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Samstag, 22. April 2017

BLAIR WITCH 3 (Blair Witch 2016 Adam Wingard)


Der Bruder der seit Jahren vermissten Heather macht sich mit Freunden und Bekannten auf in die Wälder von Burkitsville, um das mysteriöse Haus zu finden, welches die letzten Aufnahmen der Dokumentarfilmerin zeigten. Schon bald geschehen im Wald merkwürdige Dinge...


Der menschliche Wurm...

Als 1970 Rainer Erler mit „Die Delegation“ die Filmmethode des Found Footage erfand, gelang ihm ein interessanter Ausnahmefilm, der die Medienwelt jedoch nicht nachhaltig beeindruckte. Deodatos 1980 erschienender Kannibalen-Schocker „Nackt und zerfleischt“ wies ebenfalls Passagen dieser Art zu Drehen auf, machte aber eher durch seine drastischen Gewaltdarstellungen von sich reden, anstatt durch den interessanten Doku-Stil, so dass er stilistisch wie intellektuell stark unterschätzt wurde und nur von Gore-geilen Horror-Freaks beachtet. Mit „The Blair Witch Project“ rückte 1999 das Genre des Found Footage erstmals für das breite Publikum in den Fokus. Von kleinen Nachahmern wie „The St. Francisville Experiment“ und die Amateurfilm-Zuschauerbeleidigung „The Dark Area“ einmal abgesehen, beides Filme die nur der Allesgucker der Videothekenwelt beachtete, blieb es jedoch erneut ruhig um die reizvolle Art mit Ruckelkameras Geschichten einmal anders zu erzählen.

Erst als „Paranormal Activity“ 2007 ein großer Zuschauererfolg wurde, da wurden auch kleine, wie große Studios endlich auf die Methode des Found Footage aufmerksam. Nachfolger wie „Cloverfield“ und „[Rec]“ wurden lukrative Hits, nervenkitzelnde Werke wie „Die Höhle“ gingen in der Flut billiger Direkt-DVD-Produktionen wie „Paranormal Entity“ und „RAW - Der Fluch der Grete Müller“ aber fast unter, während der Auslöser dieser Welle x Fortsetzungen erfuhr, inklusive Spinn-Off „Paranormal Activity - Die Gezeichneten“ und einer parallelen Fortsetzung, die in Japan zu Ehren des Originals gedreht wurde. Dass in dieser Welle nichts von einer Fortsetzung von „The Blair Witch Project“ zu hören war, verwunderte aufgrund der mit wenig Kosten zu scheffelnden Geldmacherei schon.

Zwar war man mit dem Misserfolg der 2000 erschienenden Fortsetzung „Blair Witch 2“ sehr übel in die Nesseln getreten, verachtete das Publikum doch diesen unterschätzten Versuch Teil 1 auf andere Art fortzusetzen, doch sollte dies all die geldgeilen Produzenten Amerikas eigentlich nicht wirklich davon abhalten weiter zu machen. Trotzdem war es erst 2016 endlich so weit. „The Blair Witch Project“, jener Film der die Wirksamkeit des Found Footage im Horror-Genre erkannte, bekam eine weitere Fortsetzung beschert, zu einer Zeit wo kein Hahn mehr nach ihr krähte und viele Cineasten ohnehin genervt vom Found Footage-Verfahren waren.

Er erschien also zu einer Zeit, in der man nichts um die Zuschauermeinungen im Internet geben musste, erst recht nicht als Freund der ersten Fortsetzung, die für „Blair Witch 3“ jedoch ignoriert wird. Und so ging ich trotz der kritischen Worte im Netz unvoreingenommen an die zweite Fortsetzung jenes Gruselfilmes heran, der mir einst die Angst lehrte und auch in etlichen Wiedersichtungen das Gefühl gab es vor lauter Furcht nicht allein zu Hause auszuhalten. Eine solch enorme Wirkung habe ich von „Blair Witch 3“ freilich gar nicht erst erwartet.

Etwas mehr Grusel-Feeling hätte es aber dann doch sein dürfen, denn der von den Regisseuren des Originals mitproduzierte „The Woods“ (Arbeitstitel) schaut sich bereits in der Vorphase, lange vor den ersten Gruselszenen, ziemlich mau, wenn rein technisch die Erwartungshaltung zwar mit neuen interessanten Aufnahmemöglichkeiten steigt, parallel dazu aber immer wieder zu bemerken ist, dass das Verständnis für Psychologie, welches Teil 1 sowohl im Erzählerischen als auch im Spiel mit dem Zuschauer bewies, so gut wie gar nicht vorhanden ist. Die obligatorischen Streitereien in der Gruppe, sowie diverse andersartige Gefühlsausbrüche, wirken nicht mehr authentisch. Sie entstehen, selbst betrachtet aus dem Blickwinkel der Ami-Kultur, in unglaubwürdigen Momenten aus nichtigen Gründen, lange bevor Elemente wie Hunger, Durst und Angst das alltägliche Verhalten manipulieren können.

Dennoch weiß allein der stimmige Wald zu wirken. Und dass die Verantwortlichen der Geschichte einen Störfaktor in die Gruppe eingebaut haben, der möglicher Weise das Projekt manipuliert, beschert der ansonsten wiedergekäuerten Story von Teil 1 einen Zusatzreiz. Sehr viel mehr war auch nicht nötig, bereits Teil 1 lebte vom „weniger ist mehr“-Prinzip und ließ den Zuschauer teilweise lediglich auf einen schwarzen Bildschirm, oftmals sogar nur auf verwackelte Aufnahmen der Botanik, starren. Immer dann wenn „The Blair Witch Project 3“ (Alternativtitel) seinen berühmten Teil 1 kopiert, schaut sich die zweite Fortsetzung tatsächlich auch am besten. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass jene Momente am besten wirken, in denen wir Aufnahmen aus Teil 1 sichten, die direkt eindringliche Erinnerungen daran wecken, wie unheimlich das Original ausgefallen war.

Das ist alles andere als ein Lob für eine Fortsetzung, und tatsächlich kann man schon einmal vorweg nehmen, dass „Blair Witch 3“ kein sympathisches Stück Film geworden ist. Als halb funktionierendes Stück mangelhafter Durchschnittskost ist er aber zumindest nicht wirklich schlecht ausgefallen. Zwar wird Adam Wingards Beitrag der Reihe gegen Ende immer ungruseliger und leider auch unsinniger (keine Ahnung was die so gar nicht nachvollziehbare Szene soll, in welcher die Hauptdarstellerin sich wie ein Wurm durch einen engen, unterirdischen Gang wuselt), ein Hauch Restatmosphäre bleibt aufgrund der gewählten Handlungsorte und der gruseligen Hintergrundgeräusche aber immer bestehen.

Im Internet wird dem Film oft vorgeworfen, dass er zu viel zeigt, und ab diesem Moment, in dem er sich in diesem Punkt vom kultigen Teil 1 distanziert, bergab ginge. Das kann ich nicht bestätigen. Es wird mehr gezeigt, aber nicht wirklich nennenswert mehr. Der Phantasie bleibt genügend Raum gelassen, wahre neue Erkenntnisse um die Legende der Hexe von Blair gibt es nicht. Aufgrund des mangelnden Gefühls für Stimmung und Glaubwürdigkeit tut es „Blair Witch 3“ sogar gut, dass er versucht hat mit flotteren Aktionen gegen den mangelnden Gruselgehalt anzukämpfen. Aber freilich machen solche Verzweiflungstaten nach längeren scheiternden Gehversuchen auch keinen guten Film mehr.

Es ist schade, dass „Blair Witch 2“ seinerzeit so wenigen zu gefallen wusste, der hatte immerhin eine tolle Idee die Reihe mittels Found Footage-Szenen aus dem Bereich des Found Footages herauszukatapultieren. Und ich denke das war die richtige Entscheidung. „The Blair Witch Project“ hätte im klassischen Filmverfahren weiter fortgesetzt werden müssen, dann wären sicherlich brauchbare Nachzügler dabei herausgekommen, vielleicht auch leicht verdaulichere als die etwas ungewöhnliche, für simple Geister zu sperrig erzählte, Geschichte der ersten Fortsetzung. Zumindest beweist nun „Blair Witch 3“, dass man nicht ewig auf erneut in die Wälder ziehende Dokufilmer setzen kann, das haut weder Eingefleischte noch Neulinge der Reihe vom Hocker - zumindest so lange, wie keiner mit an Bord ist, der das nötige Gespür dafür beherrscht, wie aus dem Original und dem Nachzügler „Paranormal Activity“ derart angsteinflößende Filme werden konnten.


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