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Donnerstag, 19. September 2013

MORD IM ORIENTEXPRESS (Murder On The Orient Express 1974 Sidney Lumet)


In den 30er Jahren bleibt der Orientexpress im Schnee stecken. Als ein Mord an einem reichen Fahrgast begangen wird, setzt sich der berühmte Detektiv Hercules Poirot, der sich zufällig unter den Fahrgästen befindet, daran den Fall aufzuklären...


Mord an einem Verbrecher...

Was dem Sherlock Holmes sein Fall „Der Hund von Baskerville“ war, war in vergleichbarer Beliebtheit der „Mord im Orientexpress“ für Hercule Poirot, dem neben Miss Marple wohl bekanntesten Schnüfflercharakter aus der Feder von Agatha Christie. Während der Vergleichsstoff des Londoner Meisterdetektivs seine Beliebtheit auch in der Anzahl seiner Verfilmungen wiederspiegelt, so sieht es bei der Häufigkeit der Verfilmungen rund um den Orientexpress jedoch etwas spärlich aus. Doch ähnlich wie der vier Jahre später entstandene „Tod auf dem Nil“, mit Peter Ustinov in der Rolle Poirots, liest sich die bekannteste Verfilmung des Stoffes um den Mord im Zug dafür immens starbesetzt.

Neben Albert Finney als Poirot, tauchen, um nur ein paar Prominente genannt zu haben, Anthony Perkins, Ingrid Bergmann, Sean Connery und Michael York auf. Doch warum sich solch exzellente Darsteller um einen solch werkgetreuen Film scharren, ist unverständlich, darf doch keiner der verdächtigen Fahrgäste zu groß genug ins Zentrum rücken, und dient ein jeder doch nur als Stichwortgeber um später aus dem Gesamten zu einem Ergebnis zu kommen, typisch Poirot-Krimi am Ende aufgelöst über einen langen Monolog des Kriminalisten. Wegen der Stars braucht man also nicht wirklich einschalten, und das einzige was den an mancher Stelle etwas müde umgesetzten Film zu einem besonderen Erlebnis macht, ist die geglückte Darstellung Poirots durch Finney, wohl der Rettungsanker des Streifens schlechthin, ebenso wie die originelle Mörderauflösung, die einem als Nichtkenner des Romans deutlich erkennen lässt, warum „Mord im Orientexpress“ zu den beliebtesten Stoffen von Agatha Christie gehört.

Ob man diesen Roman mit Wechsel in ein anderes Medium nicht etwas anders hätte aufziehen können, eventuell mit größeren Veränderungen versehen wie bei den Miss Marple-Verfilmungen, die mit „16 Uhr 50 ab Paddington“ ihren Anfang nahmen, bleibt eine berechtigte Frage, wenn man einmal bedenkt wie mittelmäßig sich der an sich interessante Kriminalfall letztendlich schaut. Sidney Lumet konnte zur Entstehungszeit schon auf eine fast 30jährige Erfahrung als Regisseur zurückblicken, doch fielen die Arbeiten des guten Mannes qualitativ schon immer recht unterschiedlich aus, was z.B. einen Blick auf seinen sehr geglückten „Die 12 Geschworenen“ aus dem Jahr 1957 und seiner unterirdisch ausgefallenen Schwarzenversion von „Der Zauberer von Oz“ mit dem Titel „The Wiz“ deutlich macht.

Aber von schlechter Regie kann man hier nicht wirklich sprechen. Nein, es ist die Geschichte die trotz ruhiger, dialoglastiger Art zu gehetzt wirkt und seine Nebenfiguren zu stiefmütterlich behandelt, trotz ihrer Wichtigkeit und ihrem Einfluss für den Kriminalfall. Außerdem wirkt der Zusammenhang einiger personeller Hintergründe mit Unkenntnis der Auflösung zu zufällig, was sich wie eine Unglaubwürdigkeit des Drehbuchs schaut, bis man gegen Ende versteht warum dies nicht der Fall ist. Bei solch einer Zufälligkeit darf man als Zuschauer überrascht sein, die Auflösung nicht vorhergesehen zu haben. Ich habe es zumindest nicht, und letztendlich habe ich es den so oft auftretenden schlechten Drehbüchern von Großproduktionen zu verdanken, dass ich aufgrund dieser Zufälligkeit am Stoff zweifelte, anstatt in die richtige Richtung zu kombinieren.

Die Hin- und Hergerissenheit Poirots die Auflösung betreffend, bereichert den Streifen um ein wenig Tiefe, und mit ihr gibt die Printvorlage ein wenig Raffinesse an ihre Verfilmung ab, ein Pluspunkt den „Mord im Orientexpress“ dringend nötig hat, um nicht als zu mittelmäßig umgesetzt in den Köpfen der Zuschauer zurückzubleiben. Somit ist der Film im Gesamten trotz seiner Schwächen noch als gelungen genug ausgefallen, um sich mal zwei Stunden nett unterhalten zu lassen. Die Klasse eines „Tod auf dem Nil“ erreicht er jedoch nicht, und den Kultstatus eines „Geheimnis im blauen Schloss“ oder der 60er Jahre Miss Marple-Reihe erst recht nicht.


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