„Ich seh, ich seh“ wird seinem Ruf gerecht zusammen mit „It Follows“ einer der besten Genre-Beiträge seines Jahres zu sein. Im Gegensatz zu dem Vergleichsfilm geht das Werk der Regisseure Fiala und Franz jedoch völlig anders vor, ist der Streifen doch kein klassischer Unterhaltungsfilm sondern im Arthouse-Bereich zu Hause, nüchtern und verkopft erzählt, vom Zuschauer erwartend mitzudenken und die Zusammenhänge von selbst zu begreifen und damit den Werken von Michael Haneke nicht unähnlich. Dessen Werke verweigern sich jedoch meist dem Unterhaltungswert, wollen rein intellektuell funktionieren, wohingegen „Ich seh ich seh“ (Originaltitel) auf beiden Ebenen punktet, ohne dabei auch nur im Ansatz zum Popkornfilm zu mutieren.
Der Titel des psychologisch durchdachten wie auch raffinierten Films funktioniert mehrschichtig, gibt uns Hinweise die wir erst hinterher verstehen, ebenso wie manche Momente zu Beginn, die manch oberschlauer Hobbyautor als zu früh gesetzte Spoiler beklagt, was jedoch nur der Fall ist wenn man dazu neigt schlicht zu denken. Wer erkennt wie lebensnah „Ich seh, ich seh“ eingefangen ist, der spekuliert aufgrund dessen was er sieht in verschiedenste Richtungen, eben weil das Leben vielfältig gestrickt ist und kennt somit den finalen Twist nicht. Der mitdenkende Zuschauer erlebt somit den höchst möglichen Unterhaltungswert, da er sich täuschen lässt, eben weil es viele zu deutende Möglichkeiten gibt. Die bis ins kleinste Detail durchdachte Psychologie des Streifens bereitet dabei viel Freude, während eine Art nüchterner Spannungsbogen gepaart mit einigen harten Sequenzen, die es selbst dem Stammpublikum des Horrorfilms schwer machen auf den Bildschirm zu schauen, für den nötigen Nervenkitzel sorgen.
Ob „Ich seh, ich seh“ überhaupt tatsächlich dem Genre Horror angehört, lässt sich schwer beantworten, erzählt er doch von tiefen Wunden, Misstrauen, nimmt die Gefühle jeglicher Protagonisten ernst, lässt Empathie entstehen ohne klassisch und manipulativ auf der emotionalen Tastatur zu spielen, ist in seinem Kern also mehr Psycho-Drama als Horrorfilm, und doch sind es seine düsteren Momente innerhalb des hellen Hauses von dem er u.a. lebt, und die sind definitiv im Horrorfilm zu Hause. Es bleibt also der Deutung des Zuschauers des Begriffs Horror überlassen ob der österreichische Film dazu zählt oder nicht.
Letzten Endes ist das ohnehin egal, „Goodnight Mommy“ (Alternativtitel) ist brillant ausgefallen und ein wahres Liebhaberstück für jene Art Cineasten, denen Genres nicht wichtig bei ihrer Filmauswahl sind. „Ich seh, ich seh“ ist durchdacht, wunderschön fotografiert, fühlt sich mit den Amateueren in den Kinderrollen lebensecht an und schaut sich beim zweiten Schauen im Wissen mit der Auflösung noch besser als zuvor, da man dem Film nun aus verschiedenen Perspektiven folgen kann. Dabei funktioniert der Streifen psychologisch gesehen aus jeglichem Blickwinkel, Ursache und Wirkung zeigen sich als zwingendes Zusammenspiel, manches gewinnt an Mehrdeutigkeit, manche Mehrdeutigkeit wird zur eindeutigen Gewissheit. Freunde des intellektuellen Schock-Kinos sollten dieses ungewöhnliche Werk unbedingt ansehen, am besten gleich mehrmals. OFDb
Wer den Film schnell durchschaut, ist also schlicht gestrickt und wer den Wald vor Bäumen nicht sieht, erweist sich entsprechend als psychologisch geschulter Mitdenker? Dafür hätte es früher in der Hofpause sicher Klassenkeile gegeben...;/
AntwortenLöschenIst gut möglich, jene die früher auf dem Schulhof auf die Fresse gehauen haben gehörten schließlich nicht zu den hellsten Köpfen, sonst hätten sie ja niemanden verprügeln müssen. Was ist so unglaubwürdig daran, dass bei all den alternativen Möglichkeiten die der Film bietet das Ende für Mitdenker nicht so vorhersehbar ist wie für Zuschauer, die einen Film miterleben ohne groß mitzudenken? Von Leuten die den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen war jedoch nie die Rede. Mir geht es wie erwähnt um den mitdenkenden Zuschauerpart, nicht um jenen der sich von irgendwelchen Bildern oder Fakten überrumpeln lässt.
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