Mittwoch, 8. August 2012

DAGON (2001 Stuart Gordon)


Aus der Not heraus landen Paul und Barbara nach einem Bootsunglück zufällig in einem Fischerdörfchen. Kurz getrennt, um gemeinsamen Freunden zu helfen, muss Paul bei seiner Rückkehr ins Dorf feststellen, dass Barbara spurlos verschwunden ist. Die Bewohner erweisen sich nicht gerade als hilfreich, dafür aber als Mutanten mit einer geheimnisvollen Vergangenheit...


Auf ein Neues Lovecraft, Stuart!...

"Dagon" hat mich überrascht. Ich hatte mit einem eher mittelmäßigen Horrorwerk gerechnet, doch was ich sichtete war ein interessanter Film, auch wenn er im letzten Drittel etwas zu sehr ins gewöhnliche Strickmuster abrutscht. Nachdem uns in den ersten 10 - 15 Minuten ein Alptraum gezeigt wird, Personen näher gebracht werden und unsere beiden Hauptrollen getrennt werden, beginnt der beste Part des Streifens. Er orientiert sich an einer einzigen Person, die sich in einer fremden, unbehaglichen und gefährlichen Situation wiederfindet, die sich dank der engen Identifizierung mit Paul emotional intensiv auf den Zuschauer überträgt. Die Art, in welcher diese 45 Minuten der Geschichte erzählt werden, ist umwerfend. Paul wird endlos verfolgt von fremdartigen Wesen und hat nirgendwo die Möglichkeit auf ein sicheres Versteck. Das Drehbuch schenkt ihm eine Menschlichkeit, die in anderen Filmen gerne einmal vergessen wird. Wenn der Held sich verletzt, humpelt er auch den Rest des Films, und Türen gehen nicht leicht einzutreten. Die Brille muss immer wieder ihren Platz auf der Nase finden, und ein Auto läßt sich für einen Laien auch nicht so leicht kurzschließen wie es manch andere Filme gerne hätten.

Dass Paul für die Verkürzung des Erzählstranges den letzten Nicht-Mutanten des Dorfes kennen lernt, ist zu Recht etwas einfallslos zu nennen, allerdings auch interessant in die Geschichte integriert. Dieser Letzte seiner Art erzählt uns nun was einst in diesem Ort geschah, und so wissen wir nun womit wir es zu tun haben. Wo nun viele andere Werke spätestens mit diesem Wissen qualitativ bergab gehen, bleibt „Dagon“ seinem Niveau zunächst noch treu. Ein normal tickender Mensch wie Paul glaubt einen derartigen Quatsch nicht so ohne weiteres, erst recht nicht wenn der vermeintliche Unfug von einem Säufer erzählt wird. Hier blitzt nun nicht die blanke Naivität typischer Filmfiguren auf, bzw. das realitätsignorierende Fügen in eine Fiktion, nein, unser Held muss erst am eigenen Leib erfahren, dass die Geschichte des alten Mannes kein Humbug ist.

Auch die von mir hochgelobte gelungene Phase des Streifens besitzt gewisse Schwächen. Eine davon ist der etwas überforderte Ezra Godden, welcher Paul mimen darf. Er gibt sich Mühe, und diese Mühe muss man ihm auch hoch anrechnen, aber er ist ein Mensch der im B-Film zu Hause ist. Optisch wirkt er, seine deutsche Synchronstimme passt auch, aber bei all dem was er erlebt bleibt er lediglich durch sein im Drehbuch vorgegebenes Handeln glaubhaft, nicht aber durch sein bemühtes Spiel. Das ist allein schon deshalb sehr schade, weil er eine ähnliche Rolle wie Bruce Campbell in "Tanz der Teufel 2" spielt: immer Stress und Ärger an der Backe, und wenn man glaubt das schlimmste liegt hinter ihm, geht's erst richtig los.

Der alte Mann, der nur phasenweise zum Wegbegleiter wird (auch eine gute und viel zu selten angewandte Idee in Horrorfilmen), hat eine wirkungsvolle, aber leider auch sehr leise Stimme in der deutschen Fassung auf die Lippen gelegt bekommen. Es erfordert volle Konzentration vom Zuschauer seiner Stimme zu folgen, ist die Mühe dank stimmiger Atmosphäre und dem Wissensdurst nach Vergangenem aber auch wert.

Bevor es zu diesem informativen Rückblick kommt, erlebt unser Held eine Situation, die dem „Kettensägenmassaker“ entliehen scheint: Paul stößt auf abgezogene Gesichtshaut. Und auch wenn „Dagon“ für den Gore-Fan eher harmlos einzustufen ist, so wird doch genau dieser, wenn er tapfer dran bleibt, vor Begeisterung losjubeln, wenn im letzten Drittel auf wirklich fiese Art und Weise das Abnehmen von Gesichtshaut gezeigt wird und damit fast die beunruhigende, vergleichbare Szene aus „Augen ohne Gesicht“ zu überbieten scheint. Das ist nicht die einzige blutige Szene, aber solche Momente sind im Film rar verteilt, wirken dafür aber auch um so heftiger, wenn es so weit ist.

In der letzten halben Stunde bleibt „Dagon“ zwar kurzweilig, rutscht aber ins übliche Erzählmuster ab. Die Getrennten werden wieder vereint, nun weiß man als erfahrener Genre-Fan in welcher Reihenfolge wer sterben wird und ahnt allgemein wie es ungefähr weiter gehen wird. Die für einen Horrorfilm untypische glaubwürdige Figur des Helden schimmert nur noch ab und an durch, z.B. wenn er die Chance nutzt, als die Tür zu seinem Gefängnis geöffnet wird, gegen die (anbei wirklich toll zurecht gemachten) Mutanten zu kämpfen, um dann doch nicht gegen sie anzukommen. Auch manche Unlogiken werden mit dem kurzen Auftauchen dieser Erzählweise wieder etwas wett gemacht. Ein unterhaltungsreiches, atmosphärisches Hoch wie zuvor ist damit aber auch nicht mehr einzufangen.

Im Endergebnis bleibt „Dagon" dennoch ein überraschender Film, der sein Niveau sehr lange halten kann, bevor er in das übliche Strickmuster herabrutscht. Stuart Gordon hätte ich, das muss ich gestehen, das Talent realistisch zu bleiben nicht zugetraut. "Dolls" war sehr märchenhaft, "Re-Animator" sehr comichaft, beides tolle Filme, also bitte nicht falsch verstehen, aber ohne glaubhafte Figuren versehen und in eine Welt verfrachtet, in der man nicht nach Realitätsbezug fragt. „Dagon" ist nicht seine erste Verfilmung nach Vorlagen von H.P. Lovecraft, und in wie weit der hier besprochene Streifen dieser gerecht wird, kann ich nicht beurteilen. Sollte sich der Film sehr von den Visionen Lovecrafts unterscheiden, sollte man als Kenner der Originalgeschichte der Verfilmung jedoch trotzdem eine unabhängige Chance geben, ist der Streifen doch phasenweise sehr originell.  Dennoch hätte das gelungene Drehbuch eine finanziell stärkere Umsetzung verdient gehabt. Schade dass er trotz aller Pluspunkte „nur“ ein B-Film ist.

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