Dienstag, 23. Juli 2013

CHARLIE UND DIE SCHOKOLADENFABRIK (Charlie And The Chocolate Factory 2005 Tim Burton)


Seit 15 Jahren hat niemand Wonkas Schokoladendfabrik betreten, doch nun dürfen 5 Kinder in Begleitung mit je einem Erwachsenen an einer Tour teilnehmen, jene Auserwählte die auf eines der fünf goldenen Tickets gestoßen sind, welche auf der ganzen Welt verteilt in fünf Tafeln Wonka-Schokolade versteckt waren. Auch der in ärmlichen Verhältnissen hausende Charlie darf an der Führung teilnehmen und staunt nicht schlecht was ihn da drinnen all Wunderliches erwartet...


Was ist denn bloß mit Willi los?...

Dank der Serie „Die Simpsons“ und im speziellen dank Milhouse‘s Vater wissen wir auf welch fantastische Art Kekse und Cracker in einer Fabrik entstehen. Regisseur Tim Burton entführte uns 2005 in die Welt der Schokoladenfabrik Willy Wonkas, basierend auf einem Kinderbuch der 60er Jahre, welches bereits in den 70er Jahren verfilmt wurde, damals noch kindgerecht und als Musical verpackt. Burtons Film kann sicherlich auch von Kindern geguckt werden, sein Publikum ist in erster Linie jedoch der erwachsene Zuschauer, so morbide wie Burtons Stil in all dem bunten Treiben hervorsticht.

Mag sein, dass bereits das Buch diesen Stil besitzt und sich damit speziell für Burton anbot. Ich weiß es nicht. Möglich wäre es jedoch, denn der Kult-Regisseur verlässt in der kompletten Laufzeit nie die typische Art und Weise wie ein Kinderbuch erzählt ist, vergleichbar z.B. mit „Horton hört ein Hu“. Figuren werden in größter Klischee-Übertreibung präsentiert, die Fabrik ist ein kunterbunter Spielplatz, auch wenn in ihr allerhand Gefahren lauern, und Wonka selbst, perfekt verkörpert von Johnny Depp, ist ein Sonderling mit kindlichem Gemüt, eine Art Kind im Mann a la Michael Jackson, das, seit es fern von zu Hause ist, keine Erziehung mehr genoss und scheinbar auch keine eigene Entwicklung Richtung Erwachsen werden hinter sich zu haben scheint.

Depp spielt mit sichtlichem Spaß an der Freude, verkörpert er Wonka doch mit all den Eigenschaften eines Kindes, den positiven wie den egoistischen Seiten, jedoch ohne je Würde zu verlieren und herumzualbern. Wonka wirkt optisch ebenso künstlich wie die wundersame Welt die er in der Fabrik erschaffen hat. Und nicht erst dort herrschen die typischen Gesetzmäßigkeiten, die nur für Kinderbücher und Kinderfilme gelten. Es ist wichtig, dass der Film bereits zuvor auf den Spuren der Vorlage wandert, ansonsten würde man als Zuschauer einen erheblichen Bruch erleben, bei all den Gefahren die in der Fabrik lauern und der Art und Weise wie mit den Folgen dieser Gefahren umgegangen wird. Nah an kindlicher Gesellschaftskritik orientiert ist dieses Medium in diesem Stil kein Ort für Themen wie Verklagen und anderweitige erwachsene Aspekte. Burton orientiert sich an das Kind im Manne, zwar auf recht erwachsene Art, aber eben nicht auf Kosten des Buches.

Thematisch geht es viel mehr um die Wichtigkeiten im Leben, jene die auch gerne auf Kitsch-Art in Disney-Filmen thematisiert werden. Familie ist das wichtigste im Leben, aber eben auch der richtige Einfluss dieser. Und so führt die Geschichte allerhand Produkte unrichtiger Erziehung vor, jene die in einem Disney-Werk und in den von ihnen beeinflussten anderweitigen amerikanischen Familienfilmen, aufgrund politischer Korrektheit gerne schön geredet werden. Durfte der Fettsack in Spielbergs „Hook“ (kein Disney, ich weiß) am Ende neuer Peter Pan werden, zeigt Burton auf groteske Art was wirklich der Hintergrund einer solch verantwortungslosen Verfettung ist. Auch die typische „Du kannst alles erreichen wenn Du nur willst“-Art, die der Disney-Konzern in seinen familientauglichen Werken immer wieder gerne propagiert, wird kritisch mittels einer der kindlichen Wettbewerbs-Gewinner hinterfragt und erlebt folgerichtig eine deftige Abrechnung.

Die restlichen Kritikpunkte, das Verwöhnen und der falsche Umgang mit für Kinder fragwürdigen Medien, haben mit der anzuprangernden Disney-Sicht nichts mehr zu tun, sind aber ebensolche wichtigen Beispiele wie Erziehung falsch laufen könnte. „Charlie und die Schokoladenfabrik“ zeigt deutlich warum es richtig war, dass Disney sich damals nach „Frankenweenie“ von Burton trennen musste. Ihre Mentalität passte einfach nicht zusammen. Ich habe noch keines der Spielfilm-Werke gesehen, seit beide Parteien wieder zusammen gefunden haben, aber es verwundert mich nicht, dass Burton-Fans scheinbar mit neueren Filmen nicht warm werden, in welchen der Regisseur wieder für den Micky Maus-Konzern tätig wurde.

„Charlie und die Schokoladenfabrik“ ist jedoch noch Burton pur, ein Fest für die Augen, eine Massage für das kindliche Gemüt mit Vorliebe fürs Morbide und exzellent besetzt. Neben der großartigen Darstellung Johnny Depps glänzt in erster Linie David Kelly als Charlies Großvater, jener Mann der mein Cineastenherz mit seiner Rolle in „Lang lebe Ned Devine!“ vor Jahren erobert hat und der leider 2012 von uns ging. Seine Spielfreude ist auch in diesem wundervollen Film spürbar, auch wenn er zunächst lange Zeit nur im Bett liegen darf. In einer kleinen Nebenrolle ist die Anwesenheit Christopher Lees noch erwähnenswert, der zum wichtigsten Faktor wird, wenn der Frage nachgegangen wird, warum ein kindliches Gemüt und Ideenreichtum trotzdem nicht automatisch zu Glückseligkeit führen.

Es wäre jedoch ungerecht einen gewissen Schauspieler nicht zu erwähnen, und das ist nicht die Hauptrolle des jungen Charlie wie man meinen könnte, so oft wie Kinder im Vorspann trotz hervorragender Leistungen hinter den großen Namen anstehen müssen. Freddie Highmore spielt Charlie ordentlich, aber nicht auf erwähnenswerte Art. Nein, mein Blick geht eher Richtung Deep Roy, der dank modernster Computertechnik jeden einzelnen Oompa Loompa verkörpern durfte, der für Wonka in der Fabrik arbeitet. Inmitten all der schrillen und schrägen Figuren darf er die exotischsten verkörpern. Und wer den Film gesehen hat, wird sich nicht wundern dass es in den 60er Jahren gerade die Figuren der Oompa Loompas waren, die Autor Roald Dahl erheblichen Arger mit der Kritik einbrachten, so nah wie sie an einer Art bereitwilligen Sklaventum angesiedelt sind, stets erpicht auf Arbeit und mit minimalem Lohn zufrieden.

Aber ein solcher Kritikpunkt ist viel zu sehr in der Erwachsenenwelt zu Hause und widerspricht der kindlichen Vorstellung in welcher diese Figuren angesiedelt sind. Dennoch ist es verständlich dass dieses Thema gerade zur Veröffentlichungszeit ein recht brisantes war. Ebenso wie in der Zweitauflage des Buches und denen die dieser folgen sollten, ist die Darstellung der Oompa Loompas in Burtons Film weit entfernt von einem afrikanischen Stil. Die Arbeiter werden zu reinen Fantasiewesen aus einem nicht existenten Land, und Burton nutzt ihre Anwesenheit für den einzigen Verweis auf die Erstverfilmung: mit jedem bestraften Kind fangen die Oompa Loompas an zu singen. „Charlie und die Schokoladenfabrik“ wird damit nie wie die namensgleiche erste Verfilmung zum Musical, aber die Verwandtschaft zu den singenden Munchkins aus „Das zauberhafte Land“ ist in diesen Sequenzen nicht zu übersehen.

Man merkt mit wie viel Freude und Herzblut die Beteiligten am Werk waren. Computeranimationen dienen trotz der großen Bilderschau nie zum Selbstzweck eines „Hinter dem Horizont“ oder „Harry Potter“, und nur selten bekommt man das Gefühl, dass das Treiben in der Fabrik sich zu sehr dem jungen Publikum anbiedert. Meist hat Burton den Stoff im Griff, und nachträglich ist man dankbar dafür, dass kein anderer auf dem Regiestuhl Platz nehmen durfte. Wer zu viel Realitätsnähe erwartet ist im falschen Film. „Charlie und die Schokoladenfabrik“ ist großes Fantasy-Popkornkino mit Köpfchen, eng am Stile eines Kinderbuches orientiert und doch mit Hauptaugenmerk auf das erwachsene Publikum umgesetzt. Welch wundervoller Mix!

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