Samstag, 1. Dezember 2012

MEIN GOTT, WILLI! - DIE SELTSAME KARRIERE DES HERRN GIMMEL (1980 Ralf Gregan)


Willi ist ein erfolgloser Mann. Im mittleren Alter wohnt er noch immer bei seiner dominanten Mutter, im Theater steht er im Sofleur-Kasten statt auf der Bühne. Kurz bevor er unkündbar wird, verliert er auch diesen Job. Doch Willi ergattert sich einen neuen: in einem großen Kaufhaus soll er den Blitzableiter für unzufriedene Kunden mimen, indem er sich für den Leiter der jeweils betroffenen Abteilung ausgibt...


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Dieter Hallervorden ist ein Mann, der in der Presse gerne auf seinen Klamauk reduziert wird, so als sei er der geistlose Clown und nur wenig talentiert. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Hallervorden lebt für das Theater, bewies sein Können in unterschiedlichsten Filmen, mal ernst („Das Millionenspiel“), meist komödiantisch („Didi – Der Doppelgänger“), gerne aber auch satirisch („Alles Lüge“). Zur letzteren Thematik hatte er lange Zeit eine erfolgreiche TV-Reihe, ebenso erfolgreich moderierte er ein mal „Verstehen Sie Spaß?“. Er synchronisierte „Die Wombles“ und im Theater, sein heutiger Schwerpunkt, ist er nicht nur in schauspielerischer Hinsicht aktiv.

Hallervorden mimt gerne den kleinen Mann, und dass er den noch unsichtbaren Umbruch der 80er Jahre und ihre neue Mentalität und Ideologie schnell erkannt hat, spiegelt sich in den meisten seiner Filme wieder, wenn nicht sogar in allen. Wer Didi-Komödie als reinen Klamauk betrachtet, hat sie nicht verstanden, und das beweist selbst der TV-Film „Mein Gott, Willi!“, der einige Jahre vor dem Beginn Hallervordens relativ kurzer aber intensiver Kinokarriere entstand.

Zwar hat der Schauspieler fast nie aktiv an einem Drehbuch mitgearbeitet (der hier besprochene Streifen stellt eine Ausnahme da), aber die Stoffe wurden auf ihn zugeschnitten, und seine Rollenauswahl war stets davon geprägt still und versteckt Gesellschaftskritik auszuüben und eben nicht nur der zappelnde Clown zu sein.

Die Geschichte von „Mein Gott, Willi!“ nimmt einige Elemente von Loriots „Ödipussi“ vorweg, wenn auch nicht so feinsinnig umgesetzt. Auf den Aspekt der dominanten Mutter, des devoten Sohnes und dessen erster Liebeserfahrung konnte man hier auch nicht so zentral achten wie im Vergleichsfilm, ging der Hauptaspekt der Geschichte doch um die im Beititel erwähnte Karriere des Protagonisten. Und deren Verlauf, angefangen beim Theater steht für eine simple Aussage: arbeite als Schauspieler nie für die Industrie und den Kommerz, denn es macht Dich unglücklich.

Dies erfährt Willi zunächst in einem erfolgs- statt kunstorientierten Theater, dass einen arroganten Halbtalentierten zum Star eines jeden Stückes erkort. Selbiges erfährt Willi, wenn er für das Kaufhaus tätig ist und gegen statt für den Zuschauer schauspielerisch arbeitet. Das macht Willi selbst unglücklich und zudem psychisch kaputt, denn die Arbeit in der Industrie ist gnadenlos. Willi muss sich vom Kunden viel gefallen lassen, hat kein Ventil für seine eigene Wut, und im späteren Teil der Geschichte erlebt er zudem wie kurz eine Karriere in der Industrie sein kann.

Nach einem kurzen Höhenflug in der neuen Karriere, geht es schnell mit ihm bergab. Die Konkurrenz ist gnadenlos und kämpferisch, schnell wird Willi gegen wen ausgetauscht dem Ethik fremd ist und der die Kunst der Arschkriecherei perfekt beherrscht. Doch dieses Erwachen in der Realität ist das beste was Willi passieren konnte. Er ist kein Mann für den Kommerz, für das kühle, berechnende Geschäft, das dafür da ist Menschen zu täuschen und zu manipulieren. Er ist ein verkannter Schauspieler. Er ist Dieter Hallervorden.

Und der hat sich ebenso wie Loriot und Helge Schneider nie dem Kommerz hingegeben, ist immer nur Projekte angegangen, die ihm am Herzen lagen, und damit steht er nicht nur auf der anderen Seite von niveaulosen TV-Komikern wie Ralf Schmitz, Markus Maria Profitlich, Dirk Bach und Co, sondern leider auch von so talentierten Menschen wie Stefan Raab, Hape Kerkeling und Oliver Pocher. Auch wenn es nicht so scheint, so arbeiten doch all diese TV-Stars gegen statt für das Publikum. Sie arbeiten für die Industrie, den Kommerz, der Manipulation des Kunden, dem Zuschauer, anstatt für ihn, so wie es der Beruf des Schauspielers und Entertainers eigentlich sollte.

Eine gehörige Portion Klamauk und anderweitiger Albernheiten lenken gekonnt von diesem ernsten Grundthema ab, und wer in die Tiefen der Geschichte eines „Mein Gott, Willi“ schielt, erkennt in erster Linie leider meist nur die Konsumkritik im Einkaufsalltag, die unübersehbar angegangen wird und kaum das Niveau der tiefergehenden Thematik besitzt. Deswegen wird der TV-Film auch gerne als in seiner Kritik missglückt bezeichnet, weil er beim Ein- und Verkaufsthema nicht scharfzüngig genug ist und eine gute Ausgangslage an schlichten Humor verschenkt.

Ich bewundere das Talent Hallervordens und ich liebe seine besseren Filme, eben weil er es wagt Tiefsinn und Klamauk zu vereinen. Zu seinen Höhepunkten filmischen Schaffens gehört „Didi – Der Doppelgänger“, „Der Experte“ und „Didi und die Rache der Enterbten“. Ein wenig schlichter geraten, wohl aufgrund der TV-Herkunft, steht „Mein Gott, Willi!“ ein wenig weiter hinten an. Aber auch er ist zu empfehlen.

Ähnlich wie in Loriots Filmen ist die Sketchorientierung noch stark zu spüren, und das braucht nicht zu wundern, wo Hallervorden doch erst vor recht kurzer Zeit vor dem Werk um Herrn Gimmel mit der Sketch-Reihe „Nonstop Nonsens“ große Erfolge feierte. Erfolge, die er später mit der „Didi Show“ noch toppen sollte.

Seine TV-Schlichtheit sieht man dem Film an jeder Stelle an, der Witz ist jedoch, dass es nicht stört oder negativ arbeitet. Das liegt in erster Linie am hervorragenden Casting rund um Hallervorden. Die Mutter reißt fast jede Szene an sich, der Konkurrent auf der Arbeit ist ein häufiger Spielpartner Didis, eines Mannes, der Professionalität in seiner Arbeit schätzt, und deshalb am liebsten Menschen um sich scharrt, denen das jeweilige Projekt ebenso ernst ist wie ihm selbst.

Bis in die kleinste Rolle weiß jeder zu überzeugen, ob es der Psychologe ist, der Theaterstar, die zukünftige Geliebte Willis, bis hin zum maulenden Gaststättengast, der sarkastische Sprüche über Willis Thermoskanne auf den Zuschauer regnen lässt. Auch wer den Schauspieler hinter der Synchronstimme Bud Spencers einmal sehen möchte ist herzlich eingeladen, sich „Mein Gott, Willi!“ einmal anzugucken, einen Film der sicherlich albern, aber auch liebevoll umgesetzt ist.

„Mein Gott, Willi!“ bringt mich trotz seltener Ausrutscher in Peinlichkeiten immer wieder zum lachen. Seine Geschichte ist ebenso interessant wie die Figuren, der Witz treffend, die Besetzung geglückt und der ernste Hintergrund fein versteckt und nicht auf die Nase gedrückt. Kleiner Mann, bleib Deinen Prinzipien treu und verkaufe Dich nicht. Schön dass Hallervorden sich daran großteils gehalten hat und sich somit einen Platz neben den Größen Loriot und Helge Schneider gesichert hat. 


Trailer,   OFDb

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