Donnerstag, 27. Dezember 2012

SINNLICHE LIPPEN (The Amazing Transplant 1970 Doris Wishman)


Wenn Frauen goldene Ohrringe tragen, kann sich Arthur nicht mehr zusammenreißen und fällt wie ein lüsternes Tier über die Damen her. Da er allgemein als friedfertig gilt, forscht ein Detective, der auch der Onkel von Arthur ist, nach. Ein Gespräch mit einem Arzt ergibt Widersprüche. Unter Druck erzählt der Arzt ein ungeheures Geheimnis. Und das hat mit dem Genital von Arthurs bestem Freund zu tun...


Orlacs Hände 2 – Arthurs Pimmel...

Was das ganze mit dem Genital des besten Freundes zu tun hat, spoilert bereits der Originaltitel „The Amazing Transplant“, muss man also kein Geheimnis draus machen. Und dass einem bei einer solchen Story kein guter Film erwartet war eigentlich abzusehen, zumal Regisseurin Doris Wishman, die hier unter dem Pseudonym Louis Silverman arbeitete, dafür bekannt ist langweilige Nudistenfilme zu drehen, wie beispielsweise den Pseudo-Science Fiction „Nude On The Moon“.

Das finale Geheimnis ist letztendlich nichts anderes als die Nackedei-Version von „Orlacs Hände“, was bedeutet dass man selbst 1970 auf eine 50 Jahre alte Idee zurückgriff (die Printvorlage einmal ignoriert). Dennoch ist der Verweis auf Orlac eigentlich eine Beleidigung, zumal das fremde Körperteil in „Sinnliche Lippen“ nicht selbst zum Mordinstrument wird, sondern die Hände.

Die nackte Haut ist im Gegensatz zu anderen Wishman-Werken diesmal nur Beiwerk, wenn auch ein sehr dominantes. Denn der Hauptteil der Geschichte ist deutlich dem Kriminalfilm zuzuordnen. Ein Mörder geht um, der zuvor Frauen angefallen hat ohne sie zu ermorden. Ein Polizist forscht nach, führt allerhand Gespräche, darf sich dabei viele Fummelmomente anhören (der arme Kerl! Schon bebildert waren die Erzählungen der Damen unerträglich. Wie muss es sein von dauerndem Gefummel und Stellungswechsel im Detail erzählt zu bekommen?), und das Ergebnis seiner Untersuchungen führt letztendlich in den Bereich der Science Fiction. Da aber auch diesbezüglich mehr gesprochen als gezeigt wird, bleibt der Kriminalfilm das Über-Genre.

Der Film ist fast unerträglich schlecht, und man fragt sich was das Zielpublikum sein sollte?! Interessiert den Erotikfan ernsthaft diese bescheuerte Story? Mag er die doch recht prüden Bilder (auch wenn im Gegensatz zu „Nude On The Moon“ die Nackedeis sich nun komplett ausgezogen präsentieren dürfen)?

Der Vorspann zeigt bereits die kommenden Höhepunkte der Szenen im Eva-Kostüm. Direkt nach diesem sitzt eine nackte Frau auf ihrem großen Bett und zupft an einem Musikinstrument, das ihren Intimbereich verdeckt. Dies tut sie so gelangweilt und in einer solch musikfeindlichen Pose, dass es zu belustigen weiß. Noch wird zumindest der Trashfan gut gefüttert. Dass die Dame in Wirklichkeit das Instrument gar nicht beherrscht, macht die Sache um so lustiger und erinnert ein wenig an alte Modern Talking-Auftritte, in denen Bohlen die Gitarre vergewaltigte.

Nun kommt es zur ausschlaggebenden Szene, in welcher Arthur zum Mörder wird. Um die Sache dramatischer zu gestalten und bereits anklingen zu lassen, dass Arthurs Verhalten fremdbestimmt zu sein scheint, handelt es sich bei dem Opfer um seine Verlobte, die er über alles liebte. Ach hätte sie doch nicht die goldenen Ohrringe getragen, denn dies ist der Auslöser der Tat, wie spätere Rückblicke im Verhör mit Bekannten von Arthur zeigen werden. Das lustige dabei ist, dass alle von Arthur attackierten Damen es vorher schafften diese zu verstecken. Lange Haare drüber (die lustigste Variante, denn warum sollte man solchen Schmuck anziehen, wenn man damit nicht gesehen werden will?), bis hin zur bescheuertsten Idee: eine Prostituierte mit einem dicken Hut weit runter ins Gesicht gezogen! Wow! In der Aufmachung wird sich die Dame viele Freier angeln können!

Wären die ewigen Fummel-Nackedei-Szenen nicht, der Film wüsste auf Trash-Basis bestens zu unterhalten. Die Musikuntermalung unterstützt das Schund-Happening, wechselt zwischen sinnlosem Geklimper, Fahrstuhlmusik und einem Lied, in welchem ein Kinderchor zu einer Erotikszene Lalala singen darf, was ein wenig an manchem Soundtrack eines Argento-Streifens erinnert. Skurril wirkt es auf jeden Fall, und das wird zum Trash-Trumpf.

Ebenfalls humorfördernd ist die Inneneinrichtung der Wohnungen. Klar kann man sich heutzutage über grelle Tapeten der 70er Jahre lustig machen. Aber in „Sinnliche Lippen“ gibt es etwas viel lustigeres zu entdecken: egal in welcher Wohnung der Detective seinen Untersuchungen nachgeht, alles wurde im selben Haus gedreht. Der Stil der Inneneinrichtung ist der selbe (bis hin zu Tierfiguren, die überall stehen). In zwei Szenen (mit angeblich unterschiedlichen Orten) ist unverkennbar der selbe Teppichboden zu sehen. Geht man nach der Logik des Films, kann man also zu dem Schluss kommen, dass so ziemlich jeder in Arthurs Bekannten- und Nichtbekanntenkreis seine Wohnung ähnlich einrichtet.

Wie kostengünstig das ist, braucht man kaum erwähnen. Und wer den Film gesichtet hat kann rätseln, ob die Dreharbeiten die Dauer eines Wochenendes überschritten haben mögen. Ich selbst habe als Hobbie auch schon Filme gedreht, und da ist an einem Wochenende sogar mehr bei rumgekommen als bei „Sinnliche Lippen“. Vielleicht hat Wishman sogar alles an einem Tag abgedreht, man weiß es nicht.

Leider sind die Erotikszenen jeweils sehr langgezogen. Das ist die ersten male noch witzig dank der Musikuntermalung und dem Gedanken daran, dass der Polizist sich den Scheiß die ganze Zeit anhören darf. Auf Dauer wird das jedoch sehr ernüchternd und verführt zum Bildvorspulen.

Ein wenig Nostalgie-Feeling da, ein wenig freiwilliger Trash hier, ein wenig Charme dank skurriler Idee dort, trotz alledem weiß der Film nicht zu gefallen und wird erst durch das Auge eines Trash-Fans halbwegs erträglich. Aber selbst der langweilt sich schneller als ihm lieb ist.


Trailer,   OFDb

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