Freitag, 12. Oktober 2012

GNADENLOSE VERFÜHRUNG (Sekten 1997 Susanne Bier)


Eigentlich dachte Mona ihre beste Freundin habe ein Verhältnis mit ihrem Psychiater. Stattdessen muss sie erkennen, dass dessen Gruppentherapie eine gefährliche Sekte ist. Mona versucht ihr aus dieser herauszuhelfen...


Scientologys kleiner Bruder...

„Gnadenlose Verführung“ erzählt von einer als Therapiegruppe getarnten Sekte, und von einer Frau, die ihre beste Freundin aus dieser bedrohlichen Gruppe befreien möchte. Dabei versucht der Film nicht nur auf Unterhaltungsebene zu funktionieren, sondern auch ernsthaft vor Sekten zu warnen.

Für letzteres ist er jedoch zu klischeehaft und unsensibel umgesetzt. Echte Aufklärungsarbeit kann eher ein reines Drama wie „Delphinsommer“ leisten, was nicht heißen soll, dass es in einem Horrorfilm nicht auch möglich wäre. Aber dort funktioniert so etwas eigentlich nur in zweiter Reihe, ist das Genre doch eigentlich eher der Unterhaltungsebene verpflichtet.

Neben seiner Klischeelastigkeit stört auch ein wenig die unsensible Art, mit der das Thema angegangen wird. Viel zu ruppig wird man in das Thema hineingestoßen, viel zu schnell werden einzelne Schritte vollzogen. Zudem wirkt die Sekte arg dämonisch und auf der anderen Seite wiederum arg naiv. In Sachen Aufklärungsarbeit scheitert der Film meiner Meinung nach.

Das ist etwas schade, denn kleine, stille Themengebiete am Rande gehen in die richtige Richtung. Man hätte die Eingangssequenz besser nicht mit einer Wahrsagerin umsetzen sollen, aber in dieser Szene erfahren wir die Leere des Charakters der Hauptfigur. Jene Leere, auf die auch der Psychiater manipulativ zu sprechen kommt.

Der Film zeigt, dass auch alltägliche, parallele Situationen Sekten-ähnlich sein können. So baut Regisseurin Susanne Bier den Kniff ein, dass die Hauptfigur in eine dominante Familie einheiraten will. Eine Familie, die den an sich lebendigen Charakter einengt. Eine Familie, in der die eigene Meinung nicht beachtet wird. Das macht die Figur von Mona, so ihr Name, so interessant und griffig. Auf der einen Seite ist sie spontan, voller Energie und selbstbewusst. In anderen Bereichen ihres Lebens schlüpft sie in eine etwas devote, völlig andere Rolle. Warum?

Damit entsteht die selbe Frage nach dem Warum des Sektenzugehörigkeitsgefühls der Freundin Anne. Warum ist das Gemeinschaftsgefühl so groß, wenn man doch seelisch und körperlich verletzt wird? Eine Antwort gibt die oben erwähnte Leere beider Charaktere. Ein unternehmungslustiges Mitglied der Spaßgesellschaft zu sein, füllt nun einmal nicht aus. Beide Figuren sind willkommene Kandidaten für eine Sekte oder eine Religionsgemeinde. „Gnadenlose Verführung“ zeigt deutlich, dass eine Sekte nicht zwingend mit Religion zu tun haben muss. Die Psychologie kann nicht nur Mittel der Manipulation sein, sondern auch Antrieb des Menschen, dem das Gehirn gewaschen wird.

Rein psychologisch gesehen, ist es die still aufgeworfene Frage des Filmes, was eigentlich wirklich Monas Antrieb ist. Will sie Anne aus selbstlosen Gründen retten? Oder ist es eher der Wunsch nach eigener Befreiung? Mona schlägt Anne eine Reise vor, um sie von der Sekte räumlich zu trennen. Gleichzeitig müsste aber auch die Hochzeit verschoben werden und Mona wäre räumlich von der dominanten Familie getrennt. Zwei Fliegen mit einer Klappe? Eigensucht? Oder echte Hilfe?

Zudem klingt es an, dass Mona mit ihrem Freundeskreis eher unglücklich ist und Anne die einzig wichtige Person in ihrem Leben ist. Steckt da auch eine Portion Eifersucht mit hinter? Immerhin stößt Mona nur deshalb auf die Sekte, da sie glaubt Anne hätte was mit ihrem Psychiater, und den wollte sie alkoholisiert mal ausquetschen. Wenn man schon Angst vor dem Liebhaber der Freundin hat, wie groß muss die Angst der Wegnahme sein, wenn eine ganze Sekte seine Krallen nach der besten Freundin ausstreckt? Geht es hier wirklich um selbstlose Hilfe?

Etwas schade ist, dass Mona der einzige Charakter im Film bleibt, über den man so viel erfährt. Gerade der Psychiater und die beste Freundin hätten noch vertieft werden müssen. Beide sind zu klischeehaft ausgefallen. Das mag dem Psychiater in einem Horrorfilm etwas Bösartiges geben, soll meiner Meinung nach also o.k. sein, bei der Freundin wird mit dieser Oberflächlichkeit jedoch einiges an Potential verschenkt.

Ein ruhigeres Einsteigen in die Geschichte hätte eine Anne zeigen können, wie sie früher war. Wir bekommen nur eine gehirngewaschene Anne gezeigt, deren Zustand sich im Laufe des Films immer weiter verschlimmert. Ohne charakterlichen Hintergrund hinterlässt dieser Wandel eher den Eindruck dargestellter Vorurteile. Das ist schade.

Monas Charakter hätte sich zusätzlich geeignet, die Versuchung von Sekten zu verdeutlichen. Der Film lässt in intimeren Szenen mit Mona und Annes Psychiater diese Versuchung des öfteren aufblitzen. Letztendlich wird Mona nur deshalb nie ernsthaft von der Gruppe gelockt, da diese viel zu naiv vorgeht.

Mona beobachtet eine bedenklich stimmende Gruppensitzung als Eindringling in einem Raum, der nicht verschlossen war. Die Leiterin der Sekte lässt Mona trotz einiger Aussetzer mal eben im Sektenhauptsitz nächtigen. Bedenkliche Äußerungen werden vom Psychiater viel zu früh ausgesprochen, noch bevor Mona eine Art Vor-Gehirnwäsche erfahren hat. Das ist ärgerlich, wird doch deutlich dass Mona kein dummer Mensch ist. Sie will Spaß haben und leben, geht gedankenlos durchs Leben. Aber da sie auf der anderen Seite auch intelligent ist, ist es nachvollziehbar, dass ihre Alarmglocken läuten, wenn gewisse Sätze fallen. Man sollte meinen, dass manipulierende Menschen da etwas cleverer und vor allen Dingen von Person zu Person individueller vorgehen.

Ich denke mal, man liest heraus, dass für einen Horrorfilm schon so einiges thematisch erreicht wurde, das parallel zum Unterhaltungswert läuft. Von Aufklärungsarbeit kann dennoch nicht die Rede sein, denn die von mir besprochenen Themen kommen doch recht unauffällig vor. Eine Methode, die ich bei Dramen sehr mag, da der Zuschauer selbst etwas entdecken soll. Er soll nicht auf alles gestoßen werden. Wenn aber, wie hier, ein Horrorfilm mit seinem eigentlichen Anliegen eine spannende Geschichte zu erzählen von diesen stillen Momenten fortlaufend ablenkt, dann wäre es meiner Meinung nach wünschenswert gewesen, den Zuschauer doch etwas direkter auf das psychologische Umfeld zu stoßen.

Insbesondere deshalb, weil die Horrorgeschichte selbst etwas zu routiniert angegangen wird. Man braucht etwas Zeit um mit dem Film warm zu werden. Dann fiebert man mit der Heldin mit, und im Finale wird es noch einmal richtig interessant. Insgesamt dümpelt das komplette Werk aber etwas zu seicht vor sich hin, bietet außerhalb des Finales keine echten Höhepunkte und ist zudem etwas ruppig umgesetzt. Die Sekte ist böse, das ist von Anfang an klar. Wie Mona auf die Sekte stößt ist zu plump eingearbeitet, und wie erwähnt geht die Sekte zu naiv vor. Das raubt „Gnadenlose Verführung“ einiges von seinem Spannungsgehalt, der aber immerhin vorhanden ist.

Aus dem Thema hätte man trotzdem deutlich mehr machen können, wenn man dem Stoff die Laufzeit beschert hätte, die er benötigt hätte. In Zeiten von 3-Stunden-Filmen frage ich mich, warum ein Thema wie dieses unter 90 Minuten abgehandelt werden muss. Schade! Ich denke nämlich dass viele Klischees automatisch verschwunden wären, wenn man nicht unter dem Zeitdruck der durchschnittlichen Filmlänge hätte arbeiten müssen.


OFDb 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen