Freitag, 7. Dezember 2012

SHOCK TREATMENT (1981 Jim Sharman)


Das Ehepaar Brad und Janet besichtigt ein Fernsehstudio, in dem merkwürdige Dinge vor sich gehen...


Furter Ade...

Viele wissen nichts von der Existenz einer Fortsetzung der „Rocky Horror Picture Show“, die bereits Anfang der 80er gedreht wurde und auch in deutschen Kinos zu bestaunen war. Ich bin kein fanatischer Bewunderer des Originals, weiß seine Klasse aber zu schätzen und habe ihn auch schon recht oft gesehen. Den Soundtrack kannte ich bereits vor meiner ersten Sichtung, eine Filmmusik, die im Gegensatz zu vielen anderen Musicals, auch ohne Kenntnisse des Gesehenen zu packen weiß.

„Shock Treatment“, der im Titel unbenannte Teil 2 des besagten Kultfilmes, floppte. Das VHS-Tape habe ich nie auftreiben können, im Fernsehen lief er meines Wissens noch nie (zumindest nicht seit ich mich für den Film interessiere), und so geriet die Fortsetzung zumindest in Deutschland in Vergessenheit. Erst auf einem Wühltisch für Billig-DVDs entdeckte ich das von mir so heiß begehrte Produkt plötzlich.

Teil 2 ist ebenfalls ein Musical und wieder nur auf englisch mit deutschem Untertitel zu bewundern. Dieser ist auch sinniger als der auf der DVD zu Teil 1, zumindest auf jener, die nur den Untertitel in deutsch für Hörgeschädigte mitlieferte. Selten sah ich einen so Sinn-entfremdeten Untertitel wie dort. Was war ich erleichtert, dass es bei „Shock Treatment“ nicht der Fall war. Nach Sichtung des Streifens wäre es aber auch egal gewesen.

Wenn so ziemlich gar keiner von der Fortsetzung spricht und wenn dann meist mit abwertenden Worten, dann schraubt man seine Erwartungen zurück. Ein Großteil der Bewunderer des Originals sind Fanatiker. Diese haben häufig eine Tunnelblick-Vorstellung wie eine Fortsetzung ihres Lieblings auszusehen hätte, deswegen machte ich mir noch Hoffnung, dass Teil 2, der ja nun auch eine völlig andere Geschichte verfolgt, vielleicht auf völlig anderer Ebene funktioniert, vielleicht nicht so gut wie sein großer Bruder, aber eventuell dennoch brauchbar. Man kann also nicht behaupten, dass ich mich voller Enthusiasmus auf die Fortsetzung stürzte. Im Gegenteil, es dauerte sogar Monate, bis ich mich endlich mal mit sehr wenigen Erwartungen an das Teil heranwagte.

Dem Fan mag negativ auffallen, dass weder Tim Curry noch Susan Sarandon, Meat Loaf und Barry Bostwick mitwirken. Dafür tauchen so ziemlich alle anderen wichtigen Schauspieler des Erstlings wieder auf. Auch die Produzenten waren die selben und wohl mit das wichtigste: Die Musik stammte auch wieder aus der selben Feder. Entwarnend kann ich berichten, dass sich die Neubesetzung von Brad und Janet sehen lassen kann, auch wenn man mit ihnen nicht so warm wird wie mit den Originalen.

Brad wurde gespielt von Cliff DeYoung, einem Schauspieler der ein unauffälliges Dasein in B-Movies führt und mit nichts bisher wirklich auffiel. Ich gucke ihn allerdings recht gern. Seine schönsten Rollen hat er meiner Meinung nach im Pilotfilm zur Serie von „RoboCop“ und in der Rolle eines Familienvaters in der Teenie-Komödie „Crazy Love – Liebe schwarz auf weiß“.

Janet wurde eine Spur besser besetzt. Sie wird gespielt von der durch „Das Phantom im Paradies“ musicalerfahrenen Jessica Harper, die ohnehin mehr mit dem Bereich Musik zu tun haben scheint, als durch bloße Schauspielerei. Immerhin wurde sie für die Hauptrolle in „Suspiria“ gecastet, in dem sie ihr Tanztalent beweisen musste. Wie sie zum Film kam und was sie zuvor (garantiert in diesem Bereich) machte, weiß ich allerdings nicht.

Man sollte meinen eine Neubesetzung würde negativ auffallen, während alte Gesichter glänzen. Dem war aber nicht so. Wie gesagt, der neue Hauptrollencast war geglückt (DeYoung wurde sogar mit einer Doppelrolle gesegnet), aber von den alten Gesichtern weiß nur der Erzähler aus Teil 1 zu überzeugen und selbst das nur halb inmitten von schlechter Umsetzung. Der Rest hopst herum, versucht dabei wieder interessant skurril zu wirken, leichte Homoerotik zu verstreuen und einfach kultig zu wirken. Richard O’Brien, die Rolle des Riff Raff im Original und Komponist der dort unvergessenen Stücke, fällt in Sachen peinliches Schauspiel am meisten auf und versucht kläglich sich laufend in den Mittelpunkt zu spielen, was selbst die talentierte Jessica Harper und die gut gespielte Rolle eines blinden Showmasters kaum zu verhindern wissen.

O´Brien weiß nicht nur schauspielerisch zu enttäuschen. Es ist auch kaum zu glauben, dass die Musik vom selben Komponisten stammen soll, wie die zeitlosen Songs des Originals. Zunächst einmal fällt auf, dass die Musik diesmal in seiner Zeit hängen bleibt und veraltet wirkt. Es tauchen typische Discolieder ebenso auf wie flotter Pop und Country. Jedem Lied fehlt allerdings der individuelle Touch. Da ist durchaus mal ein brauchbares Lied dabei, halt der typische Song für zwischendurch, aber selbst die im Vergleich besseren Musikstücke sind maximal als Routine einzustufen. Damit fehlt „The Brad And Janet Show“ (Alternativtitel) die wichtigste Komponente für ein wirksames Musical. Da die Musik zumindest nicht penetrant nervt, könnte theoretisch gesehen das Produkt an sich immer noch schlichtweg als Film wirken. Aber auch da muss ich mit dem Kopf schütteln (und das nicht aus Rhythmusgründen).

Die Geschichte ist gerade heraus gesagt schlecht. Dabei sind gute bis geniale Ansätze durchaus vorhanden. Die Grundidee selbst weiß zu gefallen. Thematisch wird das US-Fernsehen seiner Zeit parodiert. Allerdings nicht aus der einseitigen Programmsicht-Perspektive wie im geglückten „The Kentucky Fried Movie“, sondern zusätzlich auch die Wirkung des gehirngewaschenen Publikum beachtend. Da sind jede Menge Satiremöglichkeiten gegeben.

Man muss bedenken, dass das amerikanische Fernsehen dem deutschen in Sachen Plumpheit im groben 10 Jahre voraus ist. Allein diese Tatsache wäre seinerzeit im Kino wohl Grund genug gewesen, warum die Fortsetzung in deutschen Kinos floppte. Was in „Shock Treatment“ gezeigt wurde, kannte der Zuschauer unseres Landes nicht. Klar gab es Gameshows, die damals schon auf schlichterer Ebene das Publikum verstrahlten, die Extreme eines Fernsehprogramms, wie es in „Shock Treatment“ präsentiert wurde, kannte man allerdings nicht. So mag manch einer das Gezeigte als zu übertrieben umgesetztes Mittel gesehen haben, um die Fernsehlandschaft zu verarschen. Aber so fern war die Satire von der Realität in Wirklichkeit gar nicht entfernt.

Die Bilder sind ununterbrochen quietschbunt, die Atmosphäre überdreht, die Programmgestalter manipulierend und von ihrer Sache nur nach außen hin überzeugt. Das Publikum ist der völligen Gehirnamputation nah. Das Rezept klingt für eine Satire durchaus verlockend und hat auch in der deutschen Produktion „Im Himmel ist die Hölle los“ wunderbar funktioniert. Mit einigen Elementen spielte später auch „Edward mit den Scherenhänden“ erfolgreich, ohne dabei direkt das TV zu parodieren. Aber in „Shock Treatment“ will die Rechnung nicht aufgehen.

Der Zuschauer wird ins kalte Wasser geschuppst, in eine Story, in der sich trotz ständiger Nichtigkeiten nur schwer zurechtzufinden ist. Die einzelnen TV-Sendungen werden als komplett miteinander verbundene Stadt präsentiert, begleitet von einem aktiv teilnehmenden Publikum, das allerdings ähnlich dem Theater immer an der gleichen Stelle sitzt. Warum Brad und Janet dort hineingeraten und warum sie das alles mitmachen und Janet so leicht zu manipulieren ist, wird nie deutlich herausgearbeitet. Was man sieht muss man akzeptieren.

Brad und Janet erleben ein neues Abenteuer, das ist o.k. Ich benötige für eine brauchbare Fortsetzung keine Alienrückkehrer. Ich brauche keine dichte Verknüpfung zum Original in einer so quietschbunten Comicwelt beider Filme. Aber ich benötige etwas mehr Übersicht und eine bessere Erzählweise. Das ganze Wirrwarr, welches mir mit diesem Film vor die Nase gesetzt wurde, war einfach nur billig, nervig und provokativ darauf aus Kult zu werden. Bei mir hat es nicht gezündet, im Gegenteil, bis auf einige gute Absichten weiß ich nichts tolles in diesem missglückten Sequel zu erkennen.

Eine gute Absicht möchte ich allerdings lobend hervorheben. Für einen Film, der Anfang der 80er erschien, ist es überraschend zu erkennen, wie bewundernswert bereits hier die fragwürdige Haltung einer politisch korrekten Gesellschaft kritisiert wird. Der erste Bühnensong ziemlich zu Beginn ist inhaltlicher Höhepunkt des kompletten Filmes, leider präsentiert in einem unterdurchschnittlich komponierten Lied. Das ist sehr schade, und wie die Zeit zeigte auch sehr wirkungslos. Das Fernsehen ist verstrahlter denn je, wusste sich in seiner Art auch in anderen Ländern, wie dem unseren, zu vermehren, und die Gehirnwäsche, so weit sie sich bis heute zurückverfolgen lässt, feierte traurigen Erfolg mit dem Heranzüchten einer gleichgeschalteten, politisch korrekten Gesellschaft, in der niemand mehr wirklich individuell sein darf.

Zum Glück macht nicht jeder mit, die wichtigsten Institutionen der Gesellschaft allerdings sehr wohl. Und genau da irrt der drohende Zeigefinger von „Shock Treatment“, der das Publikum zum Zentrum des Wahnsinns macht. Das öffentliche Interesse am Fernsehen sinkt in Deutschland, das denkfaule Publikum ist längst nicht mehr die Masse. Aber Politik und Wirtschaft kooperieren mit den Medien um dieses Zielpublikum zu erreichen, während die große Masse schweigt. Kommt uns geschichtlich gesehen bekannt vor? Oh ja!

Für seine Zeit gesehen bewies „Shock Treatment“ immerhin Weitsicht, mehr als der etwas themenverwandte „Die unglaubliche Geschichte der Mrs. K“. So lobenswert der Aufklärungsversuch auch ist, er schafft es damit leider nicht dieses enttäuschende Stück Irrsinn auf ein höheres Niveau zu heben.


Trailer,   OFDb

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