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Sonntag, 21. August 2016

DIE WOLKEN VON SILS MARIA (Clouds of Sils Maria 2014 Olivier Assayas)


Vor 20 Jahren begann die Karriere der Schauspielerin Maria Enders in einem Film ihres Mentors, dem Autor Wilhelm Melchior. Nun kurz nach seinem Tod, soll sie in einer Theaterversion erneut im selben Stoff mitspielen, jedoch den Gegenpart verkörpernd, die mitten im Leben stehende Geliebte der jüngeren, ehemaligen Hauptrolle Enders. Maria identifiziert sich gern mit der Rolle die sie einst berühmt machte und kann den Figurentyp den sie nun darstellen soll nicht leiden. Dennoch lässt sie sich auf das Angebot ein...


Die Schlange von Sils Maria...

Wunderschöne klassische Musik, imposante Bilder, talentierte Schauspieler in tiefgehenden Charakteren und gehaltvolle Dialoge machen es dem Zuschauer einfach sich dem eigentlich recht schwermütigen Stoff hinzugeben, den Regisseur Olivier Assayas selbst verfasst hat. Schnell merkt man, dass man etwas Großem beiwohnt. „Die Wolken von Sils Maria“, so sehr der Titel auch das Klischee manch verkrampfter Kino-Kunst verkörpert, schaut sich in seiner ruhigen wie intellektuellen Art nie bemüht. Man erkennt dass Figuren und Situationen verstanden wurden, aber auch dass ihre Eigenschaften nicht fest in Stein gemeißelt sind, sondern der Interpretation des Zuschauer unterliegen.

Das ist insofern wichtig, als dass dies auch ein wichtiger Aspekt innerhalb der Geschichte ist, gerade dann wenn wir Maria Enders dabei begleiten alte Erinnerungen an den Stoff Revue passieren zu lassen, und sie es nicht zulassen möchte aus reiferer Sicht von der von ihr geliebten Figur, die sie früher spielte, loszulassen. Obwohl sie über ihre junge Assistentin einen anderen Blickwinkel auf den Stoff erhält, tut sie diesen als naiv ab, als oberflächlich, anstatt sich dieser Alternative, abgestiegen von dem hohen Sockel auf dem sie thront, einzulassen. Symbolisch für diese Haltung Enders steht auch die gerne von kultivierten Menschen gelebte Tunnelblick-Haltung Tiefe könne in einem übernatürlichen Stoff nicht existieren.

Wie Enders am Ende des Films zu ihrer Rolle steht bleibt Interpretation, liegt also an der Sichtweise des Zuschauers wie so vieles mehr. Damit schaut sich „Die Wolken von Sils Maria“ auf mehreren Ebenen. Das was der Film erzählt, erlebt auch der Zuschauer in seiner Rolle als Zuschauer. Intensiver wird dies in den Charakterzeichnungen der Figuren und ihren Einfluss aufeinander angegangen, zeigt das eingeprobte Stück doch Parallelen zu dem was in der Filmrealität stattfindet oder sich zumindest unterschwellig andeutet, was wiederum Parallelen zu der unseren Realität und den hier agierenden Darstellern aufweist.

Nicht dass die Geschichte einen solchen Zusatzaspekt nötig gehabt hätte, die Dramaturgie des Stoffes ist hervorragend ausgearbeitet und sehr sensibel und subtil eingefangen. Aber diese doppelten Böden bereichern das Werk in seiner analytischen Deutungsvielfalt und den verschiedenen Blickwinkeln unter denen wir den Stoff verstehen oder nachempfinden können. Ohne je all zu schwermütig oder zu dick aufgetragen emotional zu werden, kommt „Die Wolken von Sils Maria“ mit einer Natürlichkeit daher, die einen fast schon glauben lässt einem leichten Stoff beizuwohnen, so entspannt ist das ethisch sensible Werk ausgefallen.

Die drei ausgezeichneten Hauptdarstellerinnen agieren nicht nur in Bestleistung, der Kenner dieser Schauspielerinnen erkennt zudem das Durchbrechen der vierten Wand. Binoche arbeitete mit dem stets verkopften Michael Haneke in „Caché“ zusammen, kennt somit das Arbeiten im Kunstfilmbereich ebenso wie die Kommerzseite des Filmgewerbes, wirkte sie im selben Jahr vom hier besprochenen Film doch auch in „Godzilla“ mit. Kristen Stewart, die mir mit ihrem bewundernswerten intensivem Spiel zum ersten Mal (positiv) aufgefallen ist, nimmt hier im Film phantastische Stoffe in Schutz, befreit sich aber gleichzeitig aus dem oberflächlichem „Twilight“-Gefängnis, in welchem sie Jahre lang festsaß. Und Chloë Grace Moretz mimt die Skandalnudel, nur um schließlich seriös zu wirken und im nächsten Schritt den Zuschauer im Unklaren zu lassen was davon nun die echte Jo-Anne Ellis ist.

Das passt zu Moretz Rollenauswahl, ist sie mit „Carrie“, „Let Me In“, „Runaway Girl“ und ganz besonders mit ihrer Rolle des Hit-Girls in „Kick-Ass“ und „Kick-Ass 2“ auf provokante Charaktere abonniert, so dass die Rolle des skandalösen Hollywood-Sternchens hevorragend in ihr bisheriges Repertoire passt. Obwohl sie die kleinste der drei wichtigsten weiblichen Rollen erwicht hat, eigentlich sogar nur eine Nebenrolle, gibt ihr der Stoff die Möglichkeit sich auf vielschichtige Art schauspielerisch zu üben und zu beweisen. In einer Kino-Sequenz den Zukunftsmutanten mimend, in einem Interview die Provozicke zur Schau stellend, im realen Leben als charmante junge Dame auftretend und im Theater die kämpferische, etwas arg arrogante, zickige aber auch gleichzeitig souveräne Schauspielerin verkörpernd, Assayas gibt Moretz die Chance aus ihrem Popkornschatten zu treten, während sie ihn gleichzeitig zelebriert. Das muss sie auch, denn dem Autor ist das Loslassen von Vorurteilen in der Kunst so wichtig wie der weiter oben erwähnte Interpretationswechsel von Zuschauer zu Zuschauer.

Locker hätte man aus dem Stoff ein Psycho-Drama zaubern können, in welchem die Parallelen zwischen Realität und Theaterstück auf morbid dominante Art in den Vordergrund treten. Assayas gibt dieser Versuchung nie nach, liebt es dass solche Gedanken im Raum schweben, wissendlich dass der Zuschauer derartiges vermuten könnte, aber er belässt es die alltäglich Dramatik zu thematisieren, macht aus „Sils Maria“ (Alternativtitel) niemals Hollywood, sondern liefert vergleichbar mit „Das Mädchen, das die Seiten umblättert“ einen vordergründig schlichten Stoff ab, dessen Tiefe man erst entdeckt, wenn man sich mit den Figuren und das was sie bewegt tatsächlich auseinander setzt.

Es ist schön dass „Clouds of Sils Maria“ (Originaltitel) trotz seines künstlerichen und intellektuellen Gehalts kein stures, verkopftes Stück Pseudo-Drama geworden ist, sondern ein gleichsam unterhaltsamer wie tiefgründiger Film, sensibel, natürlich und durchdacht erzählt, von einer scheinbaren Nichtigkeit berichtend, um tiefer gehend über Kunst, Kultur, Erfahrungswerte, Vergangenheitsbewältigung, Selbstlüge, medialer Manipulation, den Gesetzen Hollywoods und verdrängten Gefühlen zu sinnieren. Schön dass Stewart und Moretz die Chance zuteil wurde sich in einem solchen Stoff zu beweisen, während die erfahrene Binoche trotz großartigem Spiels den jungen Mitmimen hierfür genügend Raum lässt, ohne dabei in den Hintergrund zu fallen.


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Kommentare:

  1. Den fand ich auch sehr gelungen und es ist tatsächlich auch immer der Film, den ich allen Kritikern der werten Ms. Stewart nenne. Denn hier spielt sie endlich mal frei auf und zeigt, das sie wirklich schauspielern kann.

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    1. Ja, eine Arbeitskollegin von mir, die Stewart nur von Mainstreamprodukten kennt, wollte mir auch nicht glauben. Sie kennt sie nur als steif agierendes Untalent. Zu dumm dass sie für diese Art Film nicht zugänglich ist, sonst würde sie hier aber staunen.

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