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Sonntag, 5. April 2015

UNHEIMLICHE GESCHICHTEN (1919 Richard Oswald)


In einem Buchladen treten der Tod, der Teufel und die Dirne aus ihren Gemälden heraus, vergraulen den Ladenbesitzer und durchstöbern in dessen Abwesenheit das Sortiment nach fünf gruseligen Geschichten...


Drei in fünf...

„Unheimliche Geschichten“ hat mittlerweile fast 100 Jahre auf dem Buckel und schaut sich dementsprechend nicht mehr so unheimlich wie sein Titel verspricht, aber das wird zum einen damals zur Entstehungszeit trotz aller Verspieltheit etwas anders gewesen sein und zum anderen wird das heutzutage wohl auch kaum wer noch erwarten. Einen Stummfilm schaut man aus anderen Gründen, und als solcher weiß Richard Oswalds Werk auch zu überzeugen, allein schon aufgrund der durchdachten und beeindruckenden Einsätze von Licht und Schatten. Nur ein einziges mal ist das Licht falsch eingesetzt und überblendet das Gesicht eines der Protagonisten, ansonsten herrscht Professionalität in einem Film, in dem Oswald immerhin schon 5 Jahre Erfahrungen als Regisseur im Bereich der laufenden Bilder sammeln konnte.

Oswald hat sich nie auf ein bestimmtes Genre versteift, drehte bis in die 40er Jahre hinein Filme und war für so manche Früh-, wenn nicht sogar Erstverfilmungen klassischer Stoffe verantwortlich. So setzte er bereits zu Stummfilmzeiten 1929 Arthur Conan Doyles „Der Hund von Baskerville“ um, drehte 1926 „Im weißen Rössl“ und 1931 „Der Hauptmann von Köpenick“. Und dies ist nur ein kurzer Ausschnitt aus einer Regie-Karriere von über 100 Filmen.

„Unheimliche Geschichten“ besticht durch die sympathische Idee, dass die Darsteller von Tod, Teufel und Dirne jeweils die Hauptrollen aller fünf erzählten Geschichten einnehmen, so dass Schauspieler und Maske beweisen dürfen was in ihnen steckt, und das weiß aufgrund der andersartigen Wirkung der Personen in ihren verschiedenen Rollen schon zu beeindrucken. Hier waren Profis am Werk, die wie für den Stummfilm typisch überagieren mussten, was manch Unerfahrener vielleicht orientiert an den heutigen Zeiten und Anforderungen als Schwäche im Schauspiel interpretieren würde. Aber wer sich gerne mit Stummfilmen beschäftigt weiß freilich wie naiv ein solcher Blick auf die Dinge ist und wie gekonnt die in ihrem Fach gelernten Menschen sich an dem noch recht frischem Medium beteiligten.

Man merkt in solch frühen Zeiten wie sehr das Medium des Films noch seine eigene Handschrift und seinen eigenen Schwerpunkt suchte, orientiert man sich doch sowohl stark an die Gesetzmäßigkeiten des Theaters, wie auch an jenen des geschriebenen Wortes in einem Genre welches in solch früher Zeit noch recht selten filmisch umgesetzt wurde. Dementsprechend sticht auch die fünfte und meiner Meinung nach schlechteste Episode traditionell als der humoristische Ausklang des Gesamtwerkes hervor, eine Tradition die sich innerhalb des Medium Films in Sachen Episoden-Horror nicht weiter durchgesetzt hat.

Ohnehin ist der Streifen mit seinen für einen Episodenfilm untypischen fünf Geschichten ein wenig überladen, was wohl auch der Grund sein könnte, warum Oswald sein eigenes Werk ebenfalls unter dem Titel „Unheimliche Geschichten“ 1932 zur Tonfilm-Zeit noch einmal verfilmte, diesmal jedoch nur mit drei Geschichten versehen, wovon lediglich zwei des Originalfilms übrig blieben. Nur wenige Episoden-Horrorfilme überschreiten heutzutage die Zahl der drei Geschichten, auch dies musste erst experimentell in den jungen Jahren der laufenden Bilder herausgefunden werden.

„Unheimliche Geschichten“ fasziniert zum einen aufgrund der Spielfreude seiner drei Hauptdarsteller, zum anderen aufgrund des Abwechslungsreichtums der wahrlich sehr unterschiedlichen Geschichten und manch einen Filmfreund sicherlich auch aufgrund dessen, dass Poes oft verfilmte Geschichte „Die schwarze Katze“ ebenfalls mit enthalten ist, so dass man einer sehr frühen Verfilmung dieses Klassikers beiwohnen darf, von der man wohl behaupten darf, dass sich mancher Schauspieler späterer Verfilmungen am Agieren der Darsteller aus „Unheimliche Geschichten“ orientiert hat bzw. inspiriert haben dürfte.

Mir persönlich hat die Geschichte des Selbstmörderclubs am besten gefallen, allerdings finde ich es schade dass die an sich so positive DVD-Reihe der Filmjuwelen dessen Pointe bereits in der Inhaltsangabe auf dem DVD-Cover verraten hat, so dass ich froh war den Text erst nach der Sichtung durchgelesen zu haben. Der naive Charme wie die Uhr und ihr Pendel in die Kulisse eingebunden wurden weiß noch heute zu begeistern, zumal durch diese Anordnung die finale Wende um so spielerischer und augenzwinkernder umgesetzt werden konnte, was wohl der Höhepunkt des gesamten Filmes ist, zumindest wenn man wie ich eher auf verspielte und schlichte Aspekte achtet.

Insgesamt sei der im selben Jahr wie „Das Cabinet des Dr. Calligari“ entstandene „Unheimliche Geschichten“ jedem Freund von Horror und Stummfilm zu empfehlen. Von der letzten Episode einmal abgesehen sind alle weiteren Erzählungen trotz unterschiedlicher Schwerpunkte auf ähnlichem Niveau wie die von mir hervorgehobene Episode, und allein die unterschiedliche Wirkung der immer gleich besetzten Hauptdarsteller weiß in diesen gekonnten Aufnahmen mit Licht und Schatten zu beeindrucken. Anbei sind die recht selten eingesetzten Spezialeffekte auf ihre Zeit gesehen ebenfalls recht professionell eingefangen. Insgesamt waren sie für den Film aber noch nicht so wichtig, wie man für einen Horrorfilm meinen könnte. Aber das Ergebnis gibt Oswald recht. Letztendlich haben Stan und Ollie in den 20er Jahren für ihre Dick und Doof-Kurzfilme mehr Spezialeffekte benötigt als die großen Stummfilm-Klassiker des Horror-Genres. Der Gedanke daran ist schon recht amüsant.


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