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Sonntag, 2. April 2017

DAS DORF DER ACHT GRABSTEINE (Yatsuhaka-mura 1977 Yoshitaro Nomura)


Vor 400 Jahren wurden acht Samurai, die sich auf der Flucht vor ihren Feinden als Bauern in einem kleinen Dorf niederließen, von den Einheimischen verraten und umgebracht. Nun kehrt Tatsuya in dieses Dorf zurück, von Hinterbliebenen ausfindig gemacht, einst adoptiert und nun erstmals von seiner richtigen Familie und seinem Geburtsort erfahrend. Kaum als Fremder eingetroffen und die zwielichtig erscheinende Verwandtschaft kennen gelernt mehren sich diverse Todesfälle, die mit jenem Fluch in Verbindung zu stehen scheinen, welchen der Anführer der acht Samurai einst vor seinem Tode auf die Familien seiner Verräter und Mörder aussprach...


Der Drachenkiefer...

Es ist erstaunlich wie künstlerisch wertvoll sich die eher schlicht eingefangenen Bilder aus „Das Dorf der acht Grabsteine“ gucken, trotz ruckeliger Kamerazooms und Kameraschwenks und trotz mancher unsensiblen Schnittsetzung. Aber noch lange bevor wir in die erstaunend großartig eingefangenen Höhlen-Spielorte eindringen, ist sie da, die Begeisterung über die farblich nur selten künstlisch aufgepeppten Bilder der urigen Landschaft und des zeitlich überholten Ortes, in welchem Yoshitaro Nomuras Film spielt.

Fast schon Ende der 70er Jahre entstanden entwarf er eine Art Grusel-Krimi, also jenes Genre, welches Ende der 60er Jahre bei uns gerade aus der Mode kam. Ein etwas strengerer Blick entlarvt das Spiel mit dem Fluch jedoch bereits sehr früh als Ablenkung, schnell ist klar dass ein weltlicher Täter hinter allem steckt, so dass wir es bei besagtem Film viel eher mit einem Mix aus Familiendrama und Kriminalfilm zu tun haben, und der Gruselanteil hingegen minimalst, meist per Andeutungen, ausgefallen ist.

Dem Sehwert tut dies keinen Abbruch, auch wenn manch einen das Genre Grusel-Krimi eher lockt als das des Kriminal-Dramas, mich eingeschlossen. Aber dank der ruhigen Art der Erzählung und der schnell gewonnenen Sympathie für den wortkargen Helden, ist man ohnehin schnell eingestiegen in das meist simple Treiben innerhalb eines Streifens, der weit weniger aufgeregt daher kommt als er bei der Thematik hätte ausfallen können. Moderne Aufnahmen eines Flughafenbetriebes werden den Bildern der urigen, teilweise zurückgebliebenen Dorfmentalität entgegen gesetzt, und verdeutlichen somit noch einmal mehr, wie fremd der ahnungslose und desinteressierte Tatsuya in besagtem Dorf ist.

Durch ihn als Identifizierung fühlen auch wir dieses Unwohlsein an diesem an sich gemütlich veralteten Ort. Lästernde Großtanten, geldgeile Cousins und ein zwielichtiger Arzt werden schnell zu Verdächtigen, während die Dorfgemeinde in der Rückkehr Tatsuyas den Auslöser der Todesfälle sieht, sei es nun durch ihn als Mörder, oder durch die Erfüllung des Fluches aufgrund seiner Anwesenheit. Während man innerhalb einer solchen Geschichte eher eine unheilvolle Atmosphäre erwarten würde, geht Nomura eher nüchtern vor.

Er lässt die Polizei und einen Helfer dieser ermitteln (typische Wallace-Film-Kombination), während er Tatsuya die Situation durchsitzen lässt. Der möchte eigentlich nur weg, denkt zwar über die Geschehnisse nach, im Versuch den roten Faden hinter den Todesfällen zu erkennen, sieht sich aber nicht als Teil der Dorfvergangenheit, weswegen ihn eine Auflösung der Morde nicht wirklich interessiert, ebenso wie die Todesfälle ihm nicht persönlich nahe gehen, auch wenn er freilich geschockt ist und Mitleid mit den Toten und Hinterbliebenen empfindet.

Wirklich gekonnt psychologisch geht man nicht vor. „Das Dorf der acht Gräber“ ist kein wirklich geistreicher Film, auch wenn er seinen Schwerpunkt auf die Ermittlungen und das gesellschaftliche Zusammenspiel aller Beteiligter setzt. Oftmals plätschern die Ereignisse eher seicht vor sich her, dies lange Zeit ohne Desinteresse beim Zuschauer zu entfachen, dafür ist die nüchterne Grundatmosphäre viel zu packend und wird durch gelegentliche aufregende Szenarien, wie dem großartig inszenierten Rückblick auf den Verrat der acht Samurai, aufgerüttelt. Aber ebenso wie sich dort wie Fremdkörper wirkende brutale Sequenzen eingeschlichen haben, und ebenso wie die auf schlichter Basis künstlerisch wertvolle Form der Bilder durch unsensible Schnitte und Kameratechniken unterbrochen werden, so erfährt nach langer Zeit des guten Funktionierens auch die Geschichte einen Schwachpunkt.

Und dieser findet ausgerechnet am interessantesten Spielort statt, jenem des Höhlensystems unterhalb dem Dorf und seinem umgebenen Land, entweder eingefangen in einem tatsächlichen Höhlensystem oder in mehreren Höhlen aufgenommen, sind die unterirdischen Settings doch abwechslungsreich gewählt und kompatibel genug, um tatsächlich wie ein gemeinsames Höhlensystem zu wirken. So toll sich die mal glitschigen, mal steinigen Wände und Decken auch anschauen, und so majestätisch hoch wie sie oftmals über recht kleinen menschlichen Körpern thronen, so uninteressant wird das Szenario innerhalb dieser, welches in sich endlos anfühlenden Wiederholungen die Geschichte einfach nicht vorwärts bringen will.

Eingefangen wie zuvor hätte die lange Laufzeit von 2 1/2 Stunden nicht gestört, auf der Stelle tretend wie in den 30 - 45 Minuten Finale in der Höhle, wird das Geschehen und die Überlänge zur Geduldsprobe, das Interesse schwindet, und da man auch langsam klar sieht wer der Mörder sein muss, fährt auch das Interesse des Täterratens leicht zurück, wenn auch noch halbwegs aufrecht erhalten bleibend, weil zwei Kandidaten aufgrund der vorliegenden Möglichkeiten als eventuelle Täter übrig bleiben. „Village of the Eight Tombs“ (Alternativtitel) baut in dieser Phase sehr stark ab und zerstört sein bis dahin so wertvoll aufgebautes Gesamtbild. Eine umständlich lange Erklärung über die Motivation und die Gründe des Täters sind am Schluss nicht gerade hilfreich dabei zur alten Form zurückzufinden, so dass „Village of Eight Gravestones“ (Alternativtitel) leider so schlecht schließt wie er zum letzten Drittel hin wurde.

Das schließt „Yatsuhaka-mura“ (Originaltitel) leider von einer Empfehlung aus, zumal bereits seine starken Phasen stets von einem inhaltlich wie intellektuell schlichten Hintergrund begleitet wurden. Nun in Kombination mit einem völlig missglückten Schluss, wirkt auch das vorangegangene atmosphärisch gut eingefangene Treiben rückblickend zu banal, als dass einem das Ergebnis die 2 1/2 Stunden Lebenszeit wert gewesen wären.

Eine meiner Meinung nach unnötige Schluss-Pointe den Fluch betreffend, wirkt eher deplatziert als auflockernd, und ein zu schnell einsetzender Abspann verdeutlicht noch einmal die unsensible technische Art des Regisseurs. Aus einem Film, den man nur all zu gern ins Cineastenherz geschlossen hätte, wird eine tolle Erfahrung mit unangenehmen Schluss. „Das Dorf der acht Grabsteine“ ist für Freunde des japanischen Kinos sicherlich einen Blick wert, ein bedeutendes Werk, so wie es die deutsche DVD-Veröffentlichung aus ihm machen möchte, ist seinerzeit jedoch nicht entstanden.


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