Mittwoch, 2. April 2014

CASTLE FREAK (1995 Stuart Gordon)


Ein Amerikaner erbt in Italien ein altes Schloss, in dessen Keller eine eingesperrte Kreatur haust...


Männerleiden...

„Castle Freak“ ist für die Mitte der 90er Jahre nicht gerade das typische Produkt aus der Full Moon-Schmiede von Charles Band. Normalerweise auf einer Idee Bands beruhend, nicht weit über 70 Minuten laufend und Effekte meist in Puppen und Kostüme steckend, wird billig in Ost-Europa gedreht und der Film mit viel Dialog versehen, der über Leerlauf in der Handlung hinwegtäuschen soll. Gerne wird die Laufzeit mit dem Vor- und dem Abspann gestreckt und Szenen vergangener Filme noch einmal verwendet. Diese kostengünstige Art einen Film fertigzustellen hat sogar hin und wieder kleine, sympathische Ergebnisse hervorgebracht, ein so gelungenes Werk wie „Castle Freak“ wäre damit jedoch nicht entstanden.

Band arbeitete bereits bei „Dolls“ mit Stuart Gordon zusammen. Damals dachte ich noch es wäre der Einfluss von Mit-Produzent Brian Yuzna gewesen, der den Puppen-Horror so viel interessanter wirken lässt als übliche Band-Produktionen. An „Castle Freak“ ist Yuzna jedoch nicht beteiligt gewesen, er kann auf dessen Klasse also keinen Einfluss gehabt haben. Stattdessen war Charles Papa Albert Band als weiterer Produzent mit an Bord, der mit Werken wie „Zoltan - Draculas Bluthund“ aber nicht wirklich viel besseres ablieferte als sein Sohnemann. Wahrscheinlich hatte Gordon durch seine Erfolge mit „Re-Animator“ und „From Beyond“ einfach etwas mehr Atemluft gewährt bekommen als andere von Band beauftragte Regisseure. Viel Geld stand ihm zwar nicht zur Verfügung, aber er hat etwas daraus gemacht.

So wurde vor Ort in Italien gedreht, die Laufzeit bekam klassische Spielfilmlänge beschert, Spezialeffekte wurden professionell angegangen, und das Drehbuch war auch weit über Full Moon-Durchschnitt, lebt es doch nicht nur von einer tollen Dramatik und dem Verständnis für seine Charaktere, es lässt sich auch Zeit für seine Geschichte und hat dabei immer etwas zu erzählen. Den Soundtrack steuerte Charles Bruder Richard bei, der im Titellied zwar alles andere als einen positiven Eindruck hinterlässt, innerhalb des Streifens jedoch passend komponierte, so dass auch er einen Teil der gelungenen Atmosphäre beisteuerte.

Letztendlich liegt es aber am Händchen Stuart Gordons und seinem talentierten Darsteller Jeffrey Combs, dass „Castle Freak“ eine kleine Perle geworden ist. Während Combs die Dramatik seiner Figur in den verschiedenen Phasen glaubwürdig herüberzubringen weiß, überrascht Gordon mit einer Inszenierung, die an alte italienische Horrorfilme der 70er und 80er Jahre erinnert. Auch wenn aus der Schloss-Location nicht genügend Potential herausgeholt wurde, Gordons Film ist stimmig, arbeitet mit allerhand klassischen Gruselelementen und erzählt eine Geschichte in der es nur Opfer gibt.

Die Tochter ist blind (was in ihren besten Szenen an „Geisterstadt der Zombies“ erinnert), die Mutter trauert um den verlorenen Sohn, der Vater leidet an Selbstvorwürfen, selbst eine am Rand auftauchende Prostituierte und ein Polizist baden in ihrer persönlichen Tragik, und der Film ist sensibel genug auch die Tragik des misshandelten, weggesperrten Sohnes in facettenreicher Ausschweifung auszuleuchten, so dass auch, wie für den klassischen Gruselfilm typisch, das Monster lediglich ein Opfer ist.

Geblutet wird in „Castle Freak“ nicht viel, aber wenn dann sind die Szenen nicht ohne. Toll ist, dass sie für die Geschichte nützlich eingebracht werden, da auch die Gore-Momente etwas zu erzählen wissen, uns Informationen liefern. Zur Story passend sind sie nicht nur schockierend und provozierend, auch sie baden in Tragik. Die Art wie das Monster seine Taten begeht, die Gründe für diese Taten, das Leid der Opfer, dies wird alles so empathisch eingefangen, dass man von dem Film, dem es eigentlich an einem brauchbaren Spannungsbogen fehlt (allein weil man von Anfang an in alles eingeweiht wird), geradezu gefesselt wird.

„Castle Freak“ ist für seine wackelige Geschichte recht glaubwürdig erzählt, zumindest was die Psychologie der Figuren betrifft und die verschiedenen Einflüsse der verschiedenen Leute auf das weitere Geschehen. Somit muss nur selten mit Ausreden gearbeitet werden wenn es darum geht warum man sich trennt. Sogar die Flucht aus einer Polizeigewahrsam wird plausibel begründet und geschildert. In solchen Momenten ist der Film sehr realistisch, während er an anderer Stelle, meist den Pflichten des Genres geschult, an den Haaren herbeigezogen wirkt.

Am effektivsten ist neben den Taten und der Tragik der Kreatur, die anbei bemerkt optisch prima zu wirken weiß, wohl die Tragik des Helden herausgearbeitet, eine Tragik aus dem Blickwinkel eines Mannes, wie nur er sich als Opfer sehen kann, missverstanden vom Empfinden einer Frau, die in anderen Maßstäben nach anderer Moral und anderen Prinzipien denkt.

Außerhalb von Filmen, die sich dies zum Schwerpunkt machen, so wie in „Up In The Air“ oder in der letzten Folge der fünften Staffel „Dexter“ geschehen, gibt es das so intensiv und korrekt herausgearbeitet nur selten zu sehen. Wahrscheinlich weil Männer nur ungern den Spiegel vorgehalten bekommen, ohnehin den Ruf besitzen nur selten dramatische Filme sehen zu wollen und Frauen diese Art Dramatik als lächerlich oder verlogen empfinden würden. Was auch immer es ist: schön dass „Castle Freak“, für ein Genre das damit nichts am Hut haben muss, in diesem Punkt ein Ausnahmefilm geworden ist.

In diesem und in einem anderen: für Ami-Verhältnisse wird hier nicht mit Nacktheit und sexuellen Aspekten gespart. Oralsex, eine Goreszene oben ohne, und der verstümmelte Pillemann der Kreatur als ein weiteres tragisches Element des Misshandelten, Gordon spart nicht an extremen Bildern, zumindest gesehen auf seine Entstehungszeit und in Anbetracht der Produktionsbedingungen. Da sich „Castle Freak“ wie erwähnt in seinem Stil sehr italienisch guckt, ist dies auch die richtige Entscheidung.

„Castle Freak“ ist ein Horror-Drama mit Wirkung, die Herkunft der Schundfilm-Ecke nicht komplett leugnen könnend, aber innerhalb seiner Nische gehobenere Unterhaltung als üblich bietend und nicht nur den Hirnlos-“WobleibtdennnurdasBlut“-Horror-Freak bedienend. Selten hat eine Kleinproduktion mich so überrascht wie dieses relativ unbekannte Produkt. Zumal ich in jüngeren Jahren, als ich nur auf reißerische Horrorfilme stand, mit dem hier vorliegenden Film so gar nichts anfangen konnte und ihn unglaublich langweilig fand. Da schämt man sich für sein altes, ignorantes Ich.

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