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Sonntag, 9. April 2017

DIE STADT DER VERLORENEN KINDER (La cité des enfants perdus 1995 Jean-Pierre Jeunet u.a.)


Eher zufällig geraten der starke One und das Waisenkind Miette auf der Suche nach Ones entführtem kleinen Bruder Denrée aneinander. Denrée wird auf eine Bohrinsel verschleppt, auf welcher ein intelligenter, aber gefühlsverkrüppelter, schnell alternder Klon versucht mittels der Träume entführter Kinder etwas zu empfinden, um nicht weiter so schnell altern zu müssen...


Das Erwachen des Originals...

Nach ihrem Langfilm-Debut „Delicatessen“ drehten Marc Caro und Jean-Pierre Jeunet den wesentlich düsterer angehauchten Fantasyfilm „Die Stadt der verlorenen Kinder“, der zwar ebenfalls humoristisch ausgelegt war, aber keine Komödie mehr in Reinform war. Viel mehr haben wir es mit einem Märchen für Erwachsene zu tun. Wer glaubt aufgrund der Kinder am Rande und im Zentrum Kinomagier Jeunet habe ein Werk für die ganze Familie geschaffen, der irrt. Zwar ist sein zweiter Langfilm ebenfalls gefüllt mit allerhand verzaubernder Spielereien, aber die alternative Welt, die uns vorgesetzt wird, ist ein düsterer Ort, bewohnt von egoistischen Wesen. Und die Reise unserer Helden soll zu einem grotesken Ort führen, gegen deren Bewohner die Bevölkerung aus der Heimat geradezu normal erscheint.

Während Louison im Vorgängerfilm aus dem Zirkus kam, wird One als Jahrmarktsattraktion in die Geschichte eingeführt. Jeunet ist sich der Verwandtschaft dieser Orte mit dem seiner Leinwandarbeiten somit sehr wohl bewusst, verzaubert doch auch er mit hübsch eingefangenen Tricks sein Publikum, nur eben im Kino anstatt auf einer Bühne, und künstlerisch wesentlich wertvoller umgesetzt als die kleinen Kunststücke für zwischendurch. In einem Oliver Twist-ähnlichem Umfeld lässt er zwei einsame Herzen aufeinander stoßen, was der einzig warmherzige Aspekt an „The City of Lost Children“ (Alternativtitel) ist. Die hier gezeichnete Welt mag düster und pessimistisch ausgefallen sein, aber erneut baut Jeunet auf die Menschlichkeit, diesmal auf den Zusammenhalt. Jeunet zeigt sich erneut optimistisch darin was trotz allem Düsteren den Menschen ausmacht, lässt jedoch den lebensbejahenden Aspekt diesmal aus, der aus „Delicatessen“ und dem später nachgereichten „Die fabelhafte Welt der Amelie“ solch gefühlsintensive Werke werden ließ.

Dies ist einer von zwei Aspekten, welcher „Die Stadt der verlorenen Kinder“ im direkten Vergleich zu den beiden anderen grandiosen Werken von Jeunet abschwächt. Der zweite ist die teilweise zu bemühte Fortschreitung der Geschichte. „Delicatessen“ fühlte sich entspannt erzählt an, so als würde sich die Geschichte ganz natürlich von alleine entwickeln. Das Fortschreiten der Geschehnisse im hier besprochenen Film benötigt immer wieder Zufälle und zu konstruierte Situationen, um in die richtige Richtung geschuppst werden zu müssen. Das schaut sich schon wesentlich bemühter.

Allerdings sprechen wir trotzdem von einem meisterhaft umgesetzten Film, der außerhalb von Jeunets Werken seinesgleichen sucht, so künstlerisch wertvoll wie hier die Bilder durchkomponiert sind und so durchdacht wie hier originellste Ideen durchgeführt werden. Allein die Figurenschar, die der gute Mann uns hier präsentiert, weiß zu erstaunen. Mir persönlich hat es das hypnotisierende Gehirn im Glas angetan, aber auch die künstlischen Zyklopen, die krakenähnlichen, bösen siamesischen Zwillinge, die von einer Schlafkrankheit befallenen Klone, oder aber der unter dem Meer lebende Sammler, sie alle sind etwas besonderes in einer Geschichte, von der man selbiges behaupten darf.

Skurrile Ideen, wie die aufs Giftspritzen dressierten Flöhe (die Jahrmarkts-Jeunet-typisch per Drehorgel ihr Kommando erhalten), eine Duftwolken-Erinnerungs-Flaschenpost, oder die fantasievollen Umschreibungen der Klone, welche diese dem bösen, alternden Klon per Gute Nacht-Geschichte vortragen müssen,  bereichern das ohnehin schon einfallsreich ausgefallene Geschehen. Manches Mal darf es geradezu düster werden. So gibt es beispielsweise eine Untergrundbewegung von Zyklopen, welches blinde Menschen sind, die mittels einer elektronischen Apparatur wieder sehen können. Als einer von ihnen durchdreht und seine Artgenossen tötet, stöpselt dieser das eigene Kabel seines Sehapparates bei einem seiner Opfer ein, so dass der Sterbende sich selbst beim Sterben zusehen muss.

„La cité des enfants perdus“ (Originaltitel) kommt weit morbider, düsterer und trister daher als sein Vorgänger. Dennoch schafft es Jeunet erneut, dass gerade durch die Isolation im Düsteren der herzliche Umgang zweier Menschen emotional zu packen weiß. Es ist süß mit anzuschauen wie der dümmliche, kindgebliebene, starke One sich um die viel zu früh erwachsen gewordene Miette kümmert, z.B. wenn er sie auf seine ganz eigene Art in der kalten Nacht zu wärmen weiß. Die beiden scheinen die einzigen Empathen in einer Welt voller Egoisten zu sein, dennoch ist die Geschichte auch nicht frei von Sympathie manch anderen Figuren gegenüber, was das wissenschafts-kritische Finale zeigt, welches aus gutem Grund nicht nur die Helden überleben lässt.

So genial künstlerisch wertvoll der Restfilm auch ausgefallen ist, das Schlussbild betreffend hat Jeunet die falsche Wahl getroffen. Dort lässt er noch einmal den kleinen, entführten, dauerfressenden Denrée rülpsen, was ein (meiner Meinung nach unlustiger) Running Gag des Streifens ist. Das ist in sofern schade, als dass Jeunet uns nur kurz zuvor das ideale Schlussbild präsentiert, wenn er One und Miette flüchtend in einem Boot sitzen zeigt,  hoffentlich in eine bessere Zukunft rudernd. Dies ist neben der beiden weiter oben genannten Kritikpunkte aber auch der einzige Schwachpunkt eines wundervollen Filmes, der seine Zuschauer mit einfallsreichsten Ideen zu verzaubern weiß, so dass es für Jeunet sicherlich nicht schwer war erneut wieder so viele der begeisterten Mimen aus dem Vorgänger, sowie spielfreudige neue Akteure für das Projekt gewinnen zu können.


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Kommentare:

  1. Den mag ich mittlerweile fast noch lieber als Die fabelhafte Welt der Amélie. Kann man gut und gern mehrmals gucken und die Optik ist wunderbar, wie du auch schreibst. Delicatessen fehlt mir leider noch.

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    1. Delicatessen schaut sich als erster freilich etwas zurückgeschraubt an Schauwerten, wenn man die anderen beiden Filme zuvor gesehen hat. Allerdings steht ihm dieses Weniger meiner Meinung nach ganz gut, zumal er im Vergleich zu einem Durchschnittsfilm ein visueller, verspielter Hochgenuss ist. Kannst ja mal Feedback geben, wenn Du ihn gesichtet hast. :)

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    2. Gern. Ich wollte sowieso mal kompakte Sichtungen in nächster Zeit vornehmen. So viele Ideen, so wenig Zeit...

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