THE SIXTH SENSE (1999 M. Night Shyamalan)


Ein Jahr nachdem der Kinderpsychologe Malcolm Crowe von einem ehemaligen Patienten angeschossen wurde, trifft er auf den achtjährigen Cole Sear, dessen Verhalten ähnliche Symptome aufweist, wie seinerzeit jene in der Kindheit des Attentäters. Bei dem Versuch den Fehler nicht auch bei Cole zu wiederholen stößt Malcolm auf ein unheimliches Geheimnis des Jungen...


Ein Leben in Angst...

Ich wusste durch mehrere damalige Sichtungen, dass M. Night Shyalaman mit "The Sixth Sense" ein hervorragendes, zu Recht gefeiertes Werk abgeliefert hatte. Wie genial der Streifen tatsächlich ausgefallen ist, wurde mir erst jetzt beim erneuten Sichten nach etlichen Jahren wieder bewusst, ist der berühmte Film, mit dem Haley Joel Osment kurzzeitig zum Kinderstar wurde, doch psychologisch äußerst raffiniert ausgefallen und höchst sensibel umgesetzt. Im Netz klagen oft Leute sie hätten die finale Überraschung längst vorausgesehen, dabei wird gerne übersehen, dass sie aufgrund von Inhaltsangaben und/oder dem Sichten des Trailers auf den Film gestoßen sind, welche eine Information herausgeben, die Autor und Regisseur Shyalaman bewusst erst zu einem bestimmten Zeitpunkt preisgibt, in welcher der nicht zuvor informierte Zuschauer sie aus einem anderen Blickwinkel annimmt, da das Buch das scheinbare Zentrum der Geschehnisse auf ganz andere Bereiche lenkt. Wer es schafft "The Sixth Sense" heutzutage ohne das Wissen um Coles Geheimnis, erstmals zu sichten, was kaum möglich ist, so sehr wie die finale Wendung zur Blaupause heute üblich erzählter Streifen wurde, der wird wahrlich staunen, seinen Sinnen kaum trauen und den Film ein zweites Mal gucken müssen, um zu überprüfen ob das was dort behauptet wird überhaupt stimmen kann.

Die Genialität dieses Werkes darauf zu reduzieren wird dem Film freilich nicht gerecht, geht das Drehbuch doch auch in vielen anderen Punkten raffiniert vor, indem immer wieder Ablenkungsmanöver und vom Zeitpunkt her perfekt gesetzte, scheinbar nebensächliche Informationen eingearbeitet werden, was durch das für den Zuschauer zu enträtselnde Szenario möglich ist, dass uns die Wahrheit hinter Vermutungen stets schrittchenweise offenbart. Ob der Junge ein psychologische Störung hat oder seine Probleme weit darüber hinausgehen bleibt auch mit Lüften seines Geheimnisses eine gute Zeit lang eine unbeantwortete Frage. Aufgrund der Hauptorientierung auf das Genre Drama werden Herangehensweisen möglich, die in einem thrillerdominierenden Stoff undenkbar, bzw. weit überraschungsärmer umzusetzen gewesen wären, als es Shayamalan auf dem sensiblen Wege gelingt. Mit Blick auf diesen Schwerpunkt wird auch die Leistung der beiden Hauptdarsteller bewusst. Osment beweist mit jungen Jahren ein erstaunlich bewusstes Spiel mit seiner nicht leicht zu greifenden Rolle, was davon ablenken kann Bruce Willis sensibles Spiel wahrzunehmen, welches wieder einmal zeigt, dass er zu weit mehr in der Lage ist als einzig den Actionhelden zu mimen. Sein Spiel hat mich tief berührt und mir bewiesen, dass er nicht nur ein vielschichtiger Schauspieler ist, sondern tatsächlich auch ein sehr guter.

Der richtige Mix aus Grusel und Drama, der erst nach der Auflösung gegen Ende den Jungen betreffend eine Spur zu theatralisch ausgefallen ist, so dass leider erstmals die Grenze zum Kitsch überschritten wird, macht aus "The Sixth Sense" einen höchst unterhaltsamen Film. Die gekonnte Empathie, ebenso wie die raffinierte Psychologie bezüglich der Geschichte, des ablenkenden Spiels mit dem Publikum und die Gefühlstastatur, auf welcher Shyamalan mit dem Zuschauer spielt, machen aus dieser Kurzweile eine intelligent erzählte intellektuell bereichernde Erfahrung. Dass dem Autor all dies gelingt liegt jedoch auch daran, dass er sich an ein Publikum wendet, welches bereits durch Hollywood zu bestimmten Sehgewohnheiten erzogen wurde. Das zeigt sein gekonnter Trick mit der Eingangssequenz, von der man glaubt sie würde nur deshalb eingebaut, um Crows pseudo-dramatische Wiedergutmachung mit dem ehemaligen Patienten über Cole zu thematisieren. Erst durch diesen Trick mit Hollywoods flachem Dramaturgiemechanismus akzeptiert man Crows persönliches Problem mit seiner Ehefrau, ohne zu hinterfragen warum dieser Aspekt so dominant in die Geschichte einfließt. Allein deswegen hat "The Sixth Sense" es verdient, ausgerechnet in Amerika entstanden, die Mainstreamprodukte dieses Landes qualitativ weit hinter sich zu lassen.


Weitere Besprechungen zu The Sixth Sense: 


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen