauer abverlangt. Der wilde Bilder-Trip, gegen den sich ein oller „Crank“ wie die ruhigen Aufnahmen eines Heimatfilmes anschaut, fordert den Betrachter nicht weniger, muss dieser sich doch aufgrund der visuellen, schnellen Schnitte und der surrealen Erlebnisse die es zu betrachten gibt stark konzentrieren. Zwar kann man den Geist ausschalten und sich von dieser optisch sehenswerten Kraft einfach mitziehen und berieseln lassen, man kann sich aber auch darauf einzulassen um zu hinterfragen was Tsukamoto uns eigentlich mitteilen will und für was die vielen schrägen Metaphern herhalten sollen.

Und da gibt es eine Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten, von denen man beim besten Willen nicht weiß was gewollt sein könnte und was nicht. Wenn ein Metallmann sich einer Frau gegenüber aggressiv verhält, die immer wieder mit Elementen aus der Natur in Verbindung gebracht wird, selbst dann wenn sie per Stop Motion-Effekten Kompost-artig verstirbt, dann steht die Industrialisierung dem Leben vor der Industrialisierung gegenüber, zwei Welten die nicht koexistieren können und von der dementsprechend nur eine überleben kann. Man kann auch hineindeuten dass eine romantische, wie auch eine zweckdienliche Zweisamkeit in Zeiten der Industrialisierung nicht mehr möglich ist, und der Mensch zwangsläufig immer mehr vereinsamen muss.

Auch die Entmenschlichung und die Rolle des Sklaven-artigen Arbeiters eines „Moderne Zeiten“ und „Metropolis“ kommen einem bei dem wilden Treiben von „Tetsuo - The Iron Man“ in den Sinn. Spätestens wenn der Mensch vollkommen in der Maschine aufzugehen scheint, symbolisch selbst nicht mehr wert ist als eines der Zahnräder oder der Schrauben in einer Maschine, wird die Vermutung, dass an diesen Zuständen Kritik geübt werden soll, höchst wahrscheinlich.

Unübersehbar ist jedoch ohne Wenn und Aber der sexuelle Aspekt. Das Phallussymbol des Bohrers, wie wir es auch aus „The Slumber Party Massacre“ kennen, oder angewendet mit einer Kettensäge auch aus Tobe Hoopers „The Texas Chainsaw Massacre 2“, ist nicht zu übersehen, lässt sich in keinster Weise anders deuten, ist aber auch eine Vorbereitung auf den inhaltlichen Übergang des Streifens, wenn plötzlich homosexuelle Elemente Einzug ins Geschehen nehmen, die weitere Deutungsmöglichkeiten zulassen, inklusive des Zwangs in einer isolierten Gesellschaft zu extremeren, bizarren sexuellen Perversitäten außerhalb der spießbürgerlichen Norm zu neigen.

Wer sich im Gegensatz zu mir mit der japanischen Kultur, Mythologie und ehemaligen Traditionen auskennt wird sicherlich wesentlich mehr in dem nicht erklärten Bildermeer von „The Ironman“ (Alternativtitel) erkennen und vielleicht auch in diesem Zusammenhang konkreter verstehen was mit den von mir entdeckten Botschaften gemeint ist. So habe ich mir beispielsweise sagen lassen dass die Bilder vom Sex mit der Frau in der Natur nicht nur ein weiterer Verweis auf die Natürlichkeit der Beziehung mit einer Frau ist, sondern der Beischlaf in Japan nicht gerade selten in der Natur stattfinden soll, da die Privatsphäre in diesem Land sehr gering ausfiele.

„Tetsuo“ (Originaltitel) steckt voller Deutungsmöglichkeiten, und mit diesen Eventualitäten im Kopf macht er sicherlich auch mehr Spaß zu schauen, als wenn man sich nur an der großartig zusammengesetzten Bilderflut ergötzen würde, an der man sich zugegebener Maßen auch nach einer Stunde einfach nicht sattsehen kann. „Tetsuo“ ist ein Kunstwerk des Underground-Kinos, zeigt zu was Kino in der Lage ist wenn man dem Medium keine Grenzen setzt, provoziert einerseits das Publikum, fordert es aber auch heraus sich auf das ungewöhnliche Geschehen einzulassen. Ob der Streifen nun wirklich zum Denken anregt oder nicht hängt jedoch einzig vom Zuschauer ab.


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