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Samstag, 28. Mai 2016

DER MANN MIT DEM GLASAUGE (1969 Alfred Vohrer)


Ein unbekannter Messerwerfer mit Glasauge geht um. Die Ermittlungen von Inspektor Perkins ergeben, dass die Ermordeten alles Hintermänner eines Rings für Drogen- und Frauenhandel waren...


Die sittarme Gräfin...

Mit „Der Mann mit dem Glasauge“ ging eine Ära zu Ende. Zwar wurde der letzte klassisch ausgefallene Beitrag der Rialto Wallace-Reihe, „Die Tote aus der Themse“, erst 1971 gedreht, aber der war nach dem Erfolg von Argentos „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ nur der Versuch die Reihe nach zwei Jahren wiederzubeleben, was scheiterte, so dass nach ihm lediglich noch zwei Giallos folgten, die sich so stark von der restlichen Wallace-Serie, egal welcher Dekade, distanzierten wie der in den zwei Jahre Pause entstandene „Das Gesicht im Dunkeln“, der ein alleinstehendes Unikum im Wallace-Universum blieb.

Der theoretisch richtige Abschluss der Reihe, der stilistisch für all das steht wofür die in Farbe gedrehten Filme der Wallace-Reihe berüchtigt sind, ist eigentlich „Der Mann mit dem Glasauge“, der von dem die Reihe mitprägenden Alfred Vohrer inszeniert wurde, was Kennern des Mannes einen sehenswerten Abschluss verspricht, ist dieser Regisseur doch nicht nur ein einfallsreicher und talentierter Mann seines Fachs, in seiner letzten Arbeit für die Reihe zieht er zudem noch einmal alle Register und liefert für die Wallace-Reihe in etwa das ab, was „Octopussy“ Jahre später für die James Bond-Reihe wurde.

Ein solch knallbuntes Feuerwerk an schrägen Attraktionen hat man in dieser Vielfalt scheinbar nicht einmal in der dafür bekannten Buntphase der Rialto-Wallace-Filme erlebt. Fast schon überladen tummeln sich hier Tänzer, Bauchredner und Messerwerfer, wir wohnen einer Prügelorgie bei die aus der „Batman“-Serie der 60er Jahre hätte stammen können, der Bösewicht darf auf Mabuse-Art in seinem Versteck alles über Monitore verfolgen, es wimmelt vor doppelten Böden, Scherzartikeln, Skrupellosigkeiten und Gangster-Klischees. Und wenn recht spät selbst noch der Stereotyp einer skrupellosen Adligen mit dem Klischee der endlosen Frauen-verhassten Mutterliebe gekreuzt wird, dann erkennt auch der Letzte wie augenzwinkernd Vohrer die vergangenen, ernsteren Beiträge der Reihe auf die Schippe nimmt.

Das Ergebnis ist zugegebener Maßen recht albern ausgefallen, zotig wird es jedoch nur selten, z.B. dann wenn Sir Arthur jegliche Form menschlicher Intelligenz vermissen lässt oder Perkins Gehilfe zu Wort kommt, der seine Dämlichkeit u.a. durch eine Sprechweise verkörpert, die ihn klingen lässt als befinde er sich im Stimmbruch. Diese Tiefpunkte schaffen es tatsächlich in all dem Irrsinn negativ herauszuragen.

Trotzdem nimmt man diese negativen Seiten des Streifens gerne in Kauf, ist Vohrer doch nicht nur ein äußerst unterhaltsamer Streifen geglückt, sondern zudem noch ein selbstreflektierender, der durchaus mehr Geist besitzt als sein äußerer Hokuspokus zunächst vermuten lässt. Wer genau hinschaut weiß wie raffiniert mancher Seitenhieb, Verweis und Storyaspekt ausgefallen ist. Und Vohrer versteht es zu unterscheiden welcher Handlungsmoment Ernsthaftigkeit benötigt und in welchem er gar so weit gehen darf die Barriere zwischen Fiktion und Wahrheit zu durchbrechen, z.B. wenn im Schluss-Gag die entführten Schönheiten alle Sir Arthur umgarnen und dabei jegliches ernsthafte Schauspiel über Bord werfen, so dass sich die Szene wie ein Jux während der Dreharbeiten schaut.

Vohrer schafft es diese unvereinbar scheinenden Extreme zu einem sehenswerten Ganzen zu verknüpfen und beschert dem Publikum zwar keinen atmosphärisch düsteren Grusel-Krimi mehr, jene Art Popkornfilm für welche die Rialto-Reihe zu ihren Schwarz/Weiß-Zeiten stand, stattdessen aber einen sympathischen, experimentell ausgefallenen Nonsens in Reinform, von dem sich Pseudointellektuelle mit der Begründung von Niveaulosigkeit in ihrem Tunnelblick abwenden werden, wohingegen der unvoreingenommene Beobachter erkennen kann dass auch in solcher Art Film Tiefe liegen kann.

Diese sollte man sicherlich nicht überbewerten, hauptsächlich geht es um den hohen Unterhaltungswert. Und der wird sowohl jenen beschert die das versteckte Niveau der Inszenierung erkennen können, als auch jenen die lediglich geistlos zusehen. Anbei gibt es in „Der Mann mit dem Glasauge“ noch einen kleinen Leckerbissen zu erleben: der sehr augenzwinkernd mit sichtbarer Spielfreude agierende Horst Tappert trifft hier 6 Jahre vor dem Start der Krimiserie „Derrick“ auf Fritz Wepper, eine legendäre Begegnung, dessen cineastische Tragweite sich in den 60er Jahren keiner bewusst war.


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