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Sonntag, 15. November 2015

DER GREIFER (1958 Eugen York)


Der nach Intuition arbeitende Hauptkommissar „Der Greifer" Dennert wird inmitten seines Bemühens einen mehrfachen Frauenmörder zu überführen pensioniert. Privat ermittelt er mit Hilfe befreundeter Kleinkrimineller weiter...


Frauenmörder und Lebensretter...

Trotz deutlicher Parallelen zu Fritz Langs „M“ und den im selben Jahr von „Der Greifer“ erschienenden „Es geschah am hellichten Tag“ interessiert sich der Film von Eugen York nur zweitrangig für den zentralen Kriminalfall. Es macht Sinn dass der Ermittler im Titel steht, denn die zwischenmenschliche Tragikomik des Hauptkommissars ist das Hauptaugenmerk des Streifens. Deswegen dauert es auch einige Zeit bis tatsächlich vor den Augen des Zuschauers Ermittlungen angegangen werden. Stattdessen dürfen wir zunächst dabei zusehen wie der alte Mann mit Ganoven feiert, ein Lied wird gesungen, und mit dieser Szene bricht der zuvor gesetzte biedere Blick auf die strenge Trennung Gut und Böse und das charakterlose Gesicht der Pflicht-bewussten Gesetzeshüter, die lediglich dafür gedacht war das starre Denken der Polizei zu kritisieren. Das nenne ich doch mal einen raffinierten Kniff, den ich einem 50er Jahre-Film mit Hans Albers nie zugetraut hätte.

So bieder „The Copper“ (Alternativtitel) aufgrund seiner Zeit manches Mal auch wirken mag, er ist ein moderner Film, frei von Vorurteilen und Klischees. Er gibt das Leben wieder wie es ist, und wirkt damit gerade in heutigen Zeiten, in denen man manche Wahrheit nur hinter vorgehaltener Hand zu äußern wagt, mutig und frisch. Zudem zeigt uns dieses Werk, dass sich die Zeiten letztendlich doch nie wirklich geändert haben. Die Angst vor Arbeitslosigkeit im Alter ist nur eines der Themen, die aktuell wie eh und je scheinen in einem Film, der immerhin fast 60 Jahre auf dem Buckel hat.

York schafft es Witz, Spannung und Dramatik gekonnt unter einen Hut zu bringen in einem Film, der sich viel Zeit und Ruhe für die Charaktere gönnt, in seinen harten Moment andererseits jedoch eine Extreme aufweist, die sogar schon manche Provokation des erst viel später erscheinenden „Dirty Harry“ bereit hält. Wenn der gesuchte Frauenmörder zum Lebensretter eines kleinen Kindes wird, dann darf man sich aufgewühlt und verwirrt fühlen, dann zeigt „Der Greifer“ wie vielschichtig das Leben ist und dass es voller Widersprüche steckt. Wenn aus dem Lebensretter eines Kindes ein Amokläufer wird, der viele Kinderleben in Gefahr bringt, wird das Bild wieder herumgeworfen, jedoch nicht damit der Zuschauer beruhigt in sein altes Weltbild zurück fallen kann, sondern um ihn erneut aufzuwühlen und zu verwirren. Es gibt nichts einfaches im Leben. Das Leben ist komplex. Und diese Wahrheit geht in Zeiten schlichtem politisch korrekten Denkens immer mehr verloren, was solche Werke wie „Der Greifer“ um so wertvoller macht.

Neben einem in der Titelrolle sympathisch agierenden Hans Albers (der trotz Sympathiefigur auch manch unangenehme Charaktereigenschaft zugeschrieben bekommen hat) agiert eine Vielzahl talentierter und liebenswerter Mimen, welche den Sehwert des Streifens zu unterstreichen wissen. Hervorgehoben sei ein fast 20 Jahre vor seiner Paraderolle in „Der Alte“ mitwirkender Siegfried Lowitz, der den hinterhältigen, da Karriere-geilen, Kollegen und Nachfolger Dennerts spielen darf. Und Horst Frank brilliert in der Rolle des Hauptverdächtigen und spielt in seinen besten Momenten so kühl, dass es einem kalt den Rücken herunter läuft.

Überraschend darf die Tätermotivation betreffend schon zu dieser Entstehungszeit psychologische Tiefe aufblitzen, wobei der Autor zu trennen weiß zwischen unausgesprochener Wahrheit und der versimpelten ausgesprochenen Version aus dem Munde des Täters. In diesen alten Zeiten, in denen der Zuschauer noch für mündig gehalten wurde, verzichtet man auf die weitere, korrektere Erklärung, traut man dem Zuschauer doch ein Mitdenken zu. Auch diesbezüglich guckt sich „Der Greifer“ widersprüchlich scheinend überholt modern. Lediglich mancher Kitschmoment kann sich dieses Etikett nicht anheften, aber genau diese Szenen sorgen dafür, dass der sich sonst so modern guckende „Der Greifer“ sich trotzdem eines Retro-Charmes erfreuen darf.


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