Montag, 6. Mai 2013

SECHZEHNEICHEN (2012 Hendrik Handloegten)


Nils und Laura ziehen in die ruhige und gut bewachte Siedlung Sechzehneichen, in welcher Laura beginnt sich nicht richtig wohl zu fühlen, Nils hingegen schnell Anschluss in einer Art Männerclub findet. Die Frauen wirken auf Laura zu oberflächlich, und das Verhalten ihres Mannes empfindet sie als immer merkwürdiger. Als ihre Schwester zu Besuch kommt, glaubt Laura langsam sich in etwas Unsinniges verrannt zu haben, doch dann verschwindet ihre Schwester Hals über Kopf ohne Abschied zu nehmen...


Die Frauen von Sechzehneichen...

Man kennt es von Sat 1 zu genüge, dass Stoffe bekannter Kino-Hits wie „Was Frauen wollen“ und „Ein Ticket für zwei“ leicht variiert als kostengünstiges TV-Filmchen noch einmal unter anderem Titel neu gedreht werden, ohne offiziellen Bezug zu den Originalen zu nehmen. Wie es sich in diesen Fällen mit dem Copyright verhält ist mir unklar, aber scheinbar darf man das, sonst käme eine solche Produktion dem Sender wohl teurer zu stehen als einen Drehbuchautoren zu bezahlen, der eigene Ideen hat und damit Quoten-unsichere Gefilde abgrasen müsste.

Die ARD wollte wohl nicht länger tatenlos zusehen und dachte sich: was Sat 1 kann, das können wir auf Kosten der Gebührenzahler auch, und so durfte der talentierte Regisseur Hendrik Handloegten, dessen Langfilm-Debut „Paul Is Dead“ ich für einen absoluten Geheim-Tipp halte, für das öffentlich rechtliche Fernsehen „Die Frauen von Stepford“ von 1975 neu auflegen, der 2004 bereits eine amerikanische Neuverfilmung erfahren hat. Nun hat Handloegten den Stoff nicht eins zu eins geklaut, sondern recht europäisch und eigenhändig ummodelliert, aber trotz alledem sind die Parallelen zu dominant um darüber hinwegsehen zu können.

Mit Robotern hat „Sechzehneichen“ nichts mehr am Hut, mit dem Bereich des Horrorfilms ebenso wenig. Handloegten verwandelt die Geschichte in einen Mix aus Drama und Thriller, bleibt also wesentlich realitätsorientierter als das geglückte Original, allerdings auch rätselhafter und ungeklärter. Scheinbar werden die Frauen durch Pillen unter Kontrolle gehalten, das wird zwischen den Zeilen zumindest ziemlich laut angedeutet. Und mit dieser Idee bedient man sich schon wieder bei den Amerikanern, denn in „Terror in New York“, der Fortsetzung des ersten Stepford-Filmes, tauschte man die Roboter ebenfalls gegen Frauen aus, die Medikamente schluckten. Das klingt schon irgendwie ironisch, wenn man bedenkt, dass das Original davon gehandelt hat Ehefrauen gegen Roboter auszutauschen.

Sicher ist in „Sechzehneichen“ für den Zuschauer ohnehin recht wenig. Als kleiner Leitfaden kann man jedoch benennen, dass je kultivierter der Zuschauer ist, desto intensiver kann er den Film erleben, lebt das Werk doch von recht stillen Tönen, welche die Bestätigungen für Lauras Unbehagen in Bereichen liefert, die bei unkultivierten Menschen entweder schon oft zum unreflektierten Alltag gehören, oder aufgrund ereignisreicher Vergleichskost im Kino und in Fernsehen so unaufgeregt einfach nicht wahrgenommen werden.

Das liest sich vielleicht etwas unfair, ist aber genau der Kniff der „Sechzehneichen“ halbwegs funktionieren lässt. Zudem sind mit Heike Makatsch, Mark Waschke und einigen Nebendarstellern wirklich talentierte Mimen mit an Bord, was das Ergebnis des Streifens ungemein aufwertet. Als Fan erster Stunde hat es mich ohnehin gefreut, dass die unglaublich niedliche Heike Makatsch damals ihren Weg aufgrund ihres Talentes gefunden hat und nicht wie manch andere aufgrund ihres Aussehens oder ihrer zuvor aus einem anderen Bereich gewonnener Prominenz. Nach langer Zeit habe ich nun mal wieder einen Film gesichtet, in welchem sie mitwirkt, und noch immer zeigt sie was sie kann, so dass ihre Zeit der Viva-Moderatorin mittlerweile wie ein schlechter Traum scheint. Aber jeder fängt halt klein an.

Psychologisch gesehen geht „Sechzehneichen“ recht clever vor, spielt das Stück doch in einer Art elitärer Siedlung, die gut bewacht ist und in welche Pärchen ziehen, die der Großstadt den Rücken kehren und die ihre Kinder und ihr Hab und Gut in Sicherheit wiegen wollen. Der Wunsch nach Kontrolle ist groß, und wenn er der Hauptauslöser für einen Umzug nach Sechzehneichen ist, dann liegt der Gedanke nicht fern, dass eine pervertierte Vereinigung von Männern sich dort sammelt, die gerne auch ihre Frauen kontrollieren möchten. Der etwas unausgegorene Schlumpfendorf-Faktor des Originals kommt somit nicht auf, und so wirkt das Gegenstück zum konstruierten Szenario der Stepford-Frauen im deutschen Fast-Remake wesentlich glaubwürdiger.

„Sechzehneichen“ ist sympathisch ausgefallen, kann aber nicht wirklich überzeugen, da zu vieles im Unklaren bleibt. Wo bleibt die Kämpfermentalität Lauras im Finale? Soll eine reine „Nicht ohne meine Tochter“-Chose ausreichen um kampflos sein Leben aufzugeben? Umgekehrt ist der Übergang vom großen Beschützer zum Kämpfer gegen das Wohl der eigenen Frau bei Nils nicht wirklich gut herausgearbeitet. Ein Video über einen Gangbang mit einer der Nachbarsfrauen reicht aus, um ihn nicht nur für den Moment mit dem Schwanz denken zu lassen, sondern gleich für den Rest des Filmes.

Einzig der psychologische Hintergedanke, der über allem schwebt, weiß hier zu gefallen, geht es doch längst nicht mehr, wie im Original, um das Zurückerobern der patriarchalischen Herrschaft und somit dem Verhindern der Emanzipation. Die Beweggründe sind in Zeiten oberflächlicher Lebensweisen viel banaler ausgefallen, will man doch nur noch kontrollieren und besitzen, weil man es seit klein auf so gelernt hat. Das ist eine wirklich geglückte Gesellschaftskritik, die aber scheinbar glaubte den Sub-Plot um eine vor Ort gefundene Freundin, die sich erst im Laufe der Zeit verwandelt, gar nicht mehr zu benötigen. Der Ersatz der Schwester der Heldin macht jedoch relativ wenig Sinn und gehört zu den unglaubwürdigen Ideen, zumindest in Anbetracht der dem Zuschauer vorenthaltenden Hintergrundinformationen.

Mit zu den besten Szenen des Filmes darf sich jene überraschende zählen, in welcher Nils sich auf einer Bürgerversammlung als wesentlich kontroll-fanatischer outet, als man es ihm je zugetraut hätte. Freilich versucht er mit diesem Schachzug den Männerclub des Ortes auf sich aufmerksam zu machen, nachdem er glaubt der Gangbang auf dem heimischen Bildschirm sei ihm von seinen neuen Freunden geschickt worden, aber das neue Machtgefühl noch vor Aufnahme in diesem Club, beflügelt Nils schon zuvor und lässt deswegen von da an eine dunkle Wolke über ihn schweben, die auch nicht mehr verschwinden wird.

Makatschs Mimenspiel von der taffen Selbstständigen zur immer ängstlicher und unsicher werdenden Ehefrau ist hervorragend ausgearbeitet, wirkt Schritt für Schritt, bis hin zur enttäuschten und traurigen Mimik in einer Fahrstuhlszene kurz vor Schluss, die noch einmal alle Register ihres Könnens zieht, bis wir eine Alternativvariante der Schluss-Szene aus Stepford serviert bekommen, die ohne das Wissen alles vorher Gezeigtem wie eine Happy End-Szene aussieht, allerdings genau für das Gegenteil steht.

Schade dass „Sechzehneichen“ nur als leichtes Filmchen für zwischendurch wirkt. Das Zeug für mehr hätte er mit diesem Regisseur und diesen tollen Darstellern so wie einer solch gekonnten Vorlage locker gehabt. Etwas mehr Richtung Mainstream hätte nicht geschadet, wenn das Drehbuch schon nicht so schlau ausgefallen ist wie das eines „Requiem“, „Blueprint“, „Das Mädchen, das die Seiten umblättert“ und „Heute trage ich Rock“, um nur mal ein paar anspruchsvollere Werke die auf Psychologie aufbauen genannt zu haben.

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