Donnerstag, 27. Dezember 2012

ORCA - DER KILLERWAL (Orca 1977 Michael Anderson)


Fischer Nolan zieht aufs Meer um einen Killerwal einzufangen. Dies gelingt ihm auch, jedoch erwicht er ein schwangeres Weibchen. Als dieses stirbt schwört das Männchen Rache und lauert dem Seemann solange auf, bis dieser klein beigibt und auf das Meer hinausfährt um den Kampf mit dem Wal auszuführen...


Wale sind hartnäckiger als Rocky...

Nachdem Steven Spielberg dem Kinozuschauer 1975 den Badeurlaub vermieste, indem er seinen großartigen „Der weiße Hai“ auf die Menschheit losließ, dauerte es nicht lange, bis Nachahmer hinterher rückten. Da gab es „Barracuda“, der mehr Öko-Krimi als Tier-Horror war, da gab es „Piranhas“, welcher der Tierhorror-Welle mit dem nötigen Augenzwinkern begegnete, es gab „Der Polyp“, der an Idiotie kaum zu trumpfen war, und irgendwo im Meer der Plagiate tauchte auch „Orca“ auf, der mit einem Killerwal ein recht ungewöhnliches Tier ins Rennen schickt.

Ungewöhnlich, aber durchaus wirksam, auch wenn Killerwale, oder Mörderwale, wie sie im Film auch häufig genannt werden, weder die großen Killer sind, wie ihr Name nahe legen könnte, noch sonderlich furchterregend aussehen. Mehr noch, eigentlich sehen die Viecher, trotz ihrer Zähnchen, recht putzig aus. Da nutzt auch kein in die Schreimimik hereingearbeitetes Grummeln und Fauchen. Und doch, „Orca“ weiß zu gefallen, schafft er es doch trotz dieser Defizite eine Bedrohung aufkommen zu lassen, die sich vom Protagonisten auf den Zuschauer überträgt.

Noch lange bevor sich Seemann und Killerwal zum Kampf treffen, provoziert Regisseur Michael Anderson mit einem Kräftemessen gegen Spielbergs Vorbildfilm. Das erinnert ein wenig an Roland Emmerichs Trailer zu „Godzilla“, in welchem er den T-Rex aus Spielbergs „Jurassic Park“ als Zwerg gegenüber der Riesenechse darstellt. Ähnlich dreist erleben wir den ersten Auftritt des titelgebenden Wals, der nach einer toll gefilmten Hai-Szene, zur Rettung eilt, kurz bevor der Hai einen Menschen anknabbern kann. Das Tier hat keine Chance gegen den Orca. Schach und matt!

Was für die Tiere gilt, gilt noch lange nicht für das Filmgeschäft. Im Tierreich mag Stärke und Größe siegen, im Bereich Klasse und Qualität kann „Orca – Der Killerwal“ jedoch nicht gegen „Der weiße Hai“ anstinken. Mag sein dass manche das voreilig für selbstverständlich halten. Bedenkt man jedoch, dass Anderson u.a. für so bekannte Filme wie „In 80 Tagen um die Welt“ (die 1956er-Version) und „Flucht ins 23. Jahrhundert“ verantwortlich war, schien eine gleichrangige Konkurrenz in Sicht.

Anderson arbeitet jedoch nicht auf gleichem Niveau wie bei besagten Filmen, und so bleibt „Orca“ doch nur ein Nachahmer, wenn auch mehr im Bereich des Abenteuerfilms zu Hause als in dem des Horrorfilms. Inhaltlich ist „Orca“ (Originaltitel) ein interessanter, leicht trashiger Mix aus „Der weiße Hai“ und „Moby Dick“. Trashig, da er sich mit seiner übertriebenen Verbeugung vor den Talenten und der Intelligenz von Killerwalen viel zu ernst nimmt (und den Zuschauer für viel zu dumm hält), aber auch weil nicht jeder Schauspieler zu überzeugen weiß. Gerade die Rolle der Walexpertin hätte nicht plumper ausfallen können. Hier spielt eine untalentierte Frau eine vom Drehbuch falsch charakterisierte Wissenschaftlerin, die für ihren Beruf viel zu dumme Fragen stellt, zu emotional reagiert und zu schnell aus mauen Gründen ihre Meinung ändert.

Dennoch, von wahrem Trash ist der Film um einen Mann gegen das Meersäugetier weit entfernt. Die Qualität beginnt bereits in der Darstellerwahl des Seemanns Nolan, der von Richard Harris gekonnt verkörpert wird. Weiterer Trumpf sind die sehr geglückten und geduldig gefilmten Tieraufnahmen, die teilweise in Gefangenschaft lebende Wale und teilweise freie Meeresbewohner einfangen. Dabei wird meist auch hervorragend getrickst, wenn Mensch und Tier gemeinsame Auftritte haben. Momente mit Tierattrappen sind als solche nicht erkennbar, und damit prima eingearbeitet.

Dass auch Andersons Regiearbeit Qualitäten aufweist, muss man nicht erst bei „In 80 Tagen um die Welt“ und „Flucht ins 23. Jahrhundert“ suchen. Anderson entfacht eine trockene, bedrohliche Atmosphäre, die ebenso Zerstörungsorgien wie nervenkitzelnde Momente bietet. Wie das Tier im Meer auf seine Rache wartet und welche Mittel ihm dabei recht sind, ist beeindruckend in Szene gesetzt und strotzt sogar den Negativzutaten wie arg abergläubischen Fischern und anderweitigen Dorfbewohnern, Indianerklischees und der Tatsache dass so ziemlich jeder mit der Theorie um Killerwale vertraut ist. Fragen Sie ihren Nachbarn. Kann er Ihnen einen Aufsatz über die Säugetiere erzählen, ziehe ich diesen Kritikpunkt zurück.

Ein Finale, das im Eismeer stattfindet, bietet auch im letzten Drittel viel fürs Auge. Zu meckern gibt es da wenig, sind doch selbst die Eisbrecherszenen halbwegs realistisch umgesetzt, zumindest wenn man sie mit denen aus „Megalodon“ vergleicht. Kleine Ärgernisse gibt es dennoch. Die lobenswerte Ehrfurcht vor dem Tier tauscht sich gegen reines Rachegefühl aus. Und dies betrifft auch die Meeresbiologin, die durch die Taten des Orca deren Zuneigung anzweifelt, obwohl sie genau dafür stehen. Auch die interessante Parallele gleicher Schicksale zwischen Mensch und Tier findet keine Beachtung mehr und wurde lediglich für den kurzen sentimentalen Moment verschenkt.

Die Ökobotschaft geht daran nicht kaputt, war sie doch ohnehin nie so aufgedrückt wie in „Barracuda“. Das muss man dem Film schon lassen, Respekt vor der Umwelt und anderweitige Ökokritik wird nie propagiert, aufgezwungen oder anderweitig künstlich eingebracht. Der Gehalt entspricht dem, den die Geschichte automatisch entstehen lässt. Darüber hinaus geht der grüne Daumen nicht und findet somit das Gleichgewicht der Realität, die sich am besten in der Figur des Walfängers Nolan zeigt, die vorbildliche wie fragwürdige Seiten aufzeigt.

Und trotzdem, sein merkwürdiger Wandel zum fast apathischen Menschen, einem Mann, der nur noch dem Ende entgegenblickt, sich selbst keine Möglichkeit zum Sieg einräumt, und dessen komplettes restliches Leben neben der Walproblematik komplett beiseite gekehrt wurde, kommt zu ruppig und unglaubwürdig. Das lässt das Finale im Vergleich zur Restinszenierung ein wenig bröckeln. Wo andere Filme oft am Mittelteil scheitern oder hängen, da ist in „Orca“ der Schlussteil der Wackelkandidat.

Nicht so, dass Ernüchterung und Desinteresse aufkäme. Spannend bleibt es bis zum Schluss, und man wartet gespannt darauf, wie die Geschichte endet. Ohne Charakterveränderung der Hauptfigur hätte das letzte Drittel jedoch noch mehr gepunktet.


Trailer,   OFDb