Sonntag, 2. Dezember 2012

WICKER MAN - RITUAL DES BÖSEN (The Wicker Man 2006 Neil LaBute)


Polizist Edward Malis hat gerade erst ein traumatisches Erlebnis hinter sich und pausiert deshalb seinen Dienst, da kontaktiert ihn seine ehemalige Verlobte Willow. Diese lebt nun auf einer Insel, die von einer Sekte bevölkert wird. Ihr Kind ist verschwunden, Edward ist der einzige Mensch dem sie traut, und da das Kind alleine die Insel nicht verlassen haben kann, glaubt sie jemand aus der Kultgemeinde steckt dahinter. Trotz gemischter Gefühle macht sich Edward auf den Weg zur abgelegenen Insel um seiner Ex zu helfen, aber auch weil er sich längst fällige private Antworten erhofft. Bei seinen Ermittlungen stößt Edward auf ein verschwiegenes Volk innerhalb einer Kultur die ihm fremd ist und die er nicht versteht. Angeblich soll eine Tochter von Willow nie existiert haben...


The Last Zivilist On Island...

Dass Nicolas Cage ein talentierter Mime ist, weiß man nicht erst seit „Leaving Las Vegas“. Bereits in recht frühen Filmen wie „Vampire's Kiss“ wusste mich der Neffe des Regisseurs Francis Ford Coppola zu überzeugen. Nun hat er viele Jahre keinen Hit mehr landen können, schade dass Werke wie „Ghost Rider“ und „Das Vermächtnis der Tempelritter“ von der Filmgemeinde so zwiegespalten aufgenommen wurden.

Es mag also an der momentanen Erfolglosigkeit trotz Starruhm liegen, dass Cage mit „Wicker Man“ an einem Remake zu einem Film aus den 70er Jahren teilgenommen hat. Remakes und Fortsetzungen erfreuen sich meist finanzieller Erfolge im Kino. Mag es nun Zufall oder eine Verzweiflungstat gewesen sein, besagte Neuverfilmung war keine gute Wahl endlich wieder einen Hit zu landen. Das ist schade, weiß er auf psychologischer Ebene doch in einigen Punkten zu gefallen.

Zumindest vermute ich das. Mir ist das Original nicht bekannt, und so kann es natürlich sein, dass manch cleveres zwischen den Zeilen nur Wiedergekauertes aus der ersten Verfilmung ist, vielleicht sogar zufällig, ohne es bemerkt zu haben. Ich als Unwissender des ersten Teils, kann in meiner Besprechung also nur von dem ausgehen, was ich mit der 2006er-Version von „Wicker Man“ gesehen habe.

In erster Linie fielen mir deutliche Parallelen zu „Der Omega-Mann“ auf, denn es ist unübersehbar, dass in beiden Filmen Menschen der uns bekannten Kultur sich in einer fremden befinden, ihre jedoch für die richtige halten und die andere Kultur bekämpfen. Das mag man aus unserer Perspektive vielleicht nachvollziehen können, sind Rituale wie jene in „Wicker Man“ gegen unsere Grundideale von leben und leben lassen, dennoch muss man bedenken dass beide nicht bemerken, dass ihre Einstellung an diesem Ort wo sie sich befinden, nicht von Belang ist.

In „Der Omega-Mann“ war Charlton Heston der letzte Verfechter der Menschheit, hier in „Wicker Man“ sieht sich die Rolle von Cage wegen ihrer beruflichen Position als Polizist dazu verpflichtet das ihr bekannte Recht und die ihr bekannte Ordnung wiederherzustellen. Dabei gehört es auf diese Insel nicht hin. Diese Insel hat ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten und ihre eigenen Rituale. Wenn Edward Malis wie ein Elefant durch den Porzellanladen stolziert, bestätigt er die Glaubensgemeinde lediglich in ihrem Tun. Damit arbeitet er gegen sich selbst, könnte er auf andere Artmanchen Mensch doch vielleicht sogar von seiner Sicht der Dinge überzeugen.

Doch dafür müsste Malis über den eigenen Tellerrand schauen müssen, und dieses Talent besitzt er nicht. Seine Engstirnigkeit hat nichts mit der Hilfesituation der Exfreundin zu tun und dem darauf aufbauenden Misstrauen der Gemeinde gegenüber. Malis Charakter lebt für Gesetz und Ordnung, er ist Polizist und damit überzeugt, dass die Regeln der Kultur, aus der er stammt, auch die richtigen sind und im groben nicht hinterfragt werden müssen. Nur so kann man guten Gewissens Polizist werden.

Da ändert auch der sympathische Charakter nichts dran. Dass Malis einem Kind seine Puppe zurück gibt und verständnisvoll mit einem Verkehrssünder umgeht, zeigt seine guten Seiten. Diese werden für die Geschichte jedoch nur benötigt, damit die Reise zur Insel nicht völlig sinnlos erscheint. Wer würde ein solches Abenteuer für eine Ex-Freundin aufnehmen, die einen ohne klärende Worte schlichtweg vor der Hochzeit verlassen hat?

Malis ist einer dieser wenigen Männer, der seine Pflicht darin sieht einer Frau in Not zu helfen, und mögen private Probleme dabei noch so im Raum stehen. Dass auch ein gewisses persönliches Interesse im Wiedersehen der Ex-Verlobten vorhanden ist, dürfte klar sein. Unbeantwortete Fragen fressen einen von innen auf. Malis möchte längst fällige Informationen erhalten. Für diesen Drang muss man nicht erst Polizist sein.

Statt Antworten erhält Malis jedoch nur weitere Rätsel. Seine Ex hüllt sich in Schweigen und beliefert ihn mit dünnen Antworten, die eigentlich keine sind. Die Reaktion der Rolle Cages darauf verärgert den Zuschauer. Viel zu spät greift er sich Willow um Tacheles zu reden. Viel zu lange spielt er ihr Spiel mit, stolpert über die Insel und verhält sich kaum wie ein Polizist. Die Autorität dieses Berufes lässt er aufblitzen, sein Verantwortungsbewusstsein zeigt er überdeutlich, was spätestens die Argumentation der Sekten-Anführerin zeigt, die den Mann darauf aufmerksam macht, dass die Insel einem anderen Bezirk Amerikas angehört, als jenen für den Malis arbeitet.

Und doch: er stellt zu wenige und die falschen Fragen, das macht seine Rolle ein wenig unglaubwürdig und den Zuschauer wie erwähnt wütend. Empfindet der das Nichtfragen doch als Langstrecken des Filmes, und da in all dem Umherstolpern über die Insel nie ein Spannungsgehalt aufgebaut wird, bleibt ein interessantes Rätsel in uninteressanter Atmosphäre. Das System, mit welchem man die Geschichte erzählt, lässt einen außerdem zu früh erahnen was das ganze soll. Mindestens 30 Minuten vor der aufklärenden Schlusspointe sollte beim Zuschauer der Groschen gefallen sein. Zu vieles deutete darauf hin, nur so machte das viele Schweigen und Hinhalten für den Geschichtenerzähler Sinn.

Das Finale mag hart wirken, wenn man sieht wie die Gemeinde auf die Pointe reagiert. Allerdings ist Malis ein Fremdkörper in ihrer Kultur, und ein ignoranter noch dazu. Die Sekte benötigt diesen Fremdkörper nicht, kann sich nicht mit ihm freuen und nicht mit ihm um sein Leiden trauern. Da kann man ihnen keinen Vorwurf draus machen, funktioniert unsere Kultur doch ebenso. Erst in ihrem Wohlstand, den sie nun über mehrere Generationen erreicht hat, beginnen wir langsam uns auch für das Schicksal unserer Opfer zu interessieren. Erst jetzt beginnen wir zu hinterfragen wie es den Näherinnen im Ausland geht, die uns die Discount-Hose näht. Die Inselgemeinde aus „Wicker Man“ ist noch gar nicht im Stande dies zu leisten, ist ihre Kultur in diesem Punkt doch nicht fortgeschritten genug.

Trügerisch könnte man meinen, sie sei es dafür in der Emanzipation, aber auch das ist nicht richtig. Der Mann ist auf der Insel nicht emanzipiert, er wird nur geduldet. Freiheit, Mündigkeit und Eigenständigkeit der freien Frauen dieser Glaubensgemeinde sind lediglich das Ergebnis von Ignoranz und Hass. Die Gründer dieser Kultur begingen die selben Fehler wie jene, von deren Würgegriff sie sich befreiten. Das täuscht Fortschritt vor, bringt einen jedoch viel mehr zu der Frage, ob solche Menschen überhaupt das Zeug haben für mündig erklärt zu werden. Glauben vor denken, der typische Zustand einer Sekte und Religion.

„Wicker Man“ will nicht funktionieren. Trotz mancher Tiefgründigkeit ist er kein intelligenter Film. Das zeigt bereits schon seine dick aufgetragene Symbolsetzung, welche die Inselgemeinschaft mit einem Bienenstaat gleichsetzt. Und wenn man glaubt es ist schon deutlich genug, dann darf noch das Wabenmuster auf den Feldern aus der Vogelperspektive hinzustoßen.

An Cage liegt das schlechte Ergebnis nicht. Der reißt sich für seine Rolle zwar kein Bein aus, aber er ist wegen seines treuen Dackelblickes prima besetzt, der ihn schon zur richtigen Wahl für „Stadt der Engel“ und „Peggy Sue hat geheiratet“ machte. „Wicker Man“ hätte ein interessanter Stoff werden können, aber tiefe Momente werden eher gestreift statt weiterverfolgt, und letztendlich war Regisseur Neil LaBute das Geheimnis der Gemeinde und damit die Pointe wesentlich wichtiger als der Weg dahin.

„Wicker Man“ besteht aus Hinhalten ohne Spannungsbogen gepaart mit dem Verhalten des Protagonisten, das Zorn im Zuschauer entstehen lässt, weil er einfach nicht genügend richtige Fragen stellt und zu spät auf den Tisch haut. Da nutzen auch so kleine Kniffe nichts mehr, den Zuschauer mit einem einleitenden Schicksalsschlag Malis ein wenig in die Irre zu führen. Selbst diese Anfangssituation hinterlässt den Eindruck, sie wäre im nachhinein doch nur dafür da gewesen, als Ausrede zu dienen, warum Malis so viel Freizeit besitzt um privat ermitteln zu können. Wer weiß, vielleicht ist das psychologische Verwirrspiel des Eingangsschicksals in Kombination mit Malis Ermittlungen auch nur das Ergebnis von Zufall und von der Regie nie so gewollt. 


Trailer,   OFDb

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