Donnerstag, 8. November 2012

PETERCHENS MONDFAHRT (1959 Gerhard F. Hering)


Peterchen und Anneliese bekommen nachts Besuch vom Käfer Sumsemann, einem traurigen Geschöpf, dessen Familie einst von einem bösen Mann das sechste Bein geklaut wurde. Von nun an besitzt jeder Sumsemann nur fünf Beine. Der Dieb wurde wegen seiner Bosheit auf den Mond verdammt und hat das Bein dorthin mitgenommen. Um es wieder zu bekommen benötigt der Käfer die Hilfe zweier lieber Kinder, die bereit sind mit ihm zum Mond zu fliegen, um es dem bösen Mondmann wieder zu entwenden. Peterchen und Anneliese bieten ihre Hilfe an. Sein Glück nicht fassend bringt Sumsemann ihnen das Fliegen bei, und so reisen die drei hoch zum Himmel, wo sie zunächst einmal vom Sandmännchen gestoppt werden. Dies bewacht den Himmel und muss gucken, ob alles seine Ordnung hat. Nachdem es festgestellt hat, dass Peterchen und Anneliese würdig sind dem Käfer zu helfen, nimmt es die drei mit auf eine Feier, zu der die wichtigsten Persönlichkeiten des Himmels geladen sind. Von dort aus geht es über einen Umweg zum Weihnachtsmann zu zwei Kanonen, mit denen Sandmännchen das Trio zum Mond hochfeuert. Der böse Mondmann merkt recht schnell, dass er da oben nicht mehr alleine ist und will die Kinder fressen...


Rechtes Bein, linkes Bein...

Trotz seines Bekanntheitsgrades hat es das Kinderbuch „Peterchens Mondfahrt“ bislang nur zu zwei Verfilmungen geschafft. Während jene von 1990 zeichentrickanimiert war, war die erste aus dem Jahre 1959 ein Realfilm und die einzige Regiearbeit von Gerhard F. Hering, zumindest im Bereich der laufenden Bilder.

Der schwarzweiße Märchenfilm beginnt recht klassisch mit einer streng, aber freundlich dreinschauenden älteren Frau, die aus dem dicken Märchenbuch vorliest. Während sie erzählt wechselt das Bild auf die Heimat des Sumsemanns, der aufgrund seines Schicksals traurig auf seiner gläsernen Geige fiedelt. Noch bleibt er stumm, und das bleibt auch so, bis er im Zimmer von Anneliese und Peterchen landet. Von nun an wird jeder Dialog in Reimform vorgetragen, was keineswegs wie man meinen könnte einengt. Im Gegenteil, die Reimform und das Spiel mit ihr animiert den älteren Zuschauer, für den das Werk ursprünglich nicht gedacht war, zum genaueren hinhören.

Über ein halbes Jahrhundert liegen nun zwischen Herings Film und unserer Zeit, und so ist die Pädagogik bzw. die Herangehensweise an den jungen Zuschauer von einst längst überholt. Streng mahnt das Sandmännchen mit Blick in die Kamera zum artig sein. Auch der Weihnachtsmann betont dies später noch einmal, wenn auch weniger streng. Ansonsten zeigen sich jedoch auch die Vorteile der alten Zeit, so z.B. wenn Tod und Leid in einer Kindergeschichte nicht ausgeblendet werden, ja lobenswert sogar zum Elementaren des Erzählten werden.

Im Zentrum steht nun einmal das Schicksal der Sumsemänner, und der Mondmann ist nun mal derart böse, dass er die Kinder gar fressen will. Weichgespülte Junggemüter von heute werden da sicherlich Angst bekommen, wird der späte Auftritt des Bösewichts doch gar mit einem dunklen Schatten, Paukenschlägen, sprich unheimlicher Untermalung, eingefangen. Es ist einfach schön zu schauen, wie seinerzeit noch kein dauerhafter Panikzustand herrschte bei den Überlegungen was einem Kind zugemutet werden kann und was nicht.

In seinem Gesamtbild schaut sich Herings „Peterchens Mondfahrt“ wie ein Theaterstück. Es gibt kurze Momente von Spezialeffekten (wenn die Kinder fliegen oder das Wetter unangenehm tobt) und zwei schlicht animierte Zeichentricksequenzen, wenn die Sternenkinder von Peterchen und Anneliese den Himmel verlassen und wieder hochfahren. Ansonsten wird getrickst wie auf der Bühne. Schäfchen verlassen mechanisch ihren Stall. Der große Eisbär mit Glühlämpchen-Augen wird starr aber fürs Filmauge unsichtbar geschoben. Getrickst wird nur, wenn niemand im Bild ist, dann darf es auch mal eine Kamerafahrt sein, die einen Flug aus der Ich-Perspektive simuliert und dabei Aufklapp-Bilderbuchartig die Landschaft und ihre Bewohner einfängt.

„Peterchens Mondfahrt“ mag heute an vielen Stellen bieder wirken und überholt sowieso. Selbst die schlichten Kulissen werden heute kaum einen Filmschaffenden vom Hocker reißen. Aber es sind eben Theaterkulissen und diese wurden liebevoll gestaltet, scheinbar teilweise auch mit Kinderhilfe.

Wo man bei den Kulissen noch geteilter Meinung sein kann, so wissen spätestens die Kostüme zu überzeugen. Ob es nun der Sumsemann sein mag oder der Pfefferkuchenmann auf der Weihnachtswiese, alle sind sie schön anzusehen. Seinen Höhepunkt diesbezüglich und allgemein erreicht der Streifen auf dem Fest der Nachtfee, auf dem im Minutentakt ein neuer Gast eintrudelt, einer toller anzuschauen als der andere. Kinderaugen dürfen staunen, wenn der Donnermann eine Trommel als Bauch besitzt. Die Blitzhexe hat lange Krallen, spielt bösartig, entpuppt sich aber als ebenso sympathisches Wesen wie alle anderen, selbst der etwas unheimlich wirkende Wassermann, der in einer Badewanne sitzt und von Mondkindern mit der Gießkanne beträufelt wird.

Figuren, welche die Fantasie der Kinder beflügeln, machen aus dem optisch traurigen Schwarzweiß-Film, ein fröhliches Geschehen. Jedoch steht hierfür nicht Lustigkeit im Vordergrund. Witzig ist hier weniges, das Abenteuer bildet das Zentrum. Der Humor ist sogar so eingebracht, dass ihn erst ältere Kinder verstehen würden, eben jene, die dem Film heute wohl kaum noch eine Chance geben würden. Der nostalgische, erwachsene Cineast hingegen darf dieses Publikum nun ersetzen und sich an manch netter Komik erfreuen, während die Kleinen gebannt dem spannenden und aufregenden Abenteuer folgen.

Überholte Kinderlieder mit etwas zu häufig fallenden Quatschworten wie Plitsch und Platsch lockern das etwas zu dialoglastige Geschehen des ersten Drittels etwas auf und wissen in ihrer Melodie auch zu gefallen. Wenn nach langer Vorgeschichte etwa in der 30. Minute der Flug Richtung Mond beginnt, wird auch nicht mehr gesungen. Auf dem Schloss der Mondfee gibt es einen kurzen Kindertanz zu sehen, da rückt die Musik noch einmal kurz in den Vordergrund, ansonsten spielt ein Hintergrundorchester in einem Großteil der Szenen, und Instrumente untermalen bestimme Geschehnisse, so z.B. die Blitze der Blitzhexe.

„Peterchens Mondfahrt“ lässt sich Zeit, bietet aber nach einer halben Stunde eine Flut an fantasiereichen Begebenheiten, Welten und Kreaturen. Im ersten Drittel wird die Geschichte kindgerecht eingeleitet. Obwohl recht wenig passiert, wird es nie langweilig, da ja der Käferbesuch ins Haus steht. Dass ein Korb Äpfel als große Kinderfreude und später auch als super Geschenk eines jeden Himmelsbewohners empfunden wird, mag mit Blick von heute antiquiert wirken. Dennoch ist es sicherlich nicht falsch dem jungen Zuschauer auf diese Art Obst schmackhaft zu machen.

Wer seinen Kindern nur seelenfrohe heile Welt präsentieren möchte, der sollte einen weiten Bogen um diesen Märchenfilm machen und weiter in seiner politisch korrekten Welt leben. Wer seinem Nachwuchs mehr zutraut, der sollte ruhig auch mal zu diesem Film greifen, auch wenn er aufgrund der über 50 Jahre sicher nicht mehr den typischen Kinderalltag von heute wiederspiegelt. Abenteuerlich sind die Geschichten für das späte Kindergarten- und frühe Grundschulalter aber allemal. Und optisch enttäuscht werden sicherlich nur jene Kids, die dauerhaft vorm Privatfernsehen hocken. Erwachsene gucken kritischer, Kinder geben sich mit simpleren Spezialeffekten zufrieden. Ein Werk im Stil eines Theaterstückes sollte da nicht abschrecken. Im Gegenteil, kulturell ist der überholte „Peterchens Mondfahrt“ damit einmal etwas andere Kost als das was die Kleinen sonst so schauen.


OFDb

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