Samstag, 13. Oktober 2012

VATER SEIN DAGEGEN SEHR (1957 Kurt Meisel)


Lutz Ventura lebt alternativ. Er wohnt in einem Turm, ist Schriftsteller mit unregelmäßigem Einkommen und führt ein eheloses Liebesleben mit Margot. Nach drei Jahren verlobt er sich doch mit ihr, just am selben Tag erhält Lutz ein Telegramm über den Tod seiner Schwester. Diese lässt zwei Kinder zurück, die Lutz bei sich aufnimmt, solange der Vormund, Lockführer Röckel, mit seiner Frau in Urlaub ist. Frau Röckel ist alles andere als kinderfreundlich, und so versuchen die Kleinen alles, um bei Lutz zu bleiben. Doch der ist sich mit Margot einig: dies bleibt nur ein Ferienaufenthalt...


Der Urlaubs-Daddy...

„Vater sein dagegen sehr“ ist ein Protest gegen Spießertum. Ein solcher sah in Zeiten vor demokratischer Kindererziehung, bevor ein Pfarrer nur ein Stadtbewohner unter vielen wurde und bevor die Deutschen sich von der Strenge eines Knigge lösten, jedoch sehr anders aus, als man es sich heute vorstellen würde. Venturas Art zu leben war in den Tiefen 50er Jahren zur Adenauerzeit eine reine Provokation: kein festes Einkommen, kein Frauenhaushalt, alles Dinge, die zu Problemen werden, wenn Ventura sich im letzten Drittel überlegt die Kinder zu sich zu nehmen.

Margot, die noch jeden Skandal mitgemacht hat, inklusive wilder Ehe, zieht hier jedoch den Schluss-Strich. Eine junge Frau mit zwei Kindern, von denen eins bereits fast erwachsen ist, das ist nicht denkbar. Dass wir uns in einem Heinz Rühmann-Film befinden, der heilen Welt eines Mannes mit schelmischem Grinsen, verrät bereits, dass es zu einem Happy End kommen wird. Und das kommt nicht ohne Hilfe des Pfarrers, einem guten Freund von Lutz, was man sicherlich auch als Provokation sehen kann. Der Pfarrer heißt Venturas Treiben nicht gut, aber er akzeptiert es, beeinflusst den Mann nicht durch Strenge, sondern durch Freundlichkeit und Hilfe. Würde der Mann Gottes zur Entstehungszeit nicht im Widerspruch stehen zu dem, was ein Pfarrer sein sollte und durfte, man könnte seinen Part als Werbevideo der katholischen Kirche sehen.

Mit heutigen Augen ist Kurt Meisels Werk ein merkwürdiger Film. Da ist dieses moderne Paar, das sich nicht um die Meinung der anderen kümmert und sein alternatives Leben genießt (er noch mehr als sie), und dennoch gibt es diesen Kommandoton den Kindern gegenüber. Liebevolle Strenge, so könnte man Lutz’ Stil bezeichnen, und die Kinder mögen ihn dafür.

Nicht nur in solchen Szenen erkennt man die völlig andere Moral. Auch wenn Herr Röckel dem eher unbekannten Lutz erzählt, er habe erstmals seine Frau geschlagen, so erntet er nur damit die fröhliche Reaktion des Schriftstellers: „Und, hat’s was genützt?“ Wenn man nun noch zusehen darf, wie der kleine Gastsohn nackend in das Bett seiner jugendlichen Schwester steigt, das sich beide im Urlaub teilen, dann wirkt das alles heute fremd. Erstaunlich wie unfrei und frei man damals zugleich war, genau wie heute, nur mit anderer Verteilung der Zwänge und Freiheiten.

Kurt Meisels Inszenierung kommt leicht daher. „Vater sein dagegen sehr“ guckt sich angenehm kurzweilig. Kleine Gesangseinlagen verderben einem nicht den Spaß, sondern unterstreichen den Stil des Films. Bereits ein Jahr zuvor arbeitete Rühmann mit Meisel zusammen. Damals realisierten sie die mehrfach verfilmte Geschichte um Schneider Wibbel, der als „Das Sonntagskind“ veröffentlicht wurde. Der war ein recht schwacher Film, um so schöner, dass die zweite gemeinsame Arbeit gleich viel sympathischer ausgefallen ist.

Zu den großen Würfen Rühmanns Schaffens hat es aber auch diese Komödie nicht geschafft. Ich bin insgesamt zwar sehr angetan von der netten Geschichte, in welcher der große Schauspieler wieder mit seinem Charme trumpfen darf und die uns für 90 Minuten in eine heile Welt eines immergrünen Deutschlands entführt. Zur kompletten Abrundung eines guten Filmes fehlte mir jedoch eine sympathische Kinderbesetzung.

Die jugendliche Tochter steckt nun mal in der Zeit der späten 50er Jahre fest, die kann nichts dafür, dass sie heute so unsympathisch wirkt. Aber der Bengel, der ständig bayrisch brabbelt und dabei nie etwas nettes oder Sympathie förderndes sagt, der ist nun komplett fehlbesetzt, viel mehr noch jedoch charakterlich schlecht gezeichnet. So sehr sich der Film bemüht das Angenehme des Vaterseins hervorzuheben, speziell die hier gezeigten Kinder betreffend schwappt dieses Gefühl nie auf den Zuschauer über. Und das schadet dem sonst so netten Streifen schon enorm.

Letztendlich ist „Vater sein dagegen sehr“ aber ohnehin nur ein alter Schinken, der sich sehr verstaubt guckt. Und der entführt einen eher in eine andere Zeit, als in eine Geschichte zum persönlich mit Eintauchen. Die Ansichten sind überholt, die Manipulation zur Erziehung des Filmkonsumenten zu einem gesetzestreuen Bürger findet nicht mehr Gehör, und die Auflehnung bestehender Ungerechtigkeiten ist überholt. Aber gerade deshalb macht ein solches Original dieser Zeit so viel Spaß. Auch wenn einem hier nur heile Welt präsentiert wird, so ist es doch fast abenteuerlich einmal wieder in eine vergangene Zeit einzutauchen, eine, die einem nicht rückblickend zurück entworfen wird, sondern durch ihr Entstehungsjahr filmisch betrachtet authentisch ist.

Übrigens: wer gerne einmal sehen möchte, wie die deutsche Stimme der Margaret „Miss Marple“ Rutherford ausschaut: die hat eine kleine Gastrolle gegen Ende und darf die strenge Dame des Jugendamtes verkörpern.


OFDb

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