Sonntag, 22. Juli 2012

BOY A (2007 John Crowley)


Der 24jährige Jack ist nicht der, der er vorgibt zu sein. Nach Jahren aus der Verwahrung entlassen, soll er sich unter der Aufsicht seines Sozialbetreuers ein neues Leben aufbauen. Einen Job hat er bereits, es folgen Freunde und feste Freundin. Doch die Vergangenheit, über die er schweigen muss, ist für Jack immer präsent und die Angst ist groß, dass ihn diese eines Tages einholt...


About Boy A...

Nach seinem Debütfilm „Intermission“ und diversen Kurzfilmen war „Boy A“ John Crowleys zweiter Langfilm, und dieser erzählt die Geschichte eines resozialisierten Verbrechers, der seine Tat in jungen Jahren begangen hat und nun eine neue Chance in der Gesellschaft erhalten soll. Was er getan hat bleibt lange Zeit ungeklärt, jedoch deutet bereits seine Namensänderung und der Selbstmord von Jacks bestem Freund und Mittäter darauf hin, dass es sich um ein Schwerverbrechen gehandelt haben muss.

Der Film erzählt seine Geschichte auf drei Ebenen: im Jetzt erleben wir das Privatleben von Jack und das des Sozialarbeiters. Wie eng deren Schicksale miteinander verwoben sind, zeigt sich erst zum Schluss, auch wenn das Beachten des privaten Umfeldes des Sozialarbeiters bereits vermuten lässt, was im letzten Drittel der Geschichte schief laufen wird. Die dritte Ebene spielt in der Vergangenheit, erzählt von einer Kinderfreundschaft Jacks und legt uns schleichend offen, wie der von der Presse getaufte Boy A in die Situation seiner Tat hineingeraten ist und welcher Art das Verbrechen überhaupt war.

Wichtiger inhaltlicher Aspekt, wie auch das Spiel mit dem Zuschauer, ist der Umgang mit Vorurteilen und Selbstgerechtigkeiten. Deswegen dürfen wir Jack zunächst einmal fast vorurteilsfrei kennen lernen. Unsicher, da Jahre isoliert, tappst er in sein neues Leben und stellt sich dabei nicht immer sehr geschickt an. Aber der ohne größere Zweifel geheilte junge Mann gibt sich viel Mühe und wird mit seinem Engagement dem Sohn des Sozialarbeiters gegenübergestellt, der als Tagedieb seine Zeit vergeudet. Jack ist erfolgreich auf der Arbeit und erntet den Respekt seiner Freunde, spätestens wenn er zum Lebensretter von jemandem wird der einen Autounfall hatte.

Was Jack verbrochen hat, sollen wir erst erfahren wenn er uns ans Herz gewachsen ist, um dann zu schauen ob wir so schnell Rache und Wegsperren rufen würden, wie es die Yellow Press immer wieder gerne mit ehemaligen Straftätern tut. Und mancher Zuschauer muss sich gewiss an die eigene Nase packen, neigt er doch eventuell zu ähnlichen Ansichten. „Boy A“ bezieht deutlich Position, heißt solche Vorurteile nicht gut, zeigt aber auch deutlich wie schwer es für alle Beteiligten ist loszulassen, egal in welcher Phase des Filmes.

Was die Sympathie eines Jack betrifft, macht es sich der Film jedoch etwas zu leicht, denn seine Tat hat Jack in sehr jungen Jahren begangen, so dass ein Verzeihen und der Respekt vor einem Neuanfang durchaus größer ist als bei einem älteren Täter der noch eher hätte wissen müssen was er da Falsches tut. Das Erleben der Tat im letzten Drittel des Streifens lässt einen aufgrund der Sinnlosigkeit dieser dennoch schwer schlucken, zumal Jack nicht den selben tragischen sozialen Hintergrund beschert bekommt wie sein gepeinigter und dadurch hasserfüllter bester Freund.

Wenn nach sehr viel Mühe das so großartig aufgebaute Kartenhaus der neuen Identität zerbricht, zeigt sich wie schnell eine böse Tat, und mag sie noch so lange her sein, eine gute Tat überdeckt (der Lebensretter), wie schnell aus Selbstschutz Freunde und Job weg sind und alle Kraft dahin ist, die unter wackeligen Bedingungen das Kartenhaus so lange aufrecht erhielt. Flucht und Tagträume sind das einzige das Jack nun noch bleibt, und der Film schließt so wie man es erwartet hat und zeigt damit wie er mit diesen Restzutaten seines Lebens umzugehen weiß.

Durch die distanzierte Sichtweise mittels Unwissenheit ist es dem Zuschauer möglich auf völlig andere Weise mit dem speziellen Beispiel des umstrittenen Themas umzugehen. Zudem wird bewusst das neue Leben Jacks durch banale Beweggründe zerstört, so dass automatisch die Frage aufkommt wann wir im Leben etwas als Verbrechen ansehen und wann nicht. In wie weit muss man sich die Finger persönlich schmutzig machen um von einem Verbrecher zu sprechen? Wie viele Dominosteine vor dem letzten Umgefallenen bezeichnen wir als Täter oder Mitverantwortliche, wie lange muss die Dominoreihe sein, um zuvor umgefallenen Steinen nicht die Schuld am zuletzt umgefallen Stein zu geben? Bei welcher Art Täter rufen wir automatisch schuldig, bei welcher nicht? Wie weit greift das Gesetz um offiziell überhaupt von schuldig reden zu dürfen? Fragen über Fragen, die gekonnt im Raum stehen, um den Zuschauer regelrecht herauszufordern.

„Boy A“ ist somit nicht nur auf emotionaler Ebene ein gelungenes Drama, er ist auch ein intelligent erzähltes. Er vermeidet Vorurteile und Sozialkitsch und ist allein schon durch seine gute Besetzung in den Hauptrollen glaubwürdig erzählt. Gekonnt liefert er nur die Grundlage einer Diskussion und lässt den Zuschauer, je weniger er sich zuvor mit dem Thema auseinander gesetzt hat, grübelnd zurück.


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