Sonntag, 14. April 2013

TORSO (I corpi presentano tracce di violenza carnale 1973 Sergio Martino)


Studenten werden von einem maskierten Unbekannten brutal ermordet. Vier Freundinnen verreisen, ohne zu ahnen dass es der Mörder auch im Urlaubsort auf sie abgesehen hat...


Geschnittene Leichen in ungeschnittenem Filmerlebnis...

Die Filmrichtung des Giallo, eine Art harter Kriminal-Thriller mit Hauptaugenmerk auf den Mörder und seiner Gewalttaten, wird häufig in die Ecke des Schmuddelfilms gedrängt. Dabei wird gerne übersehen, dass das Genre auch viele gute Beiträge hervorbrachte, meist durch die Hand Dario Argentos. Schaut man sich hingegen „Torso“ an, versteht man warum dieses Sub-Genre zu diesem Ruf gelangt ist, könnte er mit Hauptaugenmerk aus Gewalt und Sex doch kaum schmuddeliger wirken, zumal jegliche Art künstlerischen Schaffens ansonsten kaum vorhanden ist.

Was lasse ich mich auch immer wieder von hübsch gestalteten Postermotiven locken. Aber „Torso“ klang einfach zu interessant, allein schon weil ich einer Inhaltsangabe entnahm, dass die finale Frau sich unter Schmerzmitteln und verletzt, jedoch unentdeckt vom Täter, dem Mörder stellen muss. Und ja, genau in diesen Momenten erreicht „Die Säge des Teufels“ (Alternativtitel) trotz aller zuvor angegangener Fehler ein Spannungshoch, welches auch der Inszenierung des Regisseurs Sergio Martino anzurechnen ist.

In Sachen Horror muss man häufig über vieles Dümmliche hinwegsehen können, um Gefallen am fertigen Produkt zu finden. Das ist in der Regel auch bei einem Giallo der Fall, einfach weil es dort nicht um Logik und rationales Handeln geht, sondern um ein Spannungshoch, um zelebrierte Gewalt und häufig um nackte Tatsachen. Selbst in den besseren Argento-Werken ist dies der Fall. Dort wird man jedoch auch mit einer sauber inszenierten Version des immergleichen Themas entschädigt, häufig unter künstlerisch wertvoller Umsetzung. Bei „Torso“ bleiben all diese Versuche im Ansatz stecken.

Mag es die Spielerei mit Märchen zwischen den Zeilen sein (verlorene Schuhe, gefangen hoch oben im Schloss, auf den Prinzen wartend), oder der psychologischen Spielerei um die sexuelle Befreiung des weiblichen Geschlechts, oder mag es der künstlerische Aspekt sein, der manches Mal optisch schöne Motive einfängt, musikalisch zu den jeweiligen Szenen passt, Situationen ideenreich präsentiert (z.B. einen Barfuß-Marsch durch den matschigen Wald) oder für atmosphärisch dichte Spannungsmomente sorgt. Solche Momente sind ständig enthalten ohne sich richtig entfalten zu können oder genügend Beachtung geschenkt zu bekommen. Und so rücken eben die Negativpunkte in den Vordergrund.

Das beginnt bei (möglicherweise nur in der Deutschfassung) vorhandenen dümmlichsten Dialogen, die in Sachen Sinnfreiheit ihresgleichen suchen. Das geht weiter mit aufdringlichster Nischensuche für Nacktheit. Jede Frau mit Sprechrolle zieht mindestens einmal blank (hin und wieder inklusive obligatorischer, aber unmotivierter Lesbenerotik). Wer nicht redet, spielt ohne BH, damit auch ja die Nippel durch die Klamotten ragen. Dramatik und Thrill wird durch komplette Übertreibung dargestellt, in einer hysterischen Extreme, bei der man sich fragt, ob sich die Frauen darüber bewusst sind, sich gerade in einem Horrorfilm zu befinden. Würde man sich im wirklichen Leben so benehmen, man würde vor jedem Fremden schreiend davon laufen oder sich vor ihm winden, selbst wenn er sich wie jeder Normalbürger verhält.

Idiotisch auch die Tatsache, dass weder männliche noch weibliche Opfer je den Drang nach Gegenwehr verspüren. Möglichkeiten zur Flucht gibt‘s oft. Stattdessen warten die Opfer winselnd und schreiend lieber, bis der Mörder endlich bei ihnen ist, um ihnen das Lebenslicht zu rauben. In der lächerlichsten Szene dieser Art darf das Opfer würgende Geräusche von sich geben, noch bevor es überhaupt gewürgt wird. Herrlich!

Dank des Herstellungslandes Italien darf sich auch jeder männliche Darsteller wie ein sabbernder Notgeiler benehmen, sobald er auch nur ein halbnacktes Bein oder mehr sichtet. Im Gegenzug wird die neu gewonnene Emanzipation der Frau auch gerne mal über Brutalitäten, wie das Ausdrücken einer brennenden Zigarette am Körper eines Mannes, demonstriert, der Frau zwischen den Zeilen dank ewig pausierender Psychologie recht gebend. Da wird gezickt, als ob es kein Morgen gäbe, und dies in Kombination von immergeilen Kerlen ergibt ein Weltbild bei dem ich froh bin, dass es dies nur im Kino und in der Jugend weniger gebildeter Menschen gibt. Ich würde Waldbewohner werden, gäbe es die Filmrealität außerhalb des Bildschirms.

Da gibt es also genug zu klagen, oder zumindest genug Gründe, warum man „Torso - Die Säge des Teufels“ (Alternativtitel) nicht ernst nehmen kann. Und doch kann ich ihm ein gewissen Maß an Atmosphäre nicht abstreiten. Zumal mich die Auflösung interessiert hat, und die Geschichte trotz ihrer Monotonie nie langweilig wird. Aber so ist er halt, der Schmuddelfilm, und wer ein Faible für einen solchen hat, wird sicherlich nett unterhalten. Dass die Mörderauflösung vorhersehbar ist und die Beweggründe des Täters zu geschwätzig (und so hysterisch vorgetragen, wie sonst nur Frauen im Film agieren dürfen) sorgt jedoch für eine weitere Ernüchterung am Schluss.

Zumindest kann man dem Regisseur einen gewissen Grad Talent ruhig zusprechen. Immerhin schafft er es tolle Momente inmitten von Irrsinn und Fremdschämen einzubauen, beispielsweise diesen wunderbaren Moment, in welchem ein sich in Sicherheit wiegendes Opfer mittels einer Zeitung versucht an den Schlüssel auf der Gegenseite der Tür heranzukommen, und der Mörder ihr dabei sogar noch hilft. Aber Sergio Martino bewies spätestens mit „Fluss der Mörderkrokodile“ dass er mehr drauf hat, als „Torso“ hervorbringt. Freilich nur wenn man Italien-Schund-Horror mit Italien-Schund-Horror vergleicht. Solche Beiträge sind so schlecht wie interessant, so dümmlich wie unterhaltsam, aber leider auch nicht mehr als das.


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