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Sonntag, 24. November 2013

LA ANTENA (2007 Esteban Sapir)


Vor langer Zeit wurde dem Volk einer Stadt die Stimme genommen. Doch es hat sich an diesen Zustand gewöhnt. Als ein im örtlichen TV-Sender gefeuerter Techniker die Entführung an jener Frau mit ansieht, die als einziges eine Stimme besitzt, stößt er auf den jüngsten Plan des in der Stadt herrschenden Mr. TV, der vor hat die Bevölkerung noch intensiver zu unterdrücken. Der Plan kann nur verhindert werden durch eine zweite Stimme. Unerkannt vom Rest des Volkes besitzt eine solche der kleine blinde Sohn der Frau mit Stimme...


Manchmal ist Schweigen Gold...

Rein optisch ist Regisseur Esteban Sapir, der seit „La antena“ bislang keinen weiteren Film mehr fertiggestellt hat, ein recht ungewöhnliches Werk gelungen, ein echter Hingucker. Orientiert am Stil alter Stummfilme zaubert er fantasievolle Bilder mit mal schwierigeren und meist simplen Methoden, letztere gern wie ein Taschenspielertrick wirkend, den man nur all zu schnell durchschaut. Aber das raubt ihm keinesfalls die Magie. Ob sich ein Mädchen eine Pappbrille aufzieht auf dem Augen gemalt sind, oder ob eine Frau, deren Gesicht man unter dem dunklen Schatten werfenden Schleier nicht erkennen kann, sich ein trauriges Gesicht auf die Fensterscheibe malt, meist sind es die schlichten phantastischen Ideen, die „La antena“ zu etwas besonderem machen.

Auch der Aufhänger ist nicht von schlechten Eltern, lernen wir doch eine Stadt kennen, in der ein jeder seine Stimme verloren hat, was zwar durchaus politisch symbolisch gemeint ist, gleichzeitig aber auch wortwörtlich durchgezogen wird. Da wird ohne Stimme gesprochen, Buchstaben verteilen sich mal mehr und mal weniger einfallsreich im Bild, um uns die Sätze zu zeigen, die stumm gesprochen werden. Wer spanisch kann ist da klar im Vorteil, denn der deutsche Untertitel ist freilich so gesetzt wie jeder Untertitel, während mit der Schrift des Originals immer wieder gespielt wird, meist passend zur Situation.

Die Erzählung die sich hinter all dem Einfallsreichtum versteckt ist jedoch eher schlichter Natur. Die Geschichte um den Kampf gegen Unterdrückung wurde in all ihren Klischees so schon viele Male erzählt, und so werden Stereotype verarbeitet, vorgefasste Meinungen vertieft und eine längst bekannte Geschichte zelebriert, eine für die das visuelle Wunderpaket eigentlich viel zu schade ist. Klar, neben seinem politischen Anliegen ist „La antena“ drum bemüht ein gewisses Comic-Flair zu versprühen, da können Stereotype und Klischees auch förderlich sein, aber das hier gezeigte Geschlechterbild, eine Symbolik die sich mal wieder an der Nazi-Vergangenheit Deutschlands bedient und das zu rein gezeichnete Gut- und Böseschema, nehmen „La antena“ einiges von seinem Potential, zumal die Symbolik an mancher Stelle ruhig etwas subtiler hätte ausfallen können, wird sie teilweise doch unnötig mit dem Holzhammer präsentiert.

Dennoch weiß auch sie meist zu wirken, da sie gut durchdacht ist. Sie ist nicht nur mit dem Filmstil und seiner Erzählform kompatibel, nein, auch diese beiden Komponenten sind bereits Symbolik. Der Film ist eine gut durchdachte Einheit und versprüht damit eine künstlerische Intelligenz, die man gerne auch dem eigentlichen roten Faden gewünscht hätte. Immerhin schafft es Sapir Kritik der Unterdrückung im Medienzeitalter auszusprechen, und ist innerhalb dieser zeitlichen Begrenzung zeitlos. Was beklagt wird trifft auf das Heute ebenso zu wie auf die 40er Jahre, und gerade mit der Vertiefung, dass ein Volk ohne Stimme noch immer seine Worte hat, landet der Streifen einen gedanklichen Volltreffer, der nicht nur Hoffnung machen soll, sondern auch die Bereitwilligkeit kritisiert, mit welcher Völker durch den freiwilligen Verzicht auf wahre Bildung sich auch noch der Wörter freiwillig entledigen.

Das im Film demonstrierte Medienverhalten und die damit einhergehende Gleichschaltung der Gesellschaft führt wiederum zu einem Mangel an Phantasie, der nur einem kleinen Kreis Menschen erhalten bleibt, was auch erklärt warum „La antena“ so fantasievoll erzählt ist. Wie gesagt: hier passt alles zusammen.

Während die Holzhammersymbolik gegen das eigentlich hohe Niveau des Streifens arbeitet, schafft es die relativ kleine Rolle eines Jungen ohne Augen gegen Ende dem künstlerisch wertvollen Experimentalfilm an anderer Stelle zu schaden, gehört dieser doch zu den wenigen Menschen in der Stadt ohne Stimme, die sprechen kann, nur dass Sapir ihn leider immer wieder die selben wenigen Worte sagen lässt, so lange, so penetrant und so nervig, dass es dem Fluss der Erzählung erheblich schadet.

Somit ist „La antena“ rein optisch, in seiner Kritik und in der Konsequenz in der er diese äußert ein durchaus gelungener Film geworden, aber die in der Review geäußerten Negativpunkte rauben ihm das Potential zur wahren Empfehlung. „La antena“ ist etwas besonderes, ein Einzelstück und mit viel Liebe fertiggestellt. Zudem funktioniert er nicht nur theoretisch, er entführt einen tatsächlich in eine fremde Welt, die uns vor den Fehlern der unseren warnt. Aber er ist plump in seiner Figurenzeichnung, zu grobschlächtig in einem großen Anteil seiner an anderer Stelle sonst so gelungenen Symbolik, und er ist viel zu sehr darauf aus dem Volk der Juden die ewige Opferrolle zuzuschreiben. 

In diesem Punkt hätte man meiner Meinung nach anonymer vorgehen sollen, erzählt der Film doch eigentlich im Kindergeschichten-Stil für Erwachsene gedacht von einem Ort den es nicht gibt, in dem oberflächlich betrachtet etwas passiert, dass so nicht passieren kann, da es nicht den Naturgesetzen entspricht. Warum muss ein Film, der von einer wunderlichen fremden Welt erzählt, sich an konkreten Opfer- und Täterrollen aus der Realität bedienen? Als Deutscher ist man einfach viel zu genervt das ewige Paradebeispiel einer Kritik von etwas zu sein, das es überall auf der Welt zu fast jedem Zeitpunkt schon immer gab und immer wieder geben wird: ein Volk das durch irgend eine Weise von einem kleinen Teil der Bevölkerung unterdrückt wird. Der Zeigefinger auf uns Deutsche wäre nicht nötig gewesen, mehr noch: er wirkt unangebracht.


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