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Sonntag, 23. November 2014

THEATER DES GRAUENS (Theatre of Blood 1973 Douglas Hickox)


In London wird ein Theaterkritiker nach dem nächsten umgebracht. Jeder stirbt auf eine Art, wie sie Shakespear jeweils in seinen Stücken vorgab...


Vorhang auf...

Wenn man in einer der ersten Mordszenen miterleben darf, wie ein wütender Mob über einen der Theaterkritiker herfällt, ein Mob obdachloser, dreckiger Gammler, dann wirkt das aufgrund mangelnder Mystik zuerst einmal nicht so überzeugend. Die Hilfe einer Horde gewaltbereiter Menschen klingt zu modern für einen Vincent Price-Film. Man sieht die Gefahr, dass die Moderne den charmanten Reiz älterer Price-Filme so nicht einfangen kann. Glücklicher Weise bleibt dieser negative Eindruck nicht lange bestehen, denn mit jedem ermordeten Kritiker werden die Tötungsmethoden einfallsreicher und schwarzhumoriger, während der wütende Mob, der den todgeglaubten Edward Lionheart den kompletten Film über blind und naivst folgt, im weiteren Verlauf des Streifens seinen ganz eigenen Reiz erhält, dankenswerter Weise aber auch zurückhaltender eingebracht ist als in der von mir kritisierten Szene.

Die Rolle von Vincent Price ist herrlich psychotisch, arrogant und überheblich gespielt. Dieser Tunnelblick-Künstler lässt alternative Ideen nicht zu, lebt die konservativste Ur-Form der Schauspielerei und empfindet Kunst als etwas, das den Originalstil der Vorlage nur unterwürfigst nacheifern darf. Kein Wunder also, dass ihn nicht jeder Kritiker einst über den Klee loben konnte, auch wenn Edward Lionheart in seinen Stammrollen ein begnadeter Schauspieler war. Nach seinem Beinahe-Tod zudem noch vom Wahnsinn besessen, ist Einsicht von ihm erst recht nicht zu erwarten.

Und so mordet er sich so verspielt wie Prices Paraderolle Dr. Phibes durch einen Film, der sich selbst nicht zu ernst nimmt, und augenzwinkernd mit schwarzem Humor in jede Richtung austeilt. Da wird der Sinn und Unsinn von Kritike(r)n ebenso hinterfragt, wie der starre Sinn auf Kunst und Kultur und der Umgang eines Schauspielers mit seiner Rolle und seinem Publikum. Jede Seite kriegt ihr Fett weg, es darf geschmunzelt werden, aber „Theater des Grauens“ bleibt dabei distanziert und subtil. Zur Horror-Komödie wird er nicht.

Letztendlich weiß ein Film wie dieser aber nur zu gefallen, wenn die Seite der Helden ebenfalls gut besetzt und charakterisiert ist, und das ist in Hickox Werk glücklicher Weise der Fall, was dringend Not tut, denn von den Shakespear-orientierten Morden und der alles um sich schlagenden Satire einmal abgesehen, ist die grobe Geschichte an sich lediglich das klassische zehn kleine Negerlein-Prinzip, wie man es (in meist einfallsloserer Form) vorher und hinterher schon oft gesehen hat. Ein Hauch Agatha Christie weht umher, was in Kombination mit einem typisch charmanten Vincent Price-Film freilich ein Mix ist, der zu gefallen weiß.

Da stört es dann auch nicht weiter, wenn eine Enthüllung am Schluss viel zu vorhersehbar ist. Die sehenswerten und skurrilen Morde auf der einen Seite und auf der anderen Seite dem Helden des Filmes dabei zusehen zu dürfen, wie er verzweifelt mit Hilfe der Polizei versucht andere Kritiker und sich selbst zu beschützen, ist einfach ein kurzweiliges Erlebnis, eben weil Edward Lionheart den Guten immer einen Schritt voraus ist. Schon lange vor Jason, Freddy und Co liegt die Sympathie hier eigentlich beim Bösewicht, auch wenn die Heldenrolle keinesfalls negativ gezeichnet ist, sondern ganz im Gegenteil immer nachvollziehbar handelt und argumentiert. Letztendlich kommen die Morde so pfiffig daher, dass der Horror-Fan eigentlich eher zu Lionheart hält, und da die Sympathie mit dessen Mordmethoden so im Vordergrund des Konzepts stehen, darf man ernsthaft anzweifeln ob der letzte lebende Kritiker sein Happy End erhält oder nicht. Inmitten einer Geschichte nach Schema F, um es mal streng zu formulieren, ist das definitiv ein Vorteil zur Aufrechterhaltung des Spannungsbogens.

„Theater des Grauens“ weiß zu gefallen, und dies auf verschiedenen Ebenen: als klassischer, naiver Horrorfilm, als noch immer moderne Satire auf Tunnelblick-artiges Kunstverständnis und selbsternannte Kritiker, und als schwarzhumoriger Genre-Beitrag, bei dem man im Gegensatz zur zuerst genannten Variante zum Bösewicht anstatt zum Helden hält. Letztendlich beinhaltet „Theater des Grauens“ alle drei Varianten zugleich, und nur so möchte ich ihn auch sehen. Man muss den Film einfach aufgrund seiner Vielfältigkeit inmitten einer an sich monotonen Geschichte Anerkennung zollen. Er gehört zum Pflichtprogramm eines jeden Vincent Price-Bewunderers, allein schon deshalb, weil der Star mit einer spürbaren Spielfreude agiert.


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