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Mittwoch, 24. Juni 2015

DER ROTE RAUSCH (1962 Wolfgang Schleif)


Josef Stief bricht aus einer Nervenheilanstalt aus. Er hat vier Frauen getötet, erinnert sich jedoch nicht daran und glaubt unschuldig festgehalten worden zu sein. Da man ihn für einen Flüchtling von dort drüben hinter der Grenze hält, wird er von einer Gruppe Landarbeiter aufgenommen. Man gibt ihm Kleider, Nahrung und Arbeit. Aber sowohl die polizeilische Fahndung als auch Josefs Geisteszustand stehen einem Happy End im Weg...


Das Feuer im Schilf...

„Der rote Rausch“ ist ein sensibles Psycho-Drama, welches darum bemüht ist beim Zuschauer Empathie für einen geisteskranken Frauenmörder entstehen zu lassen. Hierfür greift man zunächst auf einen ähnlichen Kniff wie beim späteren „Boy A“ zurück: man weiß aufgrund der Flucht aus der Anstalt dass Josef etwas getan hat, lernt ihn zunächst jedoch rein als Menschen kennen, um erst später zu erfahren was er tatsächlich verbrochen hat. Wir lernen Josef als Opfer kennen, als einen Menschen der niemandem trauen kann. Und erfahren wir erst einmal was mit ihm in der Psychatrie geschah, einer Institution die nicht unnötig, wie sonst gerne im Filmbereich, dämonisiert wird, sondern als Ort des Humanismus begriffen wird, verstehen wir um so mehr wie es in Josef aussehen muss, der nicht nur die Morde betreffend über keine Erinnerung verfügt, sondern auch über seine Identität, was aufgrund des späten Begreifens beim Zuschauer diesbezüglich eine Zweitsichtung reizvoll macht.

Im Mittelpunkt steht der menschliche Faktor. Der Charakter des Josef wird ebenso vertieft wie seine Interaktion mit den ihm nahestehenden Menschen. Herzlich wird er nur von der Tochter seines Arbeitgebers aufgenommen, dem Rest ist der etwas wunderlich auf die Leute wirkende Mann ziemlich egal. Ändern tut sich das erst mit Bekanntwerden der Missetaten Josefs. Von da an verwandelt sich die Gruppe braver Arbeiter zum gedanken- und gefühlslos wütenden Mob, welcher das Recht auf seiner Seite sieht und zur Selbstjustiz bereit ist. Hintergrundkenntnisse haben sie keine, aber sie wissen was sie wollen. Es ist das alte traurige Lied emotional aufgeladender Halbwissender, das noch heute immer wieder ertönt. Der Mensch lernt nicht dazu.

Psychologisch gesehen ist der Film seiner Zeit weit voraus. Nicht nur das Innenleben Josefs wird verdeutlicht, auch nichtig scheinende Nebensächlichkeiten verdeutlichen ein Begreifen der Thematik. Auch die Tochter von Josefs Arbeitgeber wird nicht allein von ihrem Verständnis von Moral gelenkt. Dadurch dass Josef sich Martin nennt, welches auch der Name ihres verschollenen Ehemannes ist, steht auch sie unter dem Einfluss ihres Unterbewusstseins, was interessanter Weise im Nichtgesagten am deutlichsten wird, nämlich immer dann wenn Josef die gute Frau fragt warum sie so nett zu ihm ist, und die Dame schweigt. Sie ist sich ihrer Gefühle nicht bewusst und merkt erst so nach und nach dass sie sich in den neuen Martin verliebt hat. Aber ihre Bereitschaft zu vertrauen und zu helfen greift auf das Unbewusste zurück, welches den Gesunden ebenso beeinflusst wie den kranken. Schleif stellt die beiden Hauptpersonen diesbezüglich absichtlich gegenüber. Ein großer Kniff.

Wenn die wahre Identität Josefs auch der einzigen Frau bewusst wird, die ihn liebt, dann passiert nicht das was wir erwarten, denn die gute Frau kennt Josefs Seelenleben. Sie weiß dass er mehr ist als der Stempel den ihm die Gesellschaft aufdrücken möchte, und so kommt es gegen Ende zu einem ehrlichen Gespräch zwischen den beiden, in welchem Kinski nicht nur alle Register seines großen Könnens zieht, sondern auch ganz direkt, ohne Tarnung und Drumherumreden, ein Plädoyer für Menschlichkeit und Verständnis im Angesicht von Verbrechen vorgetragen wird, welches mich an Langs legendären „M - Eine Stadt sucht einen Mörder“ erinnert hat.

„Flucht ohne Wiederkehr“ (Alternativtitel) ist kein typischer Kriminalfilm seiner Zeit, man sollte ihn Aufgrund des Entstehungsjahres 1962 also nicht mit den Werken nach Edgar Wallace vergleichen. Der Kriminaltwist ist ohnehin Nebensache. Die Tragik, die Ethik und das Begreifen der Zusammenhänge steht im Mittelpunkt. Wir haben es hier mit einem waschechten Psycho-Drama zu tun, dessen Schwerpunkte auf den für das Massenpublikum langweiligen Bereichen der Geschichte setzt. Schleif, der Regisseur der Immenhof-Filme und diverser Streifen mit Freddy Quinn, umgeht alles Reißerische. Er setzt dort an wo Zwischenmenschliches im Zentrum steht. Und da er dabei jeglichen Quantitäten keine Chance gibt, braucht es nicht verwundern dass „Das Geheimnis des roten Baumstammes“ (Alternativtitel) seinerzeit beim Publikum durchfiel. Ob im Mob oder vor der Leinwand, die große Masse orientiert sich immer nur am Geistlosen. Egal wie aufgeklärt eine Gesellschaft auch zu sein scheint.


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