Freitag, 30. November 2012

BIS NICHTS MEHR BLEIBT (2010 Nikolaus Stein von Kamienski)


Frank möchte vor Gericht erreichen, dass seiner Frau als Mitglied der Scientology das Sorgerecht ihres gemeinsamen Kindes entzogen wird. Das Problem ist, dass Frank selbst früher Mitglied dieser Sekte war und seine Frau erst durch ihn in die Scientology hineingeraten ist. Frank und seine Anwältin klären die Richterin über die Geschehnisse innerhalb der Sekte auf...


Die Nadel schwebt...

Rein vom Unterhaltungswert her besitzt „Bis nichts mehr bleibt“ einen guten Spannungsbogen. Diesen besitzt er, obwohl die TV-Herkunft sich nicht verbergen lässt. Das Problem ist einfach, dass die Schauspieler selbst leicht besser wirken als in der „Lindenstraße“. Selbst der von mir sehr geschätzte Schauspieler Kai Wiesinger wirkte enorm blass. Dass es auf TV-Niveau auch besser geht bewies „Delphinsommer“, ein Sektenfilm mit einer erfundenen Sekte, die sich an echten Glaubensgemeinschaften orientiert. Auch „Tatort“-Regisseur von Kamienski bewies mit „Die Konferenz“ dass er es besser kann.

Nun will „Bis nichts mehr bleibt“ auch nur in zweiter oder sogar dritter Reihe unterhalten. Hauptsächlich soll der Film, der während seiner Produktion als Kriminalfilm getarnt wurde, aufklären. Nun stellt sich die Frage ob er dies tut. Es ist allgemein bekannt, dass die Scientology eine gefährliche, menschenverachtende Vereinigung ist, die ihre Mitglieder ausbeutet und sie in den finanziellen Ruin schickt. Letzteres wird in von Kamiensiks Film nicht aufgegriffen, ansonsten spiegelt der Streifen dieses allgemeine Vorwissen erfolgreich wieder. Er entführt den Zuschauer in eine fremde Welt, in welcher Belanglosigkeiten zu Wichtigkeiten werden und umgekehrt. Was die Scientology ihren Mitgliedern verspricht bleibt eher ungenannt. Warum sie einen so enormen Sog der Abhängigkeit entfacht, weiß der Film dem Zuschauer auch nicht zu vermitteln. Letztendlich zeigt er interessant die Wirkung, die eine Mitgliedschaft in der Scientology erzeugt. Die Ursachen liegen aber meist brach, werden allenfalls angedeutet, manches Genannte kann von Laien dieses Themas nicht verstanden werden, da einiges nicht erklärt wird.

Dies betrifft auch das Vokabular. Nicht jeder Begriff, der innerhalb der Sekte zum allgemeinen Wortschatz gehört, wird dem Zuschauer erklärt. Bedenkt man dass das Leben in einer völlig eigenen Welt Teil der Fesselung dieser Sekte ist, könnte man dies für einen psychologischen Trick des Regisseurs halten, um zu verdeutlichen wie fremd die Welt innerhalb dieser Organisation ist. Es könnte einen kleinen Lichtschein auf die veränderte Wahrnehmung werfen, bzw. auf die Ursache dieser. Aber diese Chance verpasst der Film, der es wichtiger findet vom Kampf um die Tochter zu berichten, als über die Ursachen der Abhängigkeit dieser Sekte.

Rein von der Charakterzeichnung ist die Rolle des Frank, der mit diesem Namen bewusst als Jederman gekennzeichnet wird, dafür auch die falsche Person. Die Scientology suchte sich in den 80er Jahren meist leicht vermögende Menschen, z.B. selbstständige Kaufleute. Dies waren häufig Menschen, die ihren Intellekt untersättigt sahen und größere Herausforderungen suchten. Es waren auch Menschen die in ihrem Tun effektiver sein wollten. Dieser Aspekt taucht im Film auf, steht nur die Frage im Raum worin Frank effektiver sein möchte. Er ist Taxifahrer, studiert und ist ein guter Vater. Welches Tun wollte er intensivieren?

Mag sein dass hier die Laufzeit von gerade mal 90 Minuten dem Film einen Streich spielt. Aber um zu begreifen was an der Sekte so gefährlich ist, hätte man solche Punkte näher angehen sollen. Die Gründe warum Frank sein Studium abbricht werden nicht vertieft. Die Ausbeuterei, wenn man innerhalb der Sekte erst einmal einen Job annimmt, kommt nicht deutlich herüber. Nicht einmal die Extreme der Wiederholungen innerhalb des gehirnwaschenden Auditing wird richtig aufgegriffen. Hierbei handelt es sich um jenen Prozess, der deshalb so gefährlich ist, weil das Ergebnis, die geistige Abstumpfung von Erinnerungen, die einst Gefühle hervorriefen, als positiv betrachtet wird. Fühlst Du nicht mehr, bist Du gereinigt, und das Leben kann durch Dein Unterbewusstsein nicht mehr geschadet werden.

„Bis nichts mehr bleibt“ zeigt dem Laien schon interessante Einblicke, ich will den Film nicht schlechter machen als er ist. Gerade im Bereich der Kindererziehung zeigt er deutlich die Missstände innerhalb der Organisation auf. Die Art wie die Sektenmitglieder im Gespräch äußerlich wirken wird gut eingefangen. Leider wird ihre strenge Art auch im Klischee der strengen Frisuren verdeutlicht, ein etwas billiger psychologischer Trick, der im Widerspruch zur Frisur von Frank steht.

Warum man überhaupt so gefühlskalt und sachlich wird, berichtet der Film jedoch auch nicht. Scientology redet seinen Mitgliedern nämlich ein bessere Menschen zu werden. Fortgeschrittene Wesen, die über dem normalen Menschsein stehen. Deswegen kann man im x-ten Schritt der Gehirnwäsche sogar soweit gehen, Verträge über mehrere Millionen Jahre abzuschließen. Denn der Mensch ist ein Geistwesen, das seinen Körper nach dem Tod wechselt. Die Realität verschwindet schrittweise. Erst lernst Du ein tolles Vokabular, dann schulst Du Deine Wahrnehmung, was meist mit verkaufstechnischen Psychotricks beginnt, bis Du Schritt für Schritt irgendwann soweit bist, an etwas völlig Lächerliches zu glauben, das man im ersten Schritt so nie geschluckt hätte.

„Bis nichts mehr bleibt“ ist ein Titel den man nicht finanziell betrachten muss. Frank verliert Frau, Kind, Selbstachtung, Studium und manch anderes. Aber gerade der finanzielle Ruin, in den Scientology viele seiner Mitglieder treibt, ist kein Bestandteil des Films. Die Ausbeute der innerorganisatorischen Arbeit wird nur kurz angesprochen. Das verlieren körperlicher Kräfte, ein Faktor der es schwer macht Schulden nachzukommen, taucht nur kurz auf, in dem man einem Körperbereinigungsvorgang in einer Sauna beiwohnen darf, ohne dass erklärt wird für was der angeblich gut sein soll, wie er in etwa aufgebaut ist und warum er körperlich schädlich ist.

Interessant fand ich den Einblick in die Umerziehungsanstalt, den man ruhig auch hätte vertiefen können. Mag sein dass diesbezüglich aber auch die weiteren Informationen gefehlt haben, um daran authentisch weiterzuarbeiten. Die Seaorg, die Scientology-Elite, zu vertiefen, hätte wahrscheinlich komplett den Rahmen gesprengt, wäre an sich auch ein Aspekt gewesen, der mich sehr interessiert hätte.

Was aber in jedem Fall hätte aufgegriffen werden müssen, wäre die Theorie der Scientology gewesen, darüber was für ein Wesen der Mensch ist und in welchen Schritten er sein geistiges Ziel erreichen kann. Das ist der Punkt auf dem alles aufbaut, und das ist der Punkt, warum gerade Menschen mit Drang zum Intellektuellen häufig Opfer der Sekte werden.

Dass finanziell und sachlich in der Scientology ewig gedrängelt wird, weil die Welt bald nicht mehr zu retten ist, findet auch bloß eine halbe Nennung in einem halben Satz. Stattdessen provoziert der Film recht billig mit seiner „Unser Ziel ist es, dass ganz Deutschland clean wird“-Rede, welche die Scientology bewusst dem Nationalsozialismus gegenübergestellt wird. So etwas wirkt billig, da reißerisch, mag wahr sein, aber diesem Vergleich müsste sich selbst die katholische Kirche stellen.

Um es kurz zu machen: „Bis nichts mehr bleibt“ ist ein interessanter, sehr authentischer Film, der leider nur an der Oberfläche kratzt und sich eher um den Soapgehalt, sprich den Kampf um das Sorgerecht, kümmert. Gezeigt wird viel Wirkung und kaum Ursache, umgesetzt mit Schauspielern, die ihre Arbeit nicht gut erledigen. Wer sich mit dem Thema Sekte überzeugender befassen möchte, der sollte zu dem TV-Film „Delphinsommer“ greifen, der psychologisch sehr clever angegangen wurde. Wer sich speziell für Scientology interessiert, dem sei das Buch „Scientology - Ich suchte das Licht und fand die Dunkelheit“ von Jutta Elsässer empfohlen. Dieses Buch ist der Erfahrungsbericht einer ehemaligen Scientologin, in welchem eben jene Dinge vertieft werden, die ich im Film vermisst habe.

„Bis nichts mehr bleibt“ hätte ich eine 3 Stunden-Verfilmung gewünscht. Dann hätte man in den ersten 90 Minuten vertiefen können was mir fehlte und in der zweiten das erzählen können, was der Film ja nun auch erzählt hat. Für einen Film, der aufklären will, ist das Ergebnis jedoch recht mager ausgefallen. 


OFDb

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