Montag, 23. Juli 2012

THE DRILLER KILLER (1979 Abel Ferrara)


Dem Künstler Reno wachsen seine Probleme über den Kopf. Da ist es kurz vor der Fertigstellung seines neuesten Werkes, welches ihm die Miete sichert, nicht gerade hilfreich, dass gerade nebenan eine laute Punkband eingezogen ist die ständig probt. Irgendwann dreht der Mann durch und rennt mit einem Akkubohrer durch die Gegend, um damit Obdachlose zu ermorden...


Ich schenke Dir eine neue Körperöffnung...

„Driller Killer“ ist ein kleiner, dreckiger Underground-Film, kostengünstig heruntergekurbelt und weit entfernt vom damaligen Mainstream. Er ist hart, direkt, teilweise brutal und in schlichte, verstörende Bilder gehalten. Da er der erste Langfilm des später berühmteren Abel Ferrara ist, der nicht sein Leben lang Underground-Filmer geblieben ist, sondern Werke wie „Bad Lieutenant“, „The Addiction“ oder „Body Snatchers“ geschaffen hat, sollte man meinen dass sich ein Blick auf ein solches Frühwerk sicherlich lohnt. Dieser Eindruck wird bestätigt, wenn man im Internet liest wie sehr dieser kleine Horrorfilm gefeiert wird.

Nun, wo ich ihn gesichtet habe kann ich diese Euphorie nicht teilen. Ähnlich wie die Werke eines Christoph Schlingensief lässt sich klar erkennen, dass sich hier Schund und Kunst mixen, keine Frage. Und hier wie dort ist auch glasklar die Botschaft heraus zu erkennen, die eher versteckt mit eingebracht wurde. Geistlos sieht anders aus! Andererseits nutzt ein gewisser Grad Tiefgründigkeit nicht viel, wenn ein Film derart unterhaltungsfeindlich erzählt wird wie „Driller Killer“. In solch einem Falle neige ich eher zum Gegenteil und schaue lieber einen dümmlichen Film, der dafür wenigstens kurzweilig erzählt ist.

Ich bin nun kein Verweigerer anstrengenderer Kost und bewundere manche Werke wie „Welt am Draht“, „Spiel mir das Lied vom Tod“ und Co. Dort fruchtete die Konzentration auch irgendwann, da man mit einer tollen Geschichte belohnt wurde und man manch erstaunliche, handwerkliche Perfektion bewundern durfte. „Driller Killer“ ist jedoch nur schnell heruntergedreht, teilweise unzusammenhängend aneinander geschnitten und damit viel zu wackelig erzählt.

Zwar weiß Abel Ferrara seine eigene Hauptfigur recht glaubhaft selbst zu verkörpern, aber der Übergang vom Normalo zum Irren ist nicht wirklich gut herausgearbeitet, vielleicht weil er schon zum Einstieg des Streifens viel zu irre positioniert ist. Vielleicht hätte man einfach in einem normaleren Zustand starten sollen.

Das ist aber auch nicht das Hauptproblem des Streifens. Viel mehr hält er einen viel zu lange und viel zu oft mit Nichtigkeiten auf, zeigt endlose Proben einer schlechten Garagen-Punkband und die zur Entstehungszeit obligatorischen und möchtegern-provokanten Erotikszenen und braucht damit viel zu lange, bis es schließlich zu jenem Moment kommt wo in anderen Genrebeiträgen die Post abgeht.

Da düst er also los, einen Batteriegürtel umgeschnallt, den Akkubohrer daran befestigt und bohrt den Leuten neue Löcher in ihre Körper. Würde der Bohrer, wie im drei Jahre später entstandenen und wesentlich besseren „The Slumber Party Massacre“, als Phallussymbol dienen, könnte man sich noch über ein durchbohrtes Knie freuen im Hinblick auf den bekannten Ausspruch „Fick Dich doch ins Knie“. „Driller Killer“ ist jedoch viel mehr Gesellschaftskritik, so gut wie gar nicht humoristisch gemeint und will lediglich mit dieser sehr direkten Art zu verletzen schocken.

Aber auch mit diesem Anliegen war „Driller Killer“ zu seiner Zeit keine Seltenheit mehr. Seit 1974, als Tobe Hooper die Kettensäge in „Blutgericht in Texas“ anwarf, lebte der reale Horror in amerikanischen Kinos auf und erforderte vom damaligen noch recht zartbesaiteten Zuschauer starke Nerven. Das Eindringen eines Fremdkörpers im eigenen Leib bleibt dabei eine recht drastische Vorstellung, in die man sich recht gut hineinversetzen kann. Jedoch trägt der Film recht wenig dazu bei dieses ungute Gefühl beim Publikum entstehen zu lassen, hätte man dafür doch psychologisch anders vorgehen müssen, anstatt einfach recht harte Bilder zu zeigen, die freilich mit Blick von heute für den Stammzuschauer des Genres recht zahm daher kommen.

Es ist nicht so, dass Ferrara es nicht hin und wieder schaffen würde Atmosphäre entstehen zu lassen. Und der dreckige Stil kleidet den Streifen auch recht gut. Er schafft es jedoch nie Anteilnahme bei Täter oder Opfer entstehen zu lassen. In keine präsentierte Figur kann man sich hineinversetzen. Und das Thematisieren der Entfremdung des Individuums in einer Gesellschaft, die Nichtigkeiten zu Wichtigkeiten macht, gibt der ganzen Sache nicht genug Substanz um Reno verstehen zu können.

Und somit bietet der Film nichts weiter als kleine Ansätze, was etwas wenig ist für ein Werk welches auf so penetrante Weise dem Zuschauer absichtlich einen flüssigen Unterhaltungswert verweigern möchte. Was man auf der einen Seite vorenthält, muss man auf der anderen Seite gehaltvoll oder anspruchsvoll zu füllen wissen, und da hat Ferrara meiner Meinung nach keine gute Arbeit geleistet, auch wenn viele andere Genrefreunde hier allerhand Tiefe und Kunstgehalt meinen entdeckt zu haben. Aber da ist sie eben die Problematik von Schund-Kunst: Man kann in Schund so viel entdecken oder glauben zu entdecken. Das ist bei den eben erwähnten Werken eines Schlingensief nicht anders. Auch ich neige hin und wieder zu solch einer Haltung. Im hier besprochen Film diesmal jedoch nicht.


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