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Mittwoch, 11. Mai 2016

SCHREIE DURCH DIE NACHT (Gritos en la noche 1962 Jess Franco)


Der wahnsinnige Dr. Orloff tötet junge Frauen um seine entstellte, im Sterben liegende Frau zu retten. Der ermittelnde Kommissar erhält unverhofft Hilfe von seiner eigenen Verlobten...


Das Schreckenshaus des Dr. Orloff...

Wenn Vielfilmer und Schund-Kunst-Mixer Jess Franco einen hochwertigen Kunstfilm neu verfilmt, dann darf man das Remake nicht am Original messen, wissen viele Werke des Regisseurs doch gerade wegen der recht unkonventionellen Methode Francos Geschichten zu erzählen zwar zu gefallen, aber könnten sie es doch nie mit einem Werk wie Franjus „Augen ohne Gesicht“ aufnehmen, der die Vorlage für den hier besprochenen „Schreie durch die Nacht“ war. Letztendlich geht der Kult-Regisseur jedoch ohnehin völlig anders vor als das Original, so dass sich bis auf die Grundlage, dass ein Wissenschaftler die Hautkrankheit einer Verwandten auf morbide Art heilen möchte, ohnehin nicht viele Parallelen übrig bleiben.

War Franjus Geniestreich ein für seine Zeit moderner Film, der sogar manche Genre-Methoden um Jahrzehnte im voraus präsentierte, so setzt Franco völlig gegenteilig auf die ur-klassische Art einen Gruselfilm zu erzählen. Dementsprechend spielt die Geschichte in jener Zeit, in welcher man noch mit Zylinder und Mantel gekleidet mit der Kutsche durch die Stadt fuhr. Ein Schloss darf so wenig fehlen wie ein entstelltes Monster. Auf die Frau, die per Kerzenleuchter durch das Schloss wandelt muss man bis kurz vor Schluss warten. Im Gegenzug darf man um so öfter das häufige Motiv klassischer Monsterfilme sehen, welches viele Werke außerhalb von Postern überhaupt nicht einhielten: das Monster, welches bewusstlose Frauen durch die Gegend trägt.

Wie es sich für einen klassisch angehauchten Grusler gehört, gehört eine ordentliche Dosis Tragik mit in die Geschichte. Zwar ist „Der schreckliche Dr. Orloff“ (Alternativtitel), dem Franco höchstpersönlich zwei Jahre später die Fortsetzung „Die lebenden Leichen des Dr. Jekyll“ bescherte, keinesfalls als wahres Horror-Drama zu bezeichnen, aber das „Monster“, ein entstellter zum Tode verurteilter Blinder, besitzt einen ähnlich tragischen Hintergrund wie Frankensteins Monster, King Kong und all die vielen anderen angeblichen Aggressoren der gothischen und monströsen Gruselfilmwelt, vielleicht nicht ganz so tragend eingebracht wie dort üblich und etwas relativiert durch die arg morbide Vorgeschichte der Kreatur, aber doch genügend Substanz besitzend um den Film mit dieser Nebensächlichkeit zu bereichern.

Wer die üblichen Spielereien späterer Franco-Filme bereits hier sucht, der wird nicht fündig, verfolgt der Film doch recht strickt einen roten Faden, ist geradezu klassisch erzählt und für einen Franco-Film zudem überraschend rational erzählt ausgefallen. Lediglich der Hang des Regisseurs manche Ereignisse zu ausdauernd zu zeigen, sprich dem Film um seine mögliche Dynamik zu berauben, ist bereits hier erkennbar, sein Hang in Nebensächlichkeiten abzuschweifen jedoch nicht.

Das hat für Fans des Regisseurs Vor- und Nachteile, schaut sich „The Demon Doctor“ (Alternativtitel) doch nicht ansatzweise so skurril wie die typische Filmwelt des sonst so stark auf Improvisation setzenden Ausnahmefilmers. Kann man sich aber von diesen Erwartungen distanzieren, kann man erkennen wie großartig Franco auf andere Art weiß zu arbeiten, kann sich sein Film allein optisch doch wahrlich sehen lassen, in düsterem Schwarz/Weiß gehalten, mit sympathischen Licht- und Schattenspielen versehen, und Filmklassikern stilistisch Respekt aussprechend, indem er sich eng an die inszenatorischen Regeln von einst hält. Ein stimmiger Hintergrundsound untermalt den Retro-Charme.

„Orloff and the Invisible Man“ (Alternativtitel) ist kein spannungsgeladener Gruselfilm geworden. Und an mancher Stelle tritt er mir ein wenig zu sehr auf der Stelle, als dass man den Unterhaltungswert als wahrlich hoch bezeichnen könnte. Aber Franco ist ein interessanter Genre-Beitrag geglückt, der mit dem Original zwar nicht konkurrieren kann, dies aufgrund seiner völlig anderen Art aber auch gar nicht muss. Auf Erotikelemente verzichtet der später so notgeile Regisseur hier noch komplett, Humor lockert den Film hin und wieder auf ohne zur Komödie zu verkommen. Einzig das etwas blauäugige fröhliche Happy End, das so gar nicht zu den Sekunden zuvor noch passierten schrecklichen Ereignissen passt, wirkt etwas Fehl am Platz, ist so kurz vor der Einblendung der Fin-Schrift aber auch nicht mehr der Rede wert.


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