Dienstag, 24. Juli 2012

A SCANNER DARKLY (2006 Richard Linklater)



In 7 Jahren wird die Droge Substanz T viele Menschen süchtig machen. Fred arbeitet Undercover, um mehr über die Herkunft des Produktes zu erfahren. Doch dafür muss er Substanz T selber nehmen, und so nach und nach verliert der Mann die Fähigkeit zwischen Realität und Einbildung zu unterscheiden...


T-Kapsel anstatt T-Aktie...

Woody Harrelson und Winona Ryder sind bereits zwei namentlich bekannte Zugpferde dieses Projektes. Bedenkt man jetzt noch, dass Robert Downey, Jr. in einer dominanten Rolle mit an Bord ist und Keanu Reeves gar den Part der Hauptrolle übernahm, dann wird die Frage erlaubt sein warum „A Scanner Darkly“ solch ein stilles Dasein im Bewusstsein der Filmliebhaber führt. Sollten sich bei den beiden letztgenannten Stars nicht gerade die Frauen auf diesen Film stürzen?

Die Antwort lautet nein, denn der von Richard Linklater inszenierte Film ist ein Science Fiction, ein Genre welches beim weiblichen Geschlecht meist Desinteresse auslöst. Und zudem ist er auch noch ein durch Animation optisch entfremdeter Film, sprich der Streifen wurde real gedreht und dann wurde munter farblich drübergepinselt. Der besagte Stil hat seine Wirkung, denn auf der einen Seite wird „A Scanner Darkly“ damit vordergründig zum Animationsfilm, gleichzeitig entfremdet er die Realität nicht all zu stark, so dass Menschen und Umgebung sehr realistisch bleiben, Stars als solche wiederzuerkennen sind und damit ein ungewohnter Mix entsteht: Zeichnung und Realaufnahmen, man glaubt beides zugleich zu erleben.

Dieser Kniff passt psychologisch hervorragend zur Geschichte, die schließlich von Wahn und Wirklichkeit erzählt und dem Verlieren der Fähigkeit beides unterscheiden zu können. Durch die Droge ausgelöste Halluzinationen, die lediglich durch Zeichentrick eingearbeitet werden und nicht mehr das wirklich Dargestellte überpinseln, geben der optischen Herangehensweise ihre zweite Existenzberechtigung, auch wenn es nur selten zu einer solch phantastischen Sequenz kommt.

„A Scanner Darkly“ blickt lediglich in eine sehr nahe Zukunft, dementsprechend ist unsere Welt in der Wirklichkeit der Geschichte noch deutlich zu erkennen. Linklater serviert uns keine völlig fremde Zukunftswelt. Er zeigt uns das Heute, welches durch eine gewaltige Droge in die Mülltonne gekloppt wurde. Parallelen zu „RoboCop“ sind durchaus vorhanden. Dabei stammt die literarische Vorlage vom Science Fiction-Autor Philip K. Dick, dem wir andere Filme verdanken, so z.B. „Minority Report“, „Die totale Erinnerung“ und „Blade Runner“, alles Geschichten über eine Gesellschaft in der Zukunft, die kritische Rückfragen auf die Gesellschaft von heute wirft.

Somit reiht sich „A Scanner Darkly“ passend in die Schaffenswelt von Dick ein. Leser seiner Werke behaupten gar, dass der hier besprochene Streifen seinen Printmedien am ehesten entspräche, während die berühmteren Vertreter aus dem Kino wohl stark abgewandelt wurden. Ich kenne seine Bücher nicht und kann mich dementsprechend nur am Film selbst orientieren, und der ist, was Linklaters Werk betrifft, nicht uninteressant ausgefallen.

Man muss schon betonen, dass „A Scanner Darkly“ aufgrund seiner Optik, seiner Geschwätzigkeit und dem wenigen was inhaltlich tatsächlich passiert, schon recht anstrengend zu gucken ist. Einige Zeit fragt man sich, wofür das Ganze nun gut sein soll. Lohnt sich das Investieren von so viel Geduld? Aber noch bevor man von einer wirklich guten Geschichte sprechen kann, ist man drin in der Erlebniswelt der Protagonisten. Leergeschwätz wird interessant, da es die Lebensweise der Figuren auf tragikomische Art wiederspiegelt. Und nach und nach kristallisiert sich auch die Geschichte aus diesen ganzen Nichtigkeiten heraus.

Man kann jetzt nicht von einem „Spiel mir das Lied vom Tod“ sprechen, in welchem die vom Zuschauer Geduld erfordernde Erzählweise sich langsam zu einem inhaltlich wertvollen Produkt entfaltete. „A Scanner Darkly“ hätte seinen Hauptteil der Geschichte auch stark straffen können, und den zu kurz kommenden, interessanter werdenden Part der letzten 15 Minuten früher einbringen und damit stärker vertiefen können. Aber eigentlich gefällt mir die gewählte Umsetzung Linklaters, eines Regisseurs der mal mit Filmen wie „School Of Rock“ auch simple Themen gekonnt umzusetzen weiß, manchmal aber auch anspruchsvollere Projekte wie „Fast Food Nation“ in den Sand setzt.

Wer dran bleibt wird brav belohnt mit einem interessanten Storytwist in der letzten viertel Stunde. Erst dort wird klar, was das alles sollte, und warum die Geschichte so erzählt wurde wie sie es wurde. Dies und die Art wie „A Scanner Darkly“ schließt hätte Lust und Möglichkeiten auf eine Fortsetzung gegeben. Ich weiß nicht ob eine solche ursprünglich geplant war, aber dem Film wurde nicht der Erfolg beschert wie den namentlich bekannteren Verfilmungen nach Dick. Spätestens daran dürfte ein Sequel gescheitert sein. Schaut man sich aber den Schluss des Streifens an, der ein persönliches Anliegen erkennen lässt sich für exakt diese Geschichte entschieden zu haben, kann man durchaus davon ausgehen, dass „A Scanner Darkly“ schon immer als Underground-Projekt geplant war und man sich scheinbar nie ernsthaft voreilig mit der wirtschaftlich interessanten Frage nach einer Fortsetzung auseinandergesetzt hat.

Dem Film-Fan kann es egal sein. Der kann, sofern er Werken abseits des Mainstreams nicht abgeneigt ist, mit „A Scanner Darkly“ sicherlich seinen Spaß haben. Optisch ist er interessant ausgefallen, inhaltlich manchmal arg steril, deswegen aber nicht zwingend langweilig. Action kommt niemals auf. Die komplette Geschichte findet auf sehr ruhigem Wege statt.


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