Dienstag, 13. November 2012

ICH HABE KEINE ANGST (Io non ho paura 2003 Gabriele Salvatores)


Der 10jährige Michele entdeckt eine abgelegene Grube, in der sich ein verwahrloster Junge befindet. Michele nimmt Kontakt zu ihm auf...


Zwei Welten...

Micheles Welt ist durchschnittlich, aber auf dem ersten Blick friedlich. Er spielt mit Freunden und seiner kleinen Schwester in der monotonen aber schönen Natur auf dem Lande. Eltern schimpfen, wie sie es immer tun, aber sie werden von ihren Kindern geliebt, und die Eltern lieben ihren Nachwuchs zurück.

Micheles zu Hause mag Armut ausstrahlen, jene Form von Armut mit der man im unteren Bereich des Durchschnitts lebt. Wie gut es der 10jährige jedoch wirklich hat verdeutlicht sich, wenn er die Grube entdeckt, die ein trauriges Geheimnis birgt.

Hier hockt der 10jährige Phillippe, halb verdurstet und verhungert. Michele malt sich in seiner Phantasie ein Kaspar Hauser-ähnliches Szenario aus, aber die Wahrheit geht in eine andere bittere Richtung, mit der Micheles Welt mehr zu tun hat, als ihm lieb ist.

Salvatores Erzählstil ist vordergründig schlicht gehalten. Die schönen Kulissen werden genutzt, die Kamera sucht jedoch nicht speziell grandiose Einstellungen. Die Geschichte wird in aller Ruhe erzählt, Salvatores orientiert sich an ihr, begleitet sie und arbeitet mit einem zurückhaltenden Stil.

Hintergründig geht der Regisseur jedoch psychologisch sehr clever vor. So schafft es der gute Mann auf sehr sensible Art alles Gezeigte aus der Sicht des Jungen erleben zu lassen. Michele fehlt in keiner Szene. Wir erleben keine Erwachsenenwelt in welcher der Junge umherstolpert. Wir nehmen die Umwelt mit seinen Augen wahr.

Michele ist mit viel Phantasie gesegnet. Seine Erlebnisse formuliert er mit dichterischem Wert in seinem Kopf. Schnell hat er eine Geschichte zu dem Jungen in der Grube parat, noch bevor er weiß was wirklich geschah. Diese Charaktereigenschaft ist wichtig, denn nur diese sorgt dafür, dass die Art des Kontaktes zu Phillippe glaubhaft bleibt. Auch ein 10jähriger hätte wahrscheinlich die Polizei gerufen oder wenigstens seinen Eltern bescheid gesagt (worauf Salvatores auch in einer späteren Szene verweist, wenn ein Freund Micheles zum Verräter wird). Die Hauptfigur ist jedoch ein Phantast, und der hilft dem Jungen lediglich mit Verbesserungen Phillippes Umfeldes, nicht mit einer Befreiung aus der Gefangenschaft oder einer Errettung durch Dritte.

Salvatores Erzählstil geht jedoch über die Kindsicht hinaus. Schritt für Schritt eröffnet er dem Zuschauer über Micheles Perspektive das Geheimnis der Grube. Und da geht der Regisseur in der ersten halben Stunde sehr langsame Schritte. Michele stößt quasi auf eine andere Welt. Und dies wird von Kamera und Licht beim jeweiligen Öffnen der Grube hervorragend eingefangen.

Man sieht nur so viel wie echtes Licht zulässt. Somit bekommt man wiederum auch nur so viel Information wie der geringe Blick zulässt. Michele muss seine Angst besiegen, kehrt zur Grube zurück, dadurch erhaschen wir den nächsten Blick. Bis es zum Dialog mit Phillippe kommt dauert. Den Hintergrund seines Leidens erfahren wir weder durch ihn noch durch die Eltern. Wie so häufig in unserer Gesellschaft gibt das Fernsehen dem Knaben Michele Wissen weiter. Und wir, der Zuschauer, wissen ohnehin jeweils nur so viel wie die Hauptfigur selbst.

Michele entdeckt durch die ungewöhnliche Situation den Reichtum in seiner Armut. Er begreift wie elendig es Phillippe geht, der sich über einen Eimer Wasser und ein Laib Brot nicht einmal freut, sondern sich wie ein Tier darüber hermacht. Phillippe hat weder Freiheit noch etwas zu spielen. Seinen körperlichen Unrat muss er in einem Eimer ausscheiden. Das Öffnen seiner Augen tut ihm weh, wenn Tageslicht in die Grube scheint. Michele entdeckt nicht nur eine Welt die neben seiner existiert, letztendlich handelt die Geschichte davon welchen Einfluss die eine mit der anderen Welt zu tun hat.

Der Junge muss erkennen dass sein Luxus zur Armut anderer führt. Phillippes Elend wird Michele Tage am Meer einbringen. Etwas worüber sich die Hauptfigur zuvor noch gefreut hätte, wird zu einer bitteren Idee, weil er weiß auf welchem Opfer diese Freude beruht.

Hier ist Salvatores Gesellschaftskritik am deutlichsten spürbar. Menschen die mit dem Wissen aufgewachsen sind, dass gespartes Geld Zinsen bringt, hinterfragen nicht mehr, worauf ihr Reichtum basiert. Wenn einem der Blick ins Elend der dritten Welt im Alltag versperrt wird, registriert man nicht mehr woher der eigene Luxus kommt. Dieses Wissen im Bewusstsein würde gar das System zerstören, in dem man lebt. Hut ab, Salvatores! Das ist eine mutige Aussage, und sie ist hervorragend eingearbeitet.

Zum Zeitpunkt dieses Wissens hat es einige Storyumwürfe gegeben. Micheles und Phillipes Welt wachsen näher zusammen. Michele beginnt den wunderlichen Phillippe zu mögen, den er zunächst für einen Spinner hielt. In Michele wächst der Drang für den Gefangenen mehr zu tun, als er bisher getan hat.

Wo Salvatores uns zunächst die zwei Welten der Kinder zeigte, erweist sich zum Umschwung im Film seine Erzählweise aus kindlicher Sicht zum erneuten Kniff. Denn nun tun sich Abgründe zwischen der Welt der Kinder und jener der Erwachsenen auf.

Alltagssituationen, die Michele zuvor nie hinterfragte, bekommen nun ein anderes Gesicht. Die heile Welt ist zerstört, die Wut und Angst der Erwachsenen wird begriffen oder ihr Hintergrund zumindest erahnt. Kaum wachsen die einen zwei Welten zusammen, bekommen wir es mit einer erneuten Weltenteilung zu tun. Michele muss sich umorientieren. Er muss auf Zwang nun das tun, wozu andere Kinder mehr Zeit benötigen dürfen: Er muss sich für eine Richtung entscheiden. Seine charakterliche Entwicklung, die Selbstfindungen, das findet alles entscheidende Momente innerhalb weniger Tage.

Salvatores Umsetzung ist clever, selbst seine zurückhaltende Inszenierung. Vom Unterhaltungswert ist sein Drama ebenfalls auf der sympathischen Seite. Selbstverständlich guckt sich ein solcher Film anstrengender als Popkorn-Kino, aber ein wenig flüssiger hätte seine Inszenierung trotz alledem ausfallen können.

Was mich am fertigen Werk jedoch geärgert hat, ist die Geschichte innerhalb der letzten 20 Minuten. Das Drama verkommt mir hier zu sehr zu einer fast krimiorientierten Handlung. Nun stehen Taten im Mittelpunkt und die Geschichte muss zu Ende gebracht werden. Das wird sie leider auf recht gewöhnlichem Wege. Das bedeutet zwar, dass somit immerhin auch reißerische Ideen ausgegrenzt wurden, aber es gibt nun einmal nicht nur schwarz und weiß. Ich denke manche Graustufe zwischen beiden Extremen hätte storytechnisch interessantere Stoffe geliefert.

Das Finale ist ebenso ärgerlich, beruht es zum einen doch auf einem Zufall und zum anderen wäre das gegenteilige Szenario das interessante gewesen. Genau in jenem Moment, wo man als Zuschauer gespannt ist wohin das Finale nun schreitet, kommt es zu einem ideenlosen Umbruch, welcher der Masse zwar das Ende beschert wonach es in der Regel schreit, aber wie das bei Massengefallen nun einmal so ist, wird damit auch die anspruchslosere Variante gewählt.

Das ist kaum zu glauben, wenn man sieht was Salvatores zuvor abgeliefert hat. Da erzählt der gute Mann eine tiefgründige Geschichte und serviert ein Ende, bei dem ich entweder nicht in der Lage bin seine Aussage zu entpuzzeln, oder die Geschichte etwas plumper zu einem Ende führt. Ich tippe allerdings auf ersteres.

Zumindest gibt es gegen Ende ebensolche schockierenden Wendungen wie im Rest des Films auch. Und dass das Ende durch einen Zufall eingeleitet wird würde wiederum den Bogen zum Anfang des Erzählten schließen, immerhin ging die Geschichte auch mit einem Zufall los. Schlussendlich gefällt mir die Geschichte ab da nicht mehr so gut, wo die Erwachsenenwelt das Geheimnis der Kinderwelt entdeckt. Ab hier habe ich mit einem einfallsreicherem Drehbuch gerechnet. Schade.

Direkt nach dem Gucken war ich diesbezüglich schon etwas enttäuscht. Heute mit besonnenerem Blick zurück auf den ein Tag zuvor gesichteten Streifen schwächt diese Enttäuschung ab und das Wertvolle dieser Geschichte drängt sich wieder in den Vordergrund. „Ich habe keine Angst“ ist ein großartiger Film und selbst in seiner schlechten Phase ist er noch immer überdurchschnittlich.

Freunde von Jugend-Dramen (oder in diesem Falle sogar eher Kinder-Drama) sollten unbedingt einen Blick riskieren. Der Film erzählt eine ungewöhnliche Geschichte, diese sensibel und realitätsnah und meiner Meinung nach ein wenig im Stil der französischen Jugend-Dramen.


Trailer,   OFDb

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