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Donnerstag, 19. November 2015

DIE WEISSE GÖTTIN DER KANNIBALEN (La montagna del dio cannibale 1978 Sergio Martino)


Helen Fielding heuert den Profi Edward Foster für einen Rettungstrupp an, als ihr Mann Henry im Dschungel von Neu-Guinea verschollen geht und für tot erklärt wird. Sie selbst nimmt auch an der Expedition teil, die an einem anderen Ort stattfindet als seinerzeit die ereignislose offizielle Suche. Foster glaubt aufgrund seiner Erfahrung dass Henry auf einer Insel geforscht haben muss, die als verflucht gilt und auf welcher der Kannibalenstamm der Puca haust...


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Wer aufgrund des hochgradig trashig ausgefallenen „Torso“ glaubt Regisseur Sergio Martino sei nicht zu mehr fähig, der irrt. Das zeigt sein Beitrag des Kannibalen-Genres „Die weiße Göttin der Kannibalen“ sehr deutlich, der zwar bei weitem nicht das Niveau der sensiblen und gesellschaftskritischen Werke Deodatos zu diesem Thema besitzt („Mondo Cannibale 2“, „Nackt und zerfleischt“), jedoch auch nicht so plump daher kommt wie Umberto Lenzis reißerische Werke („Die Rache der Kannibalen“, „Lebendig gefressen“), geschweige denn so dreist wie Jess Francos „Mondo Cannibale 4“.

Wie fast schon selbstverständlich ist auch der hier besprochene Kannibalenfilm nicht frei von reißerischen Elementen. Allein die Auswahl der Naturaufnahmen, welche Tiere vorführen die andere fressen, zeigen aufgrund ihres langen Draufhaltens und dem Reiz dessen wer da von wem gefressen wird, dass solche Momente nicht rein der fremden Ambiente wegen eingebaut wurden. Ebenso effekthascherisch kommt die ein oder andere Wendung der Geschichte daher, mancher Aufhänger und die überzeichneten Klischeefiguren fügen sich ebenso ins reißerische Gesamtbild des Filmes ein. Aufgrund seiner ruhigen und stimmigen Erzählung würde man das dem Streifen jedoch nie wirklich vorwerfen, zumal er keinen Hehl daraus macht, dass er nur des Unterhaltungswertes wegen gedreht wurde. Wo Lenzi Deodatos Zivilisationskritik auf plumpe Art imitiert, da liefert Martino lediglich einen Abenteuerfilm in starker Atmosphäre ab.

Eine herrlich unnötige, aber doch recht effektive Kroko-Attacke scheint Martino Geschmack auf mehr gemacht zu haben, drehte er nach „Slave of the Cannibal God“ (Alternativtitel) doch „Fluss der Mörderkrokodile“, der allein schon deswegen sehenswert ist, weil er vor „Der Horror-Alligator“ entstand und deswegen noch völlig anders erzählt ist als der typische Kroko-Horror. So selbstständig wie dieser kommt sein Kannibalenfilm nicht daher, erzählt er doch wie so viele von einer Rettungsaktion mit endlosem Wandern durch den Urwald, wobei gerade diesbezüglich ein kleiner Hauch unfreiwilliger Komik entsteht, wenn der große Experte selbst dann wie wild seine Forke schwingt, wenn das Geäst alles andere als dicht ist.

Ansonsten sei aber mitgeteilt dass es höchstens noch aufgrund der reißerischen Grundhaltung etwas zu belächeln gibt. Insgesamt weiß „Prisoner of the Cannibal God“ (Alternativtitel) angenehm, wenn auch lediglich nur routiniert, zu unterhalten. Trotz ewigem Herumschreitens durch die fremdartige Botanik bremst sich der Streifen nie aus, was vielleicht auch an seinem ungewöhnlichen Umgang mit den Figuren liegt, spätestens wenn sich der wahre Held der Geschichte als jener herausstellt, der erst zur Mitte der Geschichte eingeführt wird und gegen den bislang vermuteten ausgetauscht wird. Auch den etwas einseitig charakterisierten Aggressor der Gruppe weiß Martino für ein Täuschungsmanöver zu nutzen, dessen Verhalten zu einer überraschenden Auflösung führt, die rückblickend jedoch nicht nötig gewesen wäre, so schnell wie sich hinterher die Begebenheiten der Geschichte ändern und die aufgedeckte Wahrheit keine Relevanz mehr besitzt.

„Mountain of Cannibal Gods“ (Alternativtitel) ist nie wirklich glaubwürdig, aber das stört aufgrund seines Unterhaltungswertes wenig. Warum der verschollene Henry von den Kannibalen für einen Gott gehalten wurde mag sich beim Gucken selbst als recht interessante Idee anfühlen, ist aber kein wirklich cleverer Kniff der Geschichte. Die Rituale eines friedlichen Wildenstammes mögen für den Ekeleffekt und der Sympathie an der Fremde stimmig eingesetzt sein, aber auch hier kann man nicht wirklich von Glaubwürdigkeit sprechen, erst recht wenn man diesbezüglich bereits von den recht authentischen Deodato-Werken verwöhnt wurde. Auch das Zusammenleben der Wilden mit einem Missionar wirft mehr Fragen auf als Glaubwürdigkeiten, könnte aber zumindest erklären warum so viele Ureinwohner zivilisierte Haarschnitte tragen.

Trotz alledem und teilweise auch deswegen weiß der mit (dem hin und wieder nackt agierenden) Bond-Girl Ursula Andress so prominent besetzte Film zu unterhalten, der in seinen Kannibalenszenen ebenso wie im Rest der Story meist auf Geschmacklosigkeiten verzichtet, zumindest im Vergleich zu dem was in diesem Sub-Genre üblich war. Wer also Spaß an europäischen Abenteuerfilmen der 70er und 80er Jahre hat, die mit Goremomenten bereichert wurden, der dürfte eigentlich mit „La montagna del dio cannibale" (Originaltitel) recht gut unterhalten werden, vorausgesetzt man sucht keinerlei Tiefsinn oder wahres Talent - mal abgesehen vom Soundtrack der Brüder de Angelis, welcher die Geschichte tatsächlich gekonnt zu untermalen weiß.

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