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Samstag, 8. April 2017

DELICATESSEN (1991 Jean-Pierre Jeunet u.a.)


Während eine lang andauernde Lebensmittelknappheit herrscht, nimmt der Zirkusartist Louison einen Job als Hausmeister in einem Mehrfamilienhaus an, nichts ahnend dass die Mietgemeinschaft des Hauses unter Leitung des Metzgers, der hier sein Geschäft betreibt, einen eigenen Plan entwickelt hat um in diesen düsteren Zeiten an Fleisch zu gelangen...


Ein Job für den Australier...

Wenn man das Wort Jahrmarkt so zauberhaft verspielt versteht wie es das Kino meist tut, und diesen Begriff somit nicht für die schnelle, lieblose Geldabzocke verwendet, die der Jahrmarkt in der wirklichen Welt darstellt, dann darf man Jean-Pierre Jeunet wohl das Kompliment machen, einer der größten visuellen Magier des französischen Kinos zu sein, verzaubert er die Leinwand doch zu einem Jahrmarkt der skurrilen, verspielten Ideen, mit scheinbaren Nichtigkeiten, welche die Welt bereichern und der Seele gut tun, so dass die erzählte Geschichte fast zur Nebensache werden könnte, wenn sie nicht so künstlerich wertvoll durchdacht wäre, wie die vordergründigen optischen Highlights.

Bevor der gute Mann mit „Die fabelhafte Welt der Amelie“ genau dieses bejahende Lebensgefühl mittels bunter, zauberhafter Ideen, welche den tristen Alltag durchbrechen, in Reinform auf den Zuschauer los ließ, drehte er düsterer angehauchte Werke, welche die verspielte Magie, das Lebensbejahende in der Kreativität des Menschen und die liebevollen Macken im Alltag mit einem schwarzhumorigen Grundton mixte, welcher keinesfalls im Widerspruch zur positiven und bunten Seite des Lebens steht, eben weil Jeunet es stets schafft trotz phantastischer Welten und verträumter Ideen seinen Werken Lebensnähe zu vermitteln, eben weil er die Psychologie der Gesellschaft, des Individuums und des Kinos versteht.

Zusammen mit seinem Partner Marc Caro, der später mit dem Science Fiction „Dante 01“ erfolglos ein Soloprojekt vorlegte, liefert Jeunet mit „Delicatessen“ den perfekten Mix aus Magie und Bitterkeit ab, noch nicht so düster in Fantasiewelten eintauchend wie im Folgewerk „Die Stadt der verlorenen Kinder“, mit einer unbenannten Endzeitwelt aber einen düsteren Schleier über die heiteren Geschehnisse legend, der auch optisch durch die tristen Farben und dem unrein scheinenden Himmel immer vertreten und damit im Bewusstsein des Zuschauers vorhanden ist. Wirklich gesellschaftskritisch soll „Delicatessen“ dabei nicht sein, viel eher erinnert er an die Schrulligkeit des Individuums, und dies selbst bei böse gezeichneten Charakteren.

Die bunte Schar einfallsreicher und hervorragend verkörperter Charaktere bietet allerlei Ur-Typen der französischen Gesellschaft, so dass man trotz ungenannter Zeit und Raum und trotz des Verwehrens von Hintergrundinformationen über die Lebensmittelknappheit nach einer Katastrophe, dem Film sein Herkunftsland direkt ansieht. Louison stolpert als ehemaliger Zirkusartist nicht in eine biedere Welt, um diese zu verzaubern, wie man meinen könnte, sondern er ist lediglich ein weiterer Baustein einer bunten Figurenschar innerhalb einer tristen Welt. Jeunet liebt es mit ausgefallenen Ideen zu arbeiten, da wirken die Zirkusspielereien des Helden streng gesehen fast schon banal.

Ob da nun die Vegetarier wären, die in der Kanalisation hausen müssen, da sie sich im Krieg mit den Fleischfressern befinden, die an der Erdoberfläche wohnen, oder ob es um einfallsreiche Überlebensmethoden geht, wie dem in einer feuchten Wohnung hausenden Schnecken- und Fröschezüchter, der mit der Zeit fast selbst zum Frosch wird, oder ob Jeunet einer suizidgefährdeten Frau irreste kreative Methoden zutraut dem Leben ein Ende zu setzen, freilich stets ohne Erfolg, immer wieder überrascht er mit wohldurchdachten und ungewöhnlichen Ideen, die uns zeigen zu was Kino in der Lage sein kann. Auch Alltäglichkeiten macht Jeunet zu etwas Besonderem, beispielsweise beim Blick auf eine Werkstatt, die Apparaturen für Spielzeug herstellt, welche per Bewegung Geräusche machen können.

Letztgenannte Idee wird Teil einer der schönsten Szenen im Film, wenn diverse parallel laufende Situationen im Haus, die Geräusche machen, zu einer Art Lied werden, ruhig beginnend, schneller werdend und mit einer Schlussexplosion endend, was nicht zufällig an den sexuellen Akt erinnert, ist doch auch ein solcher Teil des Szenenmosaiks. Eingefangen wird der ganze Zauber des Streifens in künstlerisch wertvolle Bilder. Allein der Kamera im Vorspann dabei zuzusehen, wie sie über die Landschaft der Namenssetzungen gleitet, ist ein wunderschönes Gefühl. Und wenn im Laufe des Filmes auch noch die singende Säge den ohnehin schon gefühlvollen Soundtrack bereichert, dann gehen Inhalt, Bild und Komposition eine kreative Symbiose ein, die man im Kino leider viel zu selten zu sehen bekommt.

Bei all seinen Spielereien verliert Jean-Pierre Jeunet nie die eigentliche Geschichte aus den Augen, die sich zwar immer wieder von faszinierenden Ideen abzulenken scheint, was aber täuscht, da alles zusammen ein Ganzes ergibt, welches aufeinander Einfluss ausübt bishin zum ereignisreichen Finale, in welchem alle Randfunktionen und Hauptsächlichkeiten endgültig zusammenarbeiten um der Geschichte ein würdiges Ende zu bescheren. Wenn Kinder nach einer Überschwemmung fröhlich in den Pfützen springen, ein Mann mit Messer in der Stirn sein Umfeld fragend feststellt, dass er einen Fremdkörper im Kopf hat, und sich dann erst einmal hinsetzt bevor er stirbt, und wenn eine Oma nicht auf die furchterregenden Grimassen und Geräusche des Metzgers im Hausflur bei Nacht reagiert, aber zu schreien beginnt wenn sie eine Spinne sichtet, dann sieht man die Menschlichkeit in Jeunets Werk, die ebenso Platz findet wie das Phantastische.

Hochtalentierte, mit Spielfreude agierende, Schauspieler, das einfallsreiche Drehbuch und die hervorragende Kameraarbeit zaubern aus „Delicatessen“ einen wundervollen lebensbejahenden Film, der selbst in den tristesten Momenten Ausschau nach Menschlichkeit hält, Schwächen ebenso aufzeigend wie Stärken, weil eben beides einen erst zum Menschen macht. Jeunet schafft es, dass man selbst dem Metzger nicht wirklich bös sein kann, und der ist neben dem Postboten einer der übelsten Schurken des Streifens. Jeunet nutzt das Entrückte, das Morbide und das Ungewöhnliche um den eigentlichen Kern, die eigentliche Errungenschaft der Zivilisation aufzuzeigen. Er präsentiert uns nicht nur Kreatives, er lädt uns dazu ein das Bunte im Alltag zu sehen, selbst viel kreativer und optimistischer zu werden und sich wieder einmal den wahren Wichtigkeiten des Lebens bewusst zu werden.


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