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Sonntag, 8. Mai 2016

VAMPYROS LESBOS - DIE ERBIN DES DRACULA (Vampyros Lesbos 1971 Jess Franco)


Als sie aufgrund einer Erbschaftsangelegenheit auf das Schloss der Gräfin Nadine Korody reist, verfällt die für eine Anwaltskanzlei arbeitende Linda der adligen Nachfahrin Draculas, die sie seit geraumer Zeit im Traum heimsucht. Auch Linda soll ein Vampir werden, doch ein auf Vampirismus spezialisierter Psychiater weist ihr den Weg sich gegen die Kraft der Gräfin zu wehren...


Der monogame Vampir...

Jess Franco tauscht in seinem besten von mir bislang gesichteten Film das düstere und triste Transsilvanien gegen helle, von Leben getränkte sonnige Bilder und macht damit schnell klar dass seine Vampire anderen Gesetzen unterliegen als es im Genre allgemein üblich ist. Die Gräfin wandert bei Tageslicht umher, suhlt sich gerne auch im Sand am Strand und besitzt ein Spiegelbild. Mysteriös erscheint sie dennoch, vernachlässigt es Franco doch nicht mit anderen mystischen Regeln das Vernachlässigte wieder aufzuwiegen. So ist beispielsweise nicht jeder Mensch anfällig für Vampirismus, und die sexuelle Versuchung ist nicht nur ein eigennütziger Trick um an Blut zu kommen, der Vampir sehnt sich nach einem Seelenpartner.

„Vampyros Lesbos - Die Erbin des Dracula“ setzt nicht auf eine spannende oder gar gruselige Unterhaltung, der Film soll auch mental so wenig düster sein wie es seine Bilder sind. Er konzentriert sich auf den sinnlichen Part der Geschichte. Für diesen Schwerpunkt ist Francos Werk, der am Drehbuch mitgeschrieben hat, inhaltlich relativ sinnvoll ausgefallen, auch wenn sich gegen Ende dann doch so einige Ungereimtheiten stapeln (die man teilweise jedoch unter mysteriöses Geheimnis verbuchen kann). Am sinnlosesten erscheint die Idee, dass die Gräfin, die, wie sie selbst behauptet, die Einsamkeit liebt, abends in Clubs auftritt um erotischen Darbietungen auf der Bühne nachzugehen. Warum wird nie klar, und dass ein Biss auf offener Bühne ihre Tarnung gefährdet, scheint ihr ziemlich egal zu sein.

Dennoch ist diese erste auf der Bühne spielende Szene des Films geradezu hypnotisch eingefangen. Franco versteht es die Sinnlichkeit herauszukitzeln, sie auf den Zuschauer zu übertragen, und besonders hilfreich dabei ist die perfekt besetzte, leider jung verstorbene, Soledad Miranda in der Rolle der Gräfin, die nicht nur perfekt versteht ihren Körper zu präsentieren, sondern auch sonst zu den wunderschönsten Menschen zählt, die ich je in einem Film erblicken durfte und die es versteht schauspielerisch die fast todessehnsüchtige Passivität der Gräfin in ihrem Blick erkennbar zu machen. Nadine ist ein melancholisches Wesen, immer auf der Suche nach der Verbrüderung mit einer Frau, bei jedem perfekteren Kandidaten die Vorgängerin verlassend, und doch darauf angewiesen, dass die Auserwählte auch von sich aus ein Vampirwesen werden möchte. Damit entsteht eine ähnlich gekonnte, erotische Horror-Dramatik wie in Jean Rollins „Lady Dracula“ 12 Jahre später, nur dass dem mancher inszenatorische Vorteil des hier besprochenen Streifens fehlte.

So gefällt es aus handwerklicher Sicht, dass der Film stets mit stimmiger Musik aus dem Beat- und Jazz-Bereich untermalt ist, um die schön eingefangenen Aufnahmen zu unterstützen. In einem Film, in dem teilweise geradezu willkürlich auf unwichtige Bereiche des Bildes herangezoomt wird, darf es ohnehin überraschen wie wunderbar fotografiert sich „Das Mal des Vampirs“ (Alternativtitel) guckt. Franco mag eher mit plumper Symbolik arbeiten, wenn er einen aufsteigenden Drachen beim Sex und einen umherwandernden giftigen Skorpion immer dann zeigt, wenn Nadine verführerisch anstatt unheimlich wirkt, andererseits weiß er z.B. mit simplen Spielereien im Set Design zu trumpfen, wenn sowohl das Schloss der Gräfin als auch die Wohnräume des am Vampirsmus interessierten Psychiaters immer wieder provokativ rote Stellen beschert bekommen, manchmal fast wie ein Blutfleck im Zimmer wirkend, manchmal aber auch dominant überschwemmt in Rot gehalten wie die komplett rote Wendeltreppe.

Mitdenken ist nicht nötig in der oberflächlich geistfrei ausgefallenen Geschichte, die erst in ihrer Dramatik und Symbolik Tiefgang erhält und zur Analyse einlädt. Man muss den Kopf somit nicht zwingend ausschalten, um sich von Franco sinnlich an der Hand leiten zu lassen, der sich diesmal anstatt des traditionellen Gastauftritts eine etwas bedeutendere Nebenrolle auf den Leib schrieb. „Im Zeichen der Vampire“ (Alternativtitel) ist ein berauschendes Filmerlebnis mit Mut zu Veränderungen und erotischen Bildern, die nie zum Selbstzweck verkommen, so wie man es ansonsten  von Franco gewohnt ist.

Der Sex und die Verführung sind Teil der Geschichte, und doch geht der Regisseur nie zu inflationär mit nackter Haut um, so wie im kürzlich von mir gesichtetem „Frauen ohne Unschuld“. Von daher sollten meiner Meinung nach selbst Franco-kritische Cineasten ruhig einmal einen Blick auf den semi-bekannten „Lesbian Vampires“ (Alternativtitel) werfen, um zu erkennen dass Franco nicht nur scheinbaren Schund erschaffen kann, sondern auch ruhig aus künstlerischer Perspektive ernster genommen werden sollte. „The Vampire Women“ (Alternativtitel) ist wesentlich weniger wirr und surreal ausgefallen als viele andere Werke des Mannes, deswegen eignet er sich ideal als Einstieg in das Schaffen des umstrittenen Regisseurs.


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