Freitag, 17. August 2012

DAS SCHLOSS DES GRAUENS (1998 Wolfgang F. Henschel)


Sir Wonderly möchte gerade ein neues Testament aufsetzen, da wird er von einem Kapuzenmann, der aus einer psychiatrischen Anstalt entflohen ist, derart erschreckt, dass er ins Koma fällt. Da von nun an ein Erbberechtigter nach dem anderen zu Tode kommt, ruft dies Inspektor Higgins auf den Plan, der zusammen mit seiner Kollegin Mrs. Lane ermittelt. Lediglich Sir John hält dies für Zeitverschwendung, glaubt der doch an eine Reihe von Selbstmorden...


Trivial-Kino auf TV-Niveau...

Als in den 90er Jahren der Retro-Hype um die alten Deutschen Edgar Wallace-Filme der 60er Jahre los ging, da fühlte sich nicht nur Kabel 1 dazu ermutigt die Filme immer wieder zu senden, auch RTL überlegte wie man aus dieser Mode Profit schlagen könnte und produzierte 1995 einen Piloten, dem zwei kürzere Filme folgen sollten, mit an Bord der ehemalige Wallace-Veteran Eddi Arent.

Ich habe keine Ahnung wie hoch die Einschaltquoten waren, aber scheinbar fühlte man sich dazu veranlasst das Projekt nicht vollends aus den Augen zu verlieren und ähnlich den Geschichten um „Geisterjäger John Sinclair“ einige Veränderungen zu bescheren für die zweite Produktionswelle. Als Mitfinanzier holte man sich erneut Horst Wendtland mit an Bord, der bereits die Ur-Reihe vergangener Kinojahre produzierte, und Eddi Arent blieb der Reihe ebenfalls erhalten, wechselte aber seine Rolle zu der von Sir John, dem Chef des New Scotland Yard.

Der restliche Cast wurde ausgetauscht. Nach Joachim Fuchsberger in den 60er Jahren und nach Joachim Kemmer aus den Filmen von 1995, übernahm Gunter Berger die Rolle des Higgins, und der macht seine Sache tatsächlich gut, weiß er doch gekonnt auf der einen Seite das damals moderne Kommissaren-Freche der 60er Jahre darzustellen und dem ganzen gleichzeitig einen modernen Touch zu geben, der ihn auch in den 90er Jahren wirken lässt.

Ob sich all diese Zutaten gelohnt haben, um damit finanziellen Erfolg einzufahren, beantwortet sich allein durch die Tatsache, dass die fünf Filme zunächst einmal vier Jahre im Giftschrank von RTL auf eine Uraufführung warteten. Diese gab es dann erst auf Super RTL, dort aber immerhin mutiger Weise zur Prime Time, wo dann wöchentlich alle fünf Teile präsentiert wurden. Der erste der Reihe war „Das Schloss des Grauens“ und verglichen mit dem Rest wollte man in diesem wohl ganz bewusst alles richtig machen, könnte die Geschichte doch kaum näher an einem klassischen Wallace-Film dran sein. Erzählte eines der späteren Werke z.B. von einer Motorrad-Gang, die mit Tennisball-Bomben ihre Opfer tötete, was nicht gerade typisch nach Wallace klingt, bot der hier besprochene zweite Pilot hingegen ein altes Schloss, mysteriöse Selbstmorde, ein verschwundenes Testament, uneheliche Erbberechtigte, eine alte Familientradition und einen entlaufenen Geisteskranken. Scheinbar wollte man zunächst ganz auf Nummer sicher gehen.

Aber RTL ist RTL, und in der Planungsabteilung dieses Senders dachte man noch nie nah am Wunsch des Zuschauers, und so wurde aus sympathisch klingender Theorie trivialste Praxis, welche die meisten Fans der Original-Reihe arg verschreckt haben müsste. Außer Eddi Arent und Gunter Berger weiß so ziemlich keiner der Beteiligten zu schauspielern, nicht einmal die weibliche Hauptrolle. Lieblose Kulissen wollten weder Grusel- noch Nostalgie-Flair einfangen. Und für die Musikuntermalung gab man sich überhaupt keine Mühe.

Doch wo Fans schimpften und andere Leute Spaß an diesem Film aus reiner unfreiwilliger Komik hatten, da fühlte ich mich auch jenseits dieser nett unterhalten, denn erwartet hatte ich eigentlich nichts anderes, war doch bereits die alte Kino-Reihe Trivialunterhaltung, wenn auch spätestens durch Alfred Vohrer mit Kunstaspekten versehen. Da war es doch geradezu selbstverständlich, dass eine TV-Version, die immer plumper ist als ein Kinoprojekt, ungefähr so ausfallen würde wie „Das Schloss des Grauens“. Die Unterschiede zur Kino-Reihe sind deutlich. Die Darsteller sind großteils untalentiert, gedreht wurde in Farbe, und es gab weniger Geld zur Realisierung des Filmes.

Das sind alles keine Überraschungen in einer RTL-Produktion, und so schaut sich der Film auf TV-Niveau etwa so, wie man sich die Wallace-Reihe transferiert in die 90er Jahre tatsächlich hätte vorstellen können. Klar wäre es schöner gewesen gelungenere Beiträge in Kinoform mit aktuellen Kino-Stars zu sichten. Aber dafür fehlten damals wie heute mutige Investoren, obwohl ein Erfolg vorprogrammiert wäre, spätestens nach den „Wixxer“-Parodien. Aber für 90 Minuten geistlose Unterhaltung war das Ergebnis durchaus unterhaltsam. Sinnfrei aber mit Spaß an der Backe tapsen Arent und Berger durch eine hanebüchene Story, die mit immer neuen Wendungen, gerade gegen Ende, immer unsinniger wird. Richtig ernst genommen hatte das Projekt niemand, und genau das beschert ihm die Leichtigkeit, die weder die Verantwortlichen bei RTL, noch die Nörgler, noch die Kritiker bemerkten, und die genau zu jenem Ergebnis führte, das eben mehr als unfreiwillige Komik ist.

Allerdings muss man einräumen, dass eben wegen der starken Nähe zu klassischen Wallace-Filme, sich gerade das „Schloss des Grauens“ eine Spur billiger guckt als die anderen Filme der Reihe, eben weil der Vergleich zu den professionelleren Originalen viel stärker vorhanden ist. Mag er auch noch so ungerecht sein, aber dieser Vergleich lässt sich nicht ignorieren. Und so fallen Fälle wie jene um „Die unheimlichen Briefe“ oder um den Clown „Whiteface“ noch eine Spur besser aus, auch wenn diese ebenso wie der hier besprochene trotzdem nur kostengünstigste Trivialunterhaltung ohne jeglichen Anspruch bleiben.

Es ist schade, dass es nur bei fünf Fällen blieb und dass gerade die Leistung Gunter Bergers von so gar keinem Kritiker, ob privat oder bezahlt, anerkannt wurde. Klar spielt er nicht professionell, aber er spielt mit leichter Hand und mit einem Augenzwinkern, professionelles Schauspiel wäre da fehl am Platz gewesen. Und das hat der gute Mann erkannt.

Also, wer einmal erleben möchte wie die 60er Jahre Wallace-Reihe in den 90ern auf TV-Niveau ausgesehen hätte, der ist hier genau richtig. Denn berücksichtigt man die Umstände und das Produktionsniveau, kann man durchaus behaupten, dass diese Wallace-Reihe die konsequente Fortführung des alten Stils ist, der damals schon aufgrund der Langjährigkeit der Reihe immer wieder einen Wandel erfuhr. „Das Schloss des Grauens“ ist ein typisches Kind seiner Zeit. Und ob einem die 90er Jahre nun schmeckten oder nicht: in Zeiten von Billigstproduktionen und TV-Darstellern als „Schauspieler“ hätte ein Wallace-Film gar nicht anders ausfallen dürfen.


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