Montag, 3. Dezember 2012

SIE LEBEN! (They Live 1988 John Carpenter)


Bauarbeiter John Nada gerät an eine Sonnenbrille, mit der er eine Hypnose durchbrechen kann, die Außerirdische auf der Erde anwenden. Jegliche Medien enthalten versteckte Botschaften, und nicht jeder Mensch ist auch wirklich ein solcher...


Finanzverbrecher als Aliens...

"Sie leben!" hatte ein grundlegendes Problem: er kam in den 80er Jahren heraus. Eine Zeit in die er rein thematisch nicht besser hätte reinpassen können, leider aber auch eine Zeit, in welcher der typische Popkornfilm die 90-Minuten-Grenze nur selten überschreiten durfte. Natürlich gab es schon seit langer Zeit die immer häufiger auftretenden Ausnahmen der 2-Stunden-Filme, aber scheinbar wollten die Produzenten von "Sie leben!" diesen Science Fiction-Horror nicht zu einer solchen Ausnahme machen. Das Bild des einstigen Regie-Wunderkindes John Carpenter bröckelte bereits, und so war es vielleicht auch ein Kostengrund sich für die kurze Laufzeit zu entscheiden. Schade! Denn genau das macht den Film ein wenig kaputt.

Man erlebt es recht häufig, dass ein Film in seiner ersten Stunde hervorragende Arbeit leistet und dann in der finalen halben Stunde enttäuscht. Die erste Stunde von „Sie leben!“ lässt sich für Charaktere, Geschichte und auch dem Aufbau der sehr trockenen Atmosphäre so viel Zeit, dass am Ende alles ganz schnell gehen muss, um das ganze noch irgendwie in ein 90-Minuten-Paket gepackt zu bekommen.

Es gibt nur wenige Filme denen ich geradezu eine Neuverfilmung wünsche, und dieses späte 80er Jahre-Werk Carpenters gehört dazu, vorrausgesetzt man würde es schaffen, ihn auf diese wunderbare Art zu erzählen wie die erste Stunde des Originals. Zeitlich würde er thematisch ebenfalls noch passen, da die Gesellschaftskritik aus den 80er Jahren noch immer aktuell ist, sich die Lage in den betroffenen Ländern diesbezüglich sogar noch verschlimmert hat.

Die Gesellschaftskritik wurde selten so unübersehbar in einem solchen Film eingebracht und relativ plump aufgedrückt wie hier. Konnte man bei „Planet der Affen“ noch darüber diskutieren ob der Affe für den schwarzen Amerikaner steht, so erkennt in „Sie leben!“ nun jeder, dass das die Menschheit zerstörende Alien für den Kapitalisten steht, der den Weg der schnellen Mark nutzt. Aber das kann man Carpenter verzeihen, macht er doch sonst zunächst alles richtig.

Die Musik untermalt wieder angenehm trocken die dazu passende Atmosphäre. Der Hauptdarsteller ähnelt vom Typ Kurt Russell, so dass man vermuten könnte, dass Carpenter Russell, der ihm bei "Die Klapperschlange" und "Das Ding aus einer anderen Welt" zur Verfügung stand, für die Rolle nicht kriegen konnte.

Der Weg zum Entdecken der Aliens ist der Haupttrumpf: eine Sonnenbrille, welche die Macht der Hypnose umgeht. Die beste Szene des Films ist ohne Frage das Entdecken der Welt hinter der Hypnose. Die Außerirdischen sind simpel aber sehr effektiv umgesetzt. Die Botschaften werden in der deutschen Fassung mit einer hervorragenden Off-Hypnosestimme ausgesprochen und sind in Schriftform so steril wie das Yuppiedasein auf weißem klaren Hintergrund abgedruckt. Selbstverständlich werden diese Suggestionen kurz gehalten, damit sie sich um so besser in die Hirne der Opfer einbrennen können.

Eine der am wenig gemochtesten Szenen ist dann jene, in welcher der Hauptdarsteller seinen schwarzen Kumpel in das Geheimnis einweihen will. Da dieser ihm nicht zuhören will, beginnt eine Prügelei, die auf dem ersten Blick kein Ende nehmen will. Das ist den meisten zu langweilig und zu unnötig, aber Carpenter beweist auch hier seine Konsequenz und lässt die beiden so in Echtzeit prügeln, wie man es sich in einer realen Situation bei zwei solchen Haudegen mit unterschiedlichen Standpunkten auch vorstellen kann. Somit steht genau diese Szene im direktesten Widerspruch zur finalen halben Stunde, in der dann alles schnell, schnell, schnell gehen muss.

Der Weg in den Untergrund, nun vereint mit einem Partner, ist ebenfalls nett erzählt. Gerade der Kampf des Widerstandes hätte nun viele Möglichkeiten geboten und kommt etwas zu kurz. Das Entdecken des Ausstrahlungs-Ortes der Haupthypnose gelingt arg flink, und der Weg zum Ziel ist zwar steinig, aber für ein Filmfinale wiederum kaum der Rede wert.

Meines Erachtens hätte man sich auch die weibliche Rolle sparen können. Wenn man sieht auf welche Art sich Hauptperson und Frauenrolle begegnen, hat man ohnehin zunächst ein Déja Vu, zumindest wenn man den herrlich grottigen "Phantomkommando" oder den kurzweiligen "Running Man" kennt. Auch die Besetzung dieser wichtigsten weiblichen Rolle ist schlecht. Rein mimisch wirkt sie viel zu schnell böse, was dieÜberraschung sie betreffend am Schluss noch vorhersehbarer macht als ohnehin schon. Denn bis auf diese Überraschung führt die Begegnung mit ihr zu nichts hin, was unser Held nicht bereits mit seinem Kumpel erfahren durfte.

Wenigstens die Schlusspointe kann wieder überzeugen. Nun wäre eine wundervolle Grundlage gegeben für eine Fortsetzung. Da hätten wir dann zwar die typische "Alieninvasion wird aufgedeckt"-Story auf der einen Seite, aber dank der Positionierung der Außerirdischen innerhalb unserer Gesellschaft wäre das Weitererzählen dieser Geschichte auch ein etwas komplizierteres Unterfangen. Da müsste schon wer Talentiertes dran schreiben um nicht in die Routine abzurutschen. Zumindest ist der Schluss der Geschichte schön gesetzt, so dass nun der Phantasie des Zuschauers keine Grenzen gesetzt ist, auf welche Art es nun weiter gehen könnte.

Ach würde in der letzten halben Stunde doch bloß nicht die so dichte, trockene Atmosphäre verduften, die das Fast-Western-Feeling in diesem Science Fiction-Werk ausgemacht hat. Im letzten Drittel erfährt der Film etwas, das auch unsere Hauptrolle erfahren muss: die Macht und die Konsequenz des Kapitalismus. Ein 90-Minuten-Film ist kostengünstiger und kann damit auch mehr Gewinn einbringen. Auf eine traurige Art passt das ruppige Drittel dann tatsächlich thematisch zum Film, aber das wird Carpenter wohl kaum gewollt haben. Wer würde sein eigenes Werk freiwillig opfern, um auf so unkonventionelle Art eine Aussage zu tätigen, die eh kaum wer entdecken würde? Das würde ich nicht mal Kubrick zutrauen.

Carpenter hätte mit diesem Film seinen angeknacksten Ruf wieder herstellen können. Die erste Stunde ist atmosphärisch, gut erzählt, hat Inhalt und entführt den Zuschauer in eine Welt, die er nicht kannte, handelnd von einem Problem, das er sehr wohl kennt. Leider hat sich der Ruf Carpenters nie wieder aufrappeln können, selbst nach so tollen Filmen wie "Vampire" und "Die Mächte des Wahnsinns". Schlechte Filme wie "Die Fürsten der Dunkelheit", "Ghosts Of Mars" oder halbgare Sachen wie "Sie leben!" tragen Schuld daran. "Sie leben!" hätte ein großer Film werden können, wenn man ihn die 120 Minuten oder mehr beschert hätte, die anderen Werken die Möglichkeit gaben so groß und namhaft zu werden.


Trailer,   OFDb

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