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Sonntag, 26. März 2017

GHOST IN THE SHELL 2 - INNOCENCE (Inosensu: Kôkaku kidôtai 2004 Mamoru Oshii)


Es sind einige Jahre vergangen, seit Batous Roboterpartnerin Major mit dem Puppet Master zusammenfloss und im Netz verschwand. Batou, mittlerweile selbst mehr Maschine als Mensch, erhält den Auftrag einer Mordserie nachzugehen, in welcher Testversionen von Liebescyborgs erst ihre Besitzer und dann sich selbst umbringen...


Puppen weinen nicht...

Der deutsche Schriftzug zu Anfang scheint im Original nicht vorhanden zu sein, zumindest vermute ich dies aufgrund fehlender japanischer Texte diesbezüglich, und soll dem deutschen Publikum scheinbar dabei helfen das zu verstehen, was der Film in seiner ersten halben Stunde ohnehin leicht verständlich vermittelt. Das ist zwar traurig, aber aufhängen will ich mich daran nun auch nicht. Dass „Ghost in the Shell 2“, der neun Jahre nach Teil 1 entstanden ist, ein wuchtiges, optisches Erlebnis werden wird, beweist er auch gleich mit seiner ersten Einstellung, in welcher wir ein Flugobjekt vor die Nase gesetzt bekommen, das einen animationstechnisch tatsächlich zum Staunen bringt.

Es bereitet eine ungemeine Freude die optischen Reize des Streifens ganz bewusst wahrzunehmen, geradezu in einen Rausch zu verfallen, das Zusehen zu zelebrieren und die verschiedenen Animationsstile aus Hintergrundgrafik und Figurendesign in sich aufzusaugen. Diesbezüglich ist „Ghost in the Shell 2 - Innocence“ ein Leckerbissen pur, ein Festmahl, kurzum etwas ganz Besonderes. Dass er zudem tastsächlich auf den Geschehnissen des Vorgängers aufbaut und somit nicht nur im Titel eine Fortsetzung ist, weiß ebenso zu erfreuen.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist das Design der Zukunftswelt ausgefallen. Ebenso wie im direkten Vorgänger, so sind auch hier die Parallelen zu der Zukunftswelt aus „Blade Runner“ noch immer deutlich zu erkennen. Allerdings beschert man ihnen einen 40er Jahre Film Noir-Touch, was durch schwermütige Soulmusik unterstützt wird. Die Parallelen passen. Batou ist zwar Mitglied einer Spezialeinheit und kein Polizist oder Privatdetektiv, aber sein Gefühlszustand ist ähnlich schwermütig wie das Gesamtbild um ihn herum und somit wie das Klischee der Protagonisten aus Kriminalgeschichten, die in besagtem Jahrzehnt spielen.

Batou leidet immer noch unter dem Verlust seiner Partnerin Major und lebt einsam, ohne wirkliches Privatleben, einzig für den Job den er ausübt. Darin ist er gut wie eh und je, was er in allerhand Actionszenen unter Beweis stellen darf. Und dass man ihm einen Menschen als Partner zur Seite stellt, ist in vielerlei Hinsicht förderlich für die Geschichte, aber gerade auch ein interessanter Gegenpol zum vorherigen, perfekt agierenden, Partner.

Aus der Film Noir-Welt wird im Laufe der Zeit eine brüchige, rostende, gar nicht so strahlende Zukunftswelt, wie sie einem vielleicht trotz der realistischen Settings diesbezüglich, die aus der Elektrowelt keine perfekte Scheinwelt machten, zunächst vorkam. Das wird in sofern verstärkt, als dass der Film in dieser Phase in einem vergessenen, gesetzlich strittigen Grenzraum spielt. Zu Beginn des letzten Drittels wandelt sich der Spielorte in virtuelle Scheinrealitäten, und zum Schluss darf das Innere eines U-Bootes als Ort der Handlung herhalten.

Die scheinbare Tiefe des Streifens scheint sich stets an den Spielorten zu orientieren. Die verspielte 40er Jahre-Welt wird unterstützt durch verspielte, aber geistreiche Denkansätze. Die rostige Elektrowelt wird begleitet durch schwermütige Poesie, die gerne mehr Tiefsinn beinhalten würde, als sie nach außen vorgibt. Und in der virtuellen Realität angekommen, spinnt auch die Philosophie und die Poesie des Streifens fleißig vor sich her, bierernst vorgetragen und doch fast nur leeres Getue vortragend. Schade! In der tristen Realität des Inneren eines U-Bootes angekommen, werden auch die Denkansätze wieder nachvollziehbarer und realistischer, sind aufgrund eines actionreichen Finales aber nicht mehr so dominant gesät wie zuvor.

Qualitativ erlebt die Geschichte von „Innocence“ (Alternativtitel) somit einige Aufs und Abs, so dass es dem Film gut tut über eine solch unterhaltsame und kurzweilige Handlung zu verfügen, um inmitten Tiefsinn vorgaukelnden Leergeschwätzes nicht in bedeutungsloses Absurdistan abzudriften. Schade ist es um einige wirklich geglückte Denkansätze, oft Fortführungen des Originals, und manch tatsächlich bewegendem, poetischen Sinnbildes.

Aber aus fast schon selbstverständlich fließenden Denkansätzen aus Teil 1 wird ein zu gewolltes Unterfangen mit zu bemühten Anflügen von Tiefsinn, die zum Gegenteil dessen werden was sie sein möchten. Damit ähnelt die Fortsetzung des großartigen Erstlings „Matrix 2“, der diesbezüglich „Matrix“ nicht nur nicht das Wasser reichen konnte, sondern elendig ersoff. Da die Filme thematisch und zeitlich nah beieinander stehen, ist der Vergleich umso spannender, auch wenn „Ghost in the Shell 2“ dank beibehaltender Restintelligenz nicht wirklich derart absäuft, wie es die erbärmlichen „Matrix“-Fortsetzungen taten.

Dem Gesamtbild schadet es leider dennoch, wäre aus „Inosensu: Kôkaku kidôtai“ (Originaltitel), den ebenfalls wieder Mamoru Oshii inszeniert und basierend auf der Manga-Vorlage geschrieben hat, doch sonst ein ebenso großer Vorzeigefilm geworden, wie es Teil 1 geworden ist. Aber wenn sich der Film in virtuelle Realitäten verirrt und dabei eine Puppenphilosophie frönt, der man kaum zuhören mag, geht auch das Besondere an „Ghost in the Shell 2“ kaputt. Selbst die Geschichte lässt in dieser Phase im direkten Vergleich nach, wird sie doch schwächer, wenn auch interessant bleibend, so dass der Film auf allen Ebenen, abgesehen von der optischen Brillanz, seinen Vorzeigestatus verliert, der den Film zu einem weiteren Meilenstein hätte werden lassen können.

So hart diese Worte auch klingen mögen, abgestiegen vom hohen Ross des ersten Teils wohnen wir trotzdem noch einem interessanten Zeichentrickfilm bei, der einiges was er auf intellektueller Ebene vergeigt mit mehr Gefühlstiefe bei den Charakteren wieder aufzufangen weiß. Das macht den chaotischen Beginn des letzten Drittels zwar nicht weniger verwirrend und schädigend für den Film, verhilft ihm aber dabei genügend Sehwert zu behalten, um aus „Ghost in the Shell 2“ mehr als unterhaltsamen Durchschnitt werden zu lassen. Teil 2 kann in Konkurrenz mit seinem Vorgänger nur verlieren, ist für sich gesehen trotz seiner Schwächen aber noch immer ein überdurchschnittliches Werk, wenn auch nicht an die wahren Größen des erwachsenen Anime-Bereiches heranreichend, so wie es „Jin-Roh“, „Akira“, „Wings of Honeamise“ und "Paprika" schafften, oder eben auch der erste „Ghost in the Shell“.


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